- 07.09.2018, 18:02:52
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"2008-2018: Dürre Jahre", OÖNachrichten-Leitartikel von Gerald Mandlbauer
OÖNachrichten vom 8. September 2018
Utl.: OÖNachrichten vom 8. September 2018 =
Linz (OTS) - Vor ziemlich genau zehn Jahren ist die US-Investmentbank
Lehman Brothers spektakulär pleitegegangen und hätte beinahe die
Weltfinanz zu Fall gebracht. Nur mit Mühe konnten Notenbanken und
Politik die Volkswirtschaften und das Geldsystem vor dem Kollaps
retten. Die Folgen dieses Absturzes im Herbst sind hinlänglich
bekannt, die Kapitelüberschriften dazu lauten Euro-Krise,
Griechenland, eine viele Jahre währende Rezession, Bankpleiten auch
in Österreich (Hypo Alpe Adria), Null- bzw. Negativzinsen,
Sparpakete.
Die Folgen wirken bis heute nach und in die Zukunft hinein. Pointiert
gesagt, ging damals eine alte Ordnung zugrunde. Unsere bisherige
Erwartung, seit 1945 geprägt von fortwährendem Aufschwung, ist
zerstoben. Der Krisenmechanismus der Zentralbanken, notwendig, um
noch dramatischere Folgen abzuwenden, hat durch die Flutung der
Märkte mit billigem Geld in Europa mit voller Wucht den Mittelstand
getroffen.
Die Sparer spüren es am deutlichsten. Wohlstand wurde mit niedrigen
Zinsen von den Privaten zu den Staaten umgeschichtet, die auf diese
Weise ihren Schuldendienst reduzieren.
Betrachtet man diese Gemengelage aus dem Abstand von zehn Jahren (was
die OÖN ab Dienstag in Form einer Kurzserie tun werden), stellt sich
die Frage, ob diese mageren Jahre mit stagnierenden Einkommen und
lähmenden Debatten über die Zukunft des Euro zur Verunsicherung und
damit zum Vertrauensverlust der Demokratie mehr beigetragen haben als
die derzeit als monokausale Begründung genannte Migrationswelle.
Offen ist, ob die notwendigen Lehren aus diesem Zerfall einer alten
Ordnung gezogen worden sind. Auf Lehman folgte erst einmal der große
Kater. Eine neue weltweite Finanzarchitektur müsse her, hatte es
geheißen. Gier müsse eingedämmt, toxische Produkte müssten verboten,
die Aufsicht verschärft werden.
Davon ist nicht nichts umgesetzt worden. Banken müssen heute ihre
Geschäfte mit viel mehr Eigenkapital hinterlegen. Europa hat, als
Herzstück seiner Bankenrichtlinie, für den Fall weiterer Großpleiten
einen komplizierten Absicherungsmechanismus entwickelt. Doch um die
ursprünglichen Absichten einer Fesselung der Finanzindustrie, einer
Zerschlagung der größten und systemrelevanten Institute, der
Besteuerung von Spekulation und Einführung eines Trennbankensystems
ist es auffallend ruhig geworden. Boni wachsen weiter in den Himmel,
systemrelevante Institute sind übermächtig geblieben, es herrscht
Regulierungswut, aber diese trifft die Falschen.
Am schwersten wiegt allerdings die Tatsache, dass die Schuldenpolitik
im Westen als Hauptauslöser der Ursprungskrise keine Umkehr bewirkt
hat. Der Schuldenstand der Welt ist 2018 höher als 2008. Die
Notenbanken haben so viel Pulver verschossen, dass fraglich ist, ob
noch die Mittel vorhanden sind, um auf eine neuerliche Krise adäquat
reagieren zu können. Und das billige Geld hat die Vermögen eines
Teils der Bevölkerung sprunghaft steigen lassen. Ist nach der Blase
vor der Blase? Dazu kommt, dass die US-Notenbank seit drei Jahren die
Zinsen erhöht, dies bringt bei den USA verschuldete Schwellenländer
in Not.
Vermögende sind besser durch diese zehn Jahre gekommen, weil sie die
Mittel hatten, ihr Vermögen breiter zu streuen. Während klassische
Einlagen keinen Zinsertrag mehr bieten, haben sich Aktien und
Immobilieninvestments hervorragend entwickelt. Das sehen einige
Untergangspropheten als Zeichen neuerlicher Überhitzung und Vorbote
des nächsten Crashs.
Die in der Geldanlage besonders unbeweglichen Österreicher waren in
diesem Szenario gleich zweifach die Geschnapsten. Sie blieben in der
Doppelmühle der Geldanlage gefangen. Als Aktienmuffel haben sie
erstens die positiven Effekte niedriger Zinsen auf die Aktienmärkte
als Chance links liegen gelassen und zweitens trotzdem die
Auswirkungen niedriger Zinsen auf die Spareinlagen zu tragen gehabt.
Auf diese Weise rächt sich die hierzulande betriebene Diffamierung
der Aktie als Spekulationspapier. Vermögensstreuung, ein Fremdwort in
der durchschnittlichen österreichischen Geldanlage. Dieses Versäumnis
geht in die Milliarden. Auch das sollte den Österreichern gesagt
werden, wenn sie die Erosion des Mittelstandes beklagen. Nicht alles
ist fremde Schuld.
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