OÖNachrichten-Leitartikel: "Geringschätzung von höchster Ebene", von Gerald Mandlbauer

Ausgabe vom 19. Dezember 2017

Linz (OTS) - Es ist ein frommer Wunsch, dass Politik rein von sachlichen Überlegungen getragen sein solle. Der Einfluss des Faktors Mensch blockiert pure Rationalität, dazu kommen gruppendynamische Effekte, Herdentrieb, Hierarchien, Sozialisation. Wer in Wien sitzt und zeit seines Lebens dort geprägt worden ist, hat naturgemäß einen anderen Blick auf Österreich als jemand, der hinter St. Pölten beheimatet ist. Teams sollen daher immer fein austariert sein.
Ohne Zweifel ist es daher ein Affront erster Güte und eine Geringschätzung eines ganzen Landes, wenn die neue Regierung meint, ohne Oberösterreicher auf Ministerebene auskommen zu müssen. Sie hebelt damit das Prinzip von größtmöglicher Ausgewogenheit aus, einmalig in der Betrachtung der letzten Jahrzehnte.
Selbst wenn Landeshauptmann Stelzer und sein Vize Haimbuchner die Sache verniedlichen, heißt es: 1,45 Millionen Oberösterreicher stehen gefühlt in der zweiten Reihe. Auch über den Einfluss Stelzers – er ist immerhin formell hinter Sebastian Kurz Nummer zwei – sagt dies einiges aus.
Eigenwillig, um es zurückhaltend zu sagen, die Begründung des neuen Kanzlers, der erklärte, er habe sein Team auf Vertrauen und Expertise aufgebaut. Soll das bedeuten: Kein Vertrauen zu Oberösterreichern? Keine Kompetenz hierzulande? Oder bestätigt sich damit nur jene hier zirkulierende Sichtweise, wonach bei Kurz nur eine Chance habe, wer zum engsten Kreis gehöre und über wenig Hausmacht und Eigenständigkeit verfüge.
Unverstellter bringen Oberösterreichs Freiheitliche ihre Unzufriedenheit zum Ausdruck. Sie nehmen für sich in Anspruch, einen deutlicheren standortpolitischen und staatsräsonistischen Zugang zu haben als die „sozialpopulistische“ Parteiführung. Wenn die Oberösterreicher also nicht zum Zuge kommen, wären damit alle Meldungen falsch, wonach Oberösterreich das Labor für Türkis-Blau im Bund gewesen sei. So ist es eben nicht. Von Blaupause kann keine Rede sein, eher reden wir von einem Ausschlussgrund.
Wie soll sich die Landespolitik verhalten? Sie könnte Anleihen nehmen bei den Steirern, die schon immer aufsässiger, kritischer und selbstbewusster aufgetreten sind. Diese Widerborstigkeit hat sich nie zum Schaden der Steiermark ausgewirkt. Sie ist ernst genommen worden, was im Falle Oberösterreichs momentan nicht so ist.

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