Kinderwunsch und Reproduktionsmedizin: Körtner sieht hohen Diskussionsbedarf

Argumentarium „Fortpflanzungsmedizin und Behinderung“ wird bei der Generalsynode der Evangelischen Kirche vorgestellt

Vieles, was früher dem Zufall überlassen war, ist heute der Wahl bzw. einer bewussten Entscheidung anheimgestellt. Und die Frage ist: Wie können betroffene Paare gute und verantwortete Entscheidungen treffen? Dafür braucht es ethische Reflexion
Ulrich H.J. Körtner
Die verschiedenen Methoden und Verfahren der modernen Reproduktionsmedizin bieten Paaren mit Kinderwunsch und werdenden Eltern neue Möglichkeiten. Aus evangelischer Sicht geht es nicht darum, zu sagen: Diese Methode ist gut und erlaubt, jenes Verfahren ist schlecht und verboten. Sondern evangelische Ethik betrachtet reproduktionsmedizinische Entscheidungen als moralische Konfliktsituationen, in denen abgewogen werden muss
Maria Katharina Moser
Nicht moralische Appelle oder Verbote sind hier angezeigt, sondern konkrete Unterstützungsmaßnahmen ebenso wie ein gesellschaftliches Klima der Offenheit und des Respekts vor der Selbstbestimmung von Menschen mit Behinderung.
Michael Chalupka

Wien (OTS) -    Hohen Diskussionsbedarf rund um die Themen Kinderwunsch und Reproduktionsmedizin ortet der evangelische Theologe und Direktor des Instituts für öffentliche Theologie und Ethik der Diakonie (IöThE), Ulrich H.J. Körtner. Während es vor drei Jahren noch eine intensive öffentliche Debatte rund um die Fortpflanzungsmedizin gegeben habe, sei es, seit das neue Fortpflanzungsmedizingesetz Anfang 2015 in Kraft getreten ist, um das Thema ruhig geworden. Tatsächlich bleibe die Entwicklung aber nicht stehen. Körtner: „Immer neue Untersuchungsmethoden kommen auf den Markt, und auch die Keimbahntherapie rückt in greifbare Nähe. Hier besteht großer Diskussionsbedarf“. Reproduktionsmedizinische Entscheidungen wie künstliche Befruchtung, Präimplantationsdiagnostik, Pränataldiagnostik, Samenspende usw. seien quasi Alltag geworden. „Vieles, was früher dem Zufall überlassen war, ist heute der Wahl bzw. einer bewussten Entscheidung anheimgestellt. Und die Frage ist: Wie können betroffene Paare gute und verantwortete Entscheidungen treffen? Dafür braucht es ethische Reflexion“, sagt Körtner.

Diese Entscheidungen will nun ein neues Argumentarium unterstützen, das das Institut für öffentliche Theologie und Ethik der Diakonie erstellt hat. Im Rahmen der Generalsynode der Evangelischen Kirche, die derzeit in Linz tagt, wird dieses Argumentarium den Mitgliedern des evangelischen „Kirchenparlaments“ am Samstag, 9. Dezember, präsentiert. Auf zwölf Seiten werden verschiedene ethische Positionen und Argumente zu In-vitro-Fertilisation, Präimplantationsdiagnostik und Pränataldiagnostik vorgestellt.

Aus evangelischer Sicht

„Die verschiedenen Methoden und Verfahren der modernen Reproduktionsmedizin bieten Paaren mit Kinderwunsch und werdenden Eltern neue Möglichkeiten. Aus evangelischer Sicht geht es nicht darum, zu sagen: Diese Methode ist gut und erlaubt, jenes Verfahren ist schlecht und verboten. Sondern evangelische Ethik betrachtet reproduktionsmedizinische Entscheidungen als moralische Konfliktsituationen, in denen abgewogen werden muss“, erklärt die Autorin des Argumentariums und wissenschaftliche Referentin des IöThE, Maria Katharina Moser. Sie denke hier etwa an Paare, die schon mehrere Fehlgeburten hinter sich haben. Präimplantationsdiagnostik könne ihnen helfen, vor der Übertragung in die Gebärmutter jenen Embryo zu identifizieren, der die größte Chance auf eine erfolgreiche Schwangerschaft hat. Oder an Paare, die nach einer pränatalen Untersuchung die Diagnose „schwere Behinderung“ bekommen. „Die werdenden Eltern haben sich auf dieses Kind gefreut. Die Diagnose lässt einen Lebenstraum platzen. Prinzipielle moralische Urteile helfen solchen Paaren nicht weiter. Es geht darum, der konkreten Situation möglichst gerecht zu werden und Verantwortung zu übernehmen“, betont Moser. „Zu wissen, was ich tun soll, was ethisch gesehen gut und richtig wäre, ist das eine“, so Moser weiter. Das andere sei die Frage, „ob ich das, was ich als richtig erkannt habe, auch tun kann. Was sind meine Möglichkeiten, wo liegt meine Belastungsgrenze? An diesem Punkt ist auch die Gesellschaft gefragt.“ Denn „rechtliche und soziale Regelungen, aber auch Wertvorstellungen und das gesellschaftliche Meinungsklima schaffen erst den Raum, in dem Eltern gut und verantwortlich handeln können“.

Dazu Diakonie-Direktor Michael Chalupka: „Natürlich ist die evangelische Ethik überzeugt, dass jedes Leben wertvoll und schützenswert ist – auch und besonders das kranke und behinderte. Natürlich sind die Evangelischen Kirchen sensibel gegenüber einer ‚Eugenik von unten‘. Gerade die Diakonie, die in ihren Einrichtungen mit Menschen mit Behinderung arbeitet und sich für ihre Rechte einsetzt, findet: Ja, Eltern sollen sich auf ein behindertes Kind einlassen. Das ist ein ethisches Ideal. Aber man kann dieses Ideal nicht einfordern oder durch Verbote quasi erzwingen. Nicht moralische Appelle oder Verbote sind hier angezeigt, sondern konkrete Unterstützungsmaßnahmen ebenso wie ein gesellschaftliches Klima der Offenheit und des Respekts vor der Selbstbestimmung von Menschen mit Behinderung.

Argumentarien des IöThE

Das Institut für öffentliche Theologie und Ethik der Diakonie macht es sich zur Aufgabe, die theologischen und ethischen Grundprinzipien in der diakonischen Arbeit ins Bewusstsein zu heben, zu reflektieren und weiterzuentwickeln. Mit der Publikationsreihe „Argumentarium“ greift das IöThE gesellschaftlich virulente ethische Fragen auf, stellt Diskurse und Argumente vor und kommentiert sie aus evangelischer Perspektive. Das Argumentarium will Orientierung bieten und zur persönlichen ethischen Urteilsbildung anregen. Bisher sind Argumentarien zu den Themen Sterbehilfe, Demenz sowie Flucht und Asyl erschienen.

Download Argumentarium Nr. 4 „Fortpflanzungsmedizin und Behinderung“ auf http://diakonie.at/ethik


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