Die Dolmetscherin als Verräterin?

Österreichischer Berufsverband für Dolmetschen und Übersetzen: geplante Vorladung der Trump-Dolmetscherin ist berufsethisch bedenklich

Wien (OTS) - Der von US-amerikanischen Demokraten und Republikanern vorgebrachte Plan, die russische Trump-Dolmetscherin Marina Gross vor den Kongress zu zitieren, um sie zum Inhalt des Vieraugengesprächs zwischen Trump und Putin in Helsinki zu befragen, wirft berufsethische wie rechtliche Bedenken auf. „Vertraulichkeit und Unparteilichkeit sind das Um und Auf unseres Berufes,“ unterstreicht Dagmar Jenner, die Präsidentin von UNIVERSITAS Austria, Berufsverband für Dolmetschen und Übersetzen, die zentrale Funktion dieses Berufes. „Wären wir nicht laut unserer verbandsinternen Ehrenordnung zur Verschwiegenheit verpflichtet, würde sich jedes vertrauliche Gespräch, ob im Geschäftsleben oder in der Diplomatie, ad absurdum führen.“ Anders als etwa bei der anwältlichen Verschwiegenheitspflicht ist im nicht reglementierten Gewerbe des Dolmetschens diese Pflicht allerdings nicht gesetzlich festgeschrieben.  

Im hypothetischen, da bisher nicht vorgekommenen Fall einer Ladung vor einen Untersuchungsausschuss des österreichischen Parlaments hätte eine Dolmetscherin oder ein Dolmetscher wohl keine Möglichkeit, die Aussage zu verweigern – und würde damit einen groben Verstoß gegen den Ehrenkodex begehen. „Allein der Gedanke, anstatt sich auf den Hauptakteur der Ereignisse zu konzentrieren – aus amerikanischer Sicht Trump –, die Dolmetscherin in eine ethische Zwickmühle zu bringen, schätze ich als äußerst bedenklich ein,“ so die Standesvertreterin. Darüber hinaus befeuere diese Vorgangsweise leider den gängigen Argwohn gegenüber DolmetscherInnen, denen nicht zu trauen sei. „Diese Einschätzung steht unserem Selbstverständnis und unserer Berufspraxis diametral entgegen.“

Des Weiteren offenbart das Ansinnen ein weiteres Informationsdefizit über den Beruf des Dolmetschens: Die Dolmetscherin möge ihre Notizen zur Einsicht offenlegen. Dies ignoriert, dass die Notizentechnik beim Dolmetschen immer ein höchst individuelles System an Kürzeln, Symbolen und anderen Stützen für das Kurzzeitgedächtnis ist. Diese Notizen sind zur unmittelbaren Verwendung gedacht und besonders für Dritte im Nachhinein nicht nachvollziehbar.

Der Berufsverband UNIVERSITAS Austria mit über 800 Mitgliedern ist die größte Interessensvertretung von DolmetscherInnen und ÜbersetzerInnen in Österreich. Seit über 60 Jahren setzt er sich für bessere Rahmenbedingungen der Berufsausübung, Information der Öffentlichkeit über das Berufsbild, Professionalisierung und ständige Weiterbildung der Mitglieder ein.

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