• 06.08.2018, 22:00:16
  • /
  • OTS0102

TIROLER TAGESZEITUNG, Leitartikel: "Von Reißverschlüssen und Quoten", von Manfred Mitterwachauer

Ausgabe vom 7. August 2018

Utl.: Ausgabe vom 7. August 2018 =

Innsbruck (OTS) - Auf den Bürgermeistersesseln in Österreich sind
Frauen auch 100 Jahre nach Erkämpfung des Wahlrechts nach wie vor
eine Ausnahmeerscheinung. Das zu ändern, bedarf mehr als nur der
Forderung nach Quoten und Männer-Sonntagsreden.

Blickt man auf die Politspitzen der Tiroler Gemeindestuben, so
sind Frauen auch 100 Jahre nach Erlangung des Wahlrechts nach wie vor
nur eine Randerscheinung. Von 279 Gemeinden sind derzeit gezählte 15
weiblich besetzt. Genauer gesagt: in ihr Amt gewählt worden. Denn die
BürgermeisterInnen werden in Tirol direkt vom Volk gewählt. Und
abgewählt. Christine Oppitz-Plörer kann ein Lied davon singen. Im
Kampf gegen Georg Willi stach im Frühjahr auch die Frauen-Karte
nicht. Jetzt regiert ein grüner Mann die Landeshauptstadt.
Ausgerechnet. War es doch Oppitz-Plörers Vorgängerin in Amt und
Partei, die als erste Bürgermeisterin einer Landeshauptstadt
österreichische Geschichte schrieb. Wenngleich Hilde Zach damals eine
Direktwahl noch erspart blieb.
Ist jetzt also allein der Wähler schuld an der marginalen
Bürgermeisterinnenquote? Mitnichten. Bei den Gemeinderatswahlen 2016
in Tirol erhöhte sich ihr Anteil von elf auf 16. Noch 1994 war Helga
Machne als erste Bürgermeisterin Tirols alleine auf weiter Flur. Doch
die Zugewinne können beispielsweise mit jenen Frauenquoten, welche
selbst die Politik seit heuer für Aufsichtsräte börsennotierter
Unternehmen verpflichtend vorgeschrieben hat, bei Weitem nicht
mithalten. Denn das wären 30 Prozent. Österreichweit sind nur 7,7
Prozent aller Bürgermeisterposten mit Frauen besetzt. In den
Gemeinderäten liegt der Frauenanteil allen Reißverschlusssystemen der
Parteien zum Trotz ebenso bei mageren 23 Prozent, wie auch gestern
beim Bürgermeisterinnentreffen in St. Ulrich am Pillersee
hervorgehoben wurde.
Das zu ändern, bedarf mehr als nur männlicher Sonntagsreden.
Frauenförderung darf nicht beim Parteiprogramm Halt machen und ist
auch nicht mit einem (guten) 50-Prozent-Anteil in der Landesregierung
getan. Der Grundstein muss in den Gemeindestuben gesetzt werden. Auch
von Männern. Politikerinnen ist nämlich mehr als nur die Leitung des
örtlichen Sozialausschusses zuzutrauen. Frauen müssen vermehrt für
Spitzenkandidaturen gewonnen werden. Sie dürfen sich nicht länger mit
hinteren Quoten-Listenplätzen abspeisen lassen. Dazu braucht es Mut.
Vor allem aber auch Frauen, die bereit sind, Verantwortung zu
übernehmen. Allen Widerständen zum Trotz. Dann denkt womöglich auch
das Wahlvolk um. So wie im Zillertaler Mayrhofen. Dort hat sich
Monika Wechselberger als Dorfchefin durchgesetzt und etabliert.
Vorerst bleiben Wechselberger und ihre Amtskolleginnen aber nur
eines: die Ausnahme von der Regel.

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | PTT

Bei Facebook teilen.
Bei X teilen.
Bei LinkedIn teilen.
Bei Xing teilen.
Bei Bluesky teilen

Stichworte

Channel