• 18.12.2017, 18:00:01
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  • OTS0212

OÖNachrichten-Leitartikel: "Geringschätzung von höchster Ebene", von Gerald Mandlbauer

Ausgabe vom 19. Dezember 2017

Utl.: Ausgabe vom 19. Dezember 2017 =

Linz (OTS) - Es ist ein frommer Wunsch, dass Politik rein von
sachlichen Überlegungen getragen sein solle. Der Einfluss des Faktors
Mensch blockiert pure Rationalität, dazu kommen gruppendynamische
Effekte, Herdentrieb, Hierarchien, Sozialisation. Wer in Wien sitzt
und zeit seines Lebens dort geprägt worden ist, hat naturgemäß einen
anderen Blick auf Österreich als jemand, der hinter St. Pölten
beheimatet ist. Teams sollen daher immer fein austariert sein.
Ohne Zweifel ist es daher ein Affront erster Güte und eine
Geringschätzung eines ganzen Landes, wenn die neue Regierung meint,
ohne Oberösterreicher auf Ministerebene auskommen zu müssen. Sie
hebelt damit das Prinzip von größtmöglicher Ausgewogenheit aus,
einmalig in der Betrachtung der letzten Jahrzehnte.
Selbst wenn Landeshauptmann Stelzer und sein Vize Haimbuchner die
Sache verniedlichen, heißt es: 1,45 Millionen Oberösterreicher stehen
gefühlt in der zweiten Reihe. Auch über den Einfluss Stelzers – er
ist immerhin formell hinter Sebastian Kurz Nummer zwei – sagt dies
einiges aus.
Eigenwillig, um es zurückhaltend zu sagen, die Begründung des neuen
Kanzlers, der erklärte, er habe sein Team auf Vertrauen und Expertise
aufgebaut. Soll das bedeuten: Kein Vertrauen zu Oberösterreichern?
Keine Kompetenz hierzulande? Oder bestätigt sich damit nur jene hier
zirkulierende Sichtweise, wonach bei Kurz nur eine Chance habe, wer
zum engsten Kreis gehöre und über wenig Hausmacht und
Eigenständigkeit verfüge.
Unverstellter bringen Oberösterreichs Freiheitliche ihre
Unzufriedenheit zum Ausdruck. Sie nehmen für sich in Anspruch, einen
deutlicheren standortpolitischen und staatsräsonistischen Zugang zu
haben als die „sozialpopulistische“ Parteiführung. Wenn die
Oberösterreicher also nicht zum Zuge kommen, wären damit alle
Meldungen falsch, wonach Oberösterreich das Labor für Türkis-Blau im
Bund gewesen sei. So ist es eben nicht. Von Blaupause kann keine Rede
sein, eher reden wir von einem Ausschlussgrund.
Wie soll sich die Landespolitik verhalten? Sie könnte Anleihen nehmen
bei den Steirern, die schon immer aufsässiger, kritischer und
selbstbewusster aufgetreten sind. Diese Widerborstigkeit hat sich nie
zum Schaden der Steiermark ausgewirkt. Sie ist ernst genommen worden,
was im Falle Oberösterreichs momentan nicht so ist.

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