Neue ÖIF-Publikation „Perspektiven Integration“: Expert/innen zu Zusammenleben und Solidarität im Kontext von Zuwanderung

Philosophen Miller und Stadler, Netzwerkforscher Katzmair, Autorin Walterskirchen, Weihbischof Scharl, Historiker Wolffsohn und Grabherr sowie Theologe Beck im Interview

Wien (OTS) - Die neue Ausgabe der Interviewreihe „Perspektiven Integration“ des Österreichischen Integrationsfonds (ÖIF) beleuchtet die Auswirkungen von Zuwanderung auf den Zusammenhalt und die Solidarität innerhalb der Gesellschaft. Einschätzungen aus unterschiedlichen fachlichen Blickwinkeln liefern Christian Stadler (Universitätsprofessor für Rechtsphilosophie), Michael Wolffsohn (Historiker und Publizist), Gudula Walterskirchen (Buchautorin und Historikerin), Matthias Beck (Universitätsprofessor für Moraltheologie), Harald Katzmair (Netzwerkforscher und Philosoph), Franz Scharl (Weihbischof), Eva Grabherr (Historikerin und Geschäftsführerin der Projektstelle für Zuwanderung und Integration „okay.zusammenleben“) sowie David Miller (Philosoph und Professor für Politische Theorie an der Universität Oxford).

Stadler: „Wertefundament ist Basis des Zusammenlebens“

Universitätsprofessor und Rechtsphilosoph Christian Stadler sieht den Zusammenhalt als Grundlage des Vertrauens der Bürger einer Gesellschaft: „Ohne Zusammenhalt geht das Vertrauen in die Mitbürgerschaft von modernen Gesellschaften zunehmend verloren, da man nicht mehr sicher wissen kann, welche Verhaltensweisen, Wertungen und Einstellungen mein Gegenüber auf der Straße, in der U-Bahn oder in einem Supermarkt prägen.“ Dieser Umstand schaffe Unsicherheiten im Zusammenleben, weshalb es ein starkes Wertefundament brauche: „Nur eine Gesellschaft, die auf einem soliden gemeinsamen Wertefundament ruht, kann tatsächlich liberal verfasst sein. Auf einem soliden Werte- und Orientierungsfundament kann eine liberale Gesellschaft offen zu fremden Kulturen sein und deren ‚Andersheit‘ als Bereicherung oder zumindest als befruchtende Differenz begreifen“, so Stadler.

Wolffsohn: „Gemeinschaft braucht Regelwerk“

Für den deutsch-israelischen Historiker und Publizisten Michael Wolffsohn ist Vielfalt ein Merkmal moderner Gesellschaften, welches wiederum den Zusammenhalt und die Gemeinschaft beeinflusst: „Wir müssen uns von der Illusion des gesellschaftlichen Schmelztiegels lösen und die plurale Gesellschaft, also Vielschichtigkeit, als Faktum anerkennen.“ Damit eine solch vielschichtige Gesellschaft funktioniert, sei es unverzichtbar, ein gemeinsames Regelwerk zu definieren und einzufordern: „Wie im Straßenverkehr, so im gesellschaftlichen Leben. Sonst wären Chaos und Faustrecht die Regel.“ Wolffsohn betont, dass der Staat Rahmenbedingungen und klare Vorgaben schaffen müsse, deren Einhaltung für alle Mitglieder – unabhängig von Herkunft oder Religion – verbindlich sind. So könne der gesellschaftliche Zusammenhalt gefördert werden.

Miller: „Problematisch ist, wenn die Identität einzelner Gruppen stärker als die nationale ist“

Für den britischen Philosophen David Miller birgt Multikulturalität besondere Herausforderungen, wenn es um gesellschaftlichen Zusammenhalt und Solidarität geht: „Die Identitäten einzelner Teilgruppen können so beherrschend und bestimmend werden, dass sich ihre Mitglieder nicht mehr dem ‚großen Ganzen‘, der gemeinsamen nationalen Identität zugehörig fühlen.“ Das passiere besonders häufig dort, wo politische Kräfte Einfluss nehmen und Mitglieder dazu anstiften, sich von der Mehrheitsgesellschaft abzugrenzen. Umso wichtiger sei es laut Miller, dass der Staat das Gefühl der Gemeinschaft fördert: „Politiker können auch einen positiven Einfluss auf den Zusammenhalt einer Gesellschaft haben: Wenn sie eine Politik verfolgen, die Menschen zusammenbringt und den Fokus darauf legt, was eine Gesellschaft zusammenhält.“

Walterskirchen: „Religion darf nicht zur Abgrenzung benützt werden“

Gudula Walterskirchen, Buchautorin und Herausgeberin der „Niederösterreichischen Nachrichten“, erklärt: „Zusammenhalt funktioniert nur, wenn jede und jeder – je nach Leistungsfähigkeit – bereit ist, etwas für die Gemeinschaft und das Gemeinwohl beizutragen.“ So brauche es statt Anspruchsdenken eine Förderung des Leistungsgedankens und klare gemeinsame Grundwerte. Problematisch beurteilt sie für die Gemeinschaft und die Solidarität innerhalb der Gesellschaft religiös bedingte Abgrenzung einzelner Gruppen: „An sich ist Religion etwas Positives, weil sie den Menschen zum Gutsein anleitet. Problematisch wird es, wenn sie zur Abgrenzung führt, ja für eine Gegnerschaft gegen alle anderen, die nicht zur Religionsgemeinschaft gehören, benützt und missbraucht wird. Das gilt für alle Religionen.“

Weihbischof Scharl: „Zusammenhalt nur bei Klarheit über gesellschaftliche Grundannahmen“

Der für die anderssprachigen Gemeinden der Erzdiözese Wien zuständige Weihbischof Franz Scharl weist darauf hin, dass besonders für plurale, multikulturelle Gesellschaften Solidarität wichtig sei: „Sie brauchen ein anspruchsvolleres aktives Einbringen gelebter Solidarität, ebenso wie sie Klarheit über wenige, aber überlebensnotwendige Grundannahmen brauchen: Zum Beispiel die Annahme, dass alle Menschen von gleicher Würde sind und es eine gemeinsame Sprache braucht, die alle verstehen können.“ Religion könne sich laut Weihbischof Scharl sowohl förderlich als auch behindernd auf den Zusammenhalt auswirken: „Entscheidend ist dabei, wie Religion konkret ausgestaltet wird. Religionen sind nicht alle gleich, sondern jede ist anders. Das macht die Angelegenheit spannend und herausfordernd.“

Beck: „Grundkonsens über Freiheit und Menschenwürde muss gegeben sein“

Ein klarer Grundkonsens über Freiheit, Menschenwürde, Gleichberechtigung und vor allem Demokratie ist für Matthias Beck, Universitätsprofessor für Moraltheologie, jener Eckpfeiler, der Zusammenhalt in einer vielfältigen Gesellschaft sichern kann. So müssen diese Grundwerte des Zusammenlebens auch in Zeiten verstärkter Zuwanderung Bestand haben: „In einem Land mit vielen Kulturen, Ethnien und Religionen müssen Menschen aufeinander zugehen und sich bemühen, den anderen zu akzeptieren. Das darf aber nicht bedeuten, dass ein Land wie Österreich seine eigenen Wertvorstellungen relativiert oder gar aufgibt.“

Grabherr: „Sozialen Zusammenhalt immer wieder neu herstellen“

Eva Grabherr, Historikerin und Leiterin der Projektstelle für Zuwanderung und Integration „okay.zusammen leben“, betont, dass die Bereitschaft zur Solidarität mit anderen Menschen ein wichtiger Ausdruck von Zusammenhalt ist. Dieser sei jedoch nicht selbstverständlich und müsse immer wieder neu hergestellt und über tägliche Prozesse erhalten werden: „Transnationalisierung und Migration wirken sich auch auf den sozialen Zusammenhalt einer Gesellschaft aus. Neben klaren Regeln ist auch Vertrauen zwischen den Menschen zentral für das Funktionieren einer Gesellschaft“, so Grabherr. Gerade bei der Integration von Zuwander/innen seien das Erlernen der Sprache, aber auch Kenntnis der Regeln hierzulande wichtig, um teilhaben zu können. Dies generiere wiederum Gemeinschaft und stärke den sozialen Zusammenhalt neu.

Katzmaier: „Plurale Gesellschaften brauchen gemeinsame Zukunftsvorstellung“ 

Netzwerkforscher Harald Katzmaier sieht Solidarität und Zusammenhalt innerhalb einer Gesellschaft als wesentliche Triebfeder für deren positive Weiterentwicklung. Gesellschaften, in denen unterschiedliche Ethnien oder Religionen zusammenleben, brauchten eine gemeinsame Vorstellung der Zukunft, um zu funktionieren: „Wenn diese gemeinsame Zukunft fehlt, sind diverse Gesellschaften eher dafür anfällig, dass ethnische Zugehörigkeiten zu Demarkationslinien werden“, so Katzmaier. Ein erfolgreicher Integrationsprozess müsse somit ein Modell der Zukunft zum Ziel haben, in dem alle Mitglieder der Gesellschaften produktive Rollen einnehmen und zur Gemeinschaft beitragen: „Das bedeutet auch, ehrliche Antworten auf die offene Frage zu suchen, wer wir in Zukunft sein wollen.“

„Perspektiven Integration“: Experteneinschätzungen zu kontroversiellen Themen

Die Publikationsreihe „Perspektiven Integration“ des ÖIF thematisiert laufend aktuelle Herausforderungen im Integrationsbereich mit anerkannten Wissenschaftler/innen, Forscher/innen und Expert/innen. Die Interviews führt „Die Presse“-Redakteur Köksal Baltaci. Bisher erschienen sind Ausgaben zu „Verschleierung im Islam“, „Islam europäischer Prägung“, „Menschen türkischer Herkunft in Österreich“, „Migration und Sicherheit“, „Gewalt gegen Frauen im Kontext von Migration“ und „Parallelgesellschaft – Segregation und desintegrative Milieus“. Alle bisher erschienenen Ausgaben der Publikationsreihe „Perspektiven Integration“ finden Sie hier zum Download: https://www.integrationsfonds.at/perspektiven.

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