- 05.12.2017, 10:43:59
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Jüdisches Museum Wien: Neue Ausstellung „Genosse.Jude.“
Wien (OTS/RK) - Das Jüdische Museum Wien, ein Museum der Wien
Holding, präsentiert von 6. Dezember 2017 bis 1. Mai 2018 die neue
Ausstellung „Genosse.Jude. Wir wollten nur das Paradies auf Erden“,
die sich mit der Strahlkraft der russischen Revolution und dem Kampf
um Gleichstellung befasst.
Jüdische KommunistInnen als VermittlerInnen
„Alle Macht den Sowjets. Frieden, Land und Brot“. Für diese Devise
begeisterten sich auch viele Jüdinnen und Juden. In Russland
erhofften sie sich einen Bruch mit dem jahrhundertealten
Antisemitismus des Zarenreichs. Die Strahlkraft der Revolution ging
weit über die russischen Grenzen hinaus. Weltweit und auch in
Österreich begannen Jüdinnen und Juden für die Gleichstellung aller
Menschen zu kämpfen. Sie alle träumten vom Paradies auf Erden. Dabei
entstanden enge Beziehungen zwischen österreichischen und russischen
MarxistInnen. Oft waren es jüdische KommunistInnen, die zwischen
diesen beiden Welten vermittelten. Diese Verbindungen auf
diplomatischer, politischer, gesellschaftlicher und kultureller Ebene
bilden den Ausgangspunkt für die Betrachtung der geschichtlichen
Ereignisse beider Länder. Beginnend mit dem Exil Leo Trotzkis in Wien
noch vor der Oktoberrevolution und endend mit dem Zerfall der
Sowjetunion.
Sonnenaufgang oder Sonnenuntergang
Viele bedeutende VertreterInnen der Arbeiterbewegung waren keine
Jüdinnen und Juden. Ebenso waren die meisten Jüdinnen und Juden keine
Revolutionäre, SozialistInnen oder KommunistInnen. Und dennoch trugen
Jüdinnen und Juden, gemessen an ihrem Bevölkerungsanteil,
überproportional zur Entwicklung des Sozialismus bei. Dies zeigt sich
bereits an den Gründerfiguren der Bewegung: Karl Marx, Moses Hess,
Ferdinand Lassalle, Viktor Adler, Rosa Luxemburg und Leo Trotzki
wurden zu Ikonen der internationalen Arbeiterbewegung. Ihre jüdische
Herkunft wurde von den meisten nur am Rande thematisiert.
Antisemitismus war für sie ein Symptom des Kapitalismus und würde in
einer klassenlosen Gesellschaft nicht mehr existieren. Mit dem
Untergang des Kapitalismus würden sich auch Jüdinnen und Juden völlig
assimilieren.
Auf besonders fruchtbaren Boden stieß die revolutionäre
Arbeiterbewegung in Osteuropa. Im zaristischen Russland lebten mehr
als fünf Millionen Jüdinnen und Juden in den westlichen Provinzen.
Ihr Leben war von ökonomischem Elend, restriktiven Gesetzen und
Pogromen bestimmt. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts organisierten sich
politisch aktive Jüdinnen und Juden in den verschiedenen Teilen und
Fraktionen der Arbeiterbewegung. Vom zaristischen Regime wurden
Revolutionäre verfolgt, verhaftet und nach Sibirien in die Verbannung
verschickt. Einige flüchteten über die österreichisch-russische
Grenze in den Westen. Neben Zürich, Paris und Berlin war Wien ein
wichtiger Zufluchtsort.
Leo Trotzki im politischen Exil in Wien
Einer der prominentesten politischen Flüchtlinge war Leo Trotzki,
der sich mit kurzen Unterbrechungen von 1907 bis 1914 in der
Kaiserstadt aufhielt. In Zusammenarbeit mit Adolf Joffe gab er in
Wien die Prawda in russischer Sprache heraus, die über die galizische
Grenze oder das Schwarze Meer nach Russland geschmuggelt wurde, um so
die Revolution in Russland vorzubereiten. Im Café Central traf er mit
den führenden Vertretern der österreichischen Sozialdemokratie
zusammen: Otto Bauer, Max Adler und Karl Renner.
Als er nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs Wien überstürzt
verlassen musste, war es Viktor Adler, der ihm 300 Kronen für die
Flucht aus Österreich lieh. Zurück in Wien blieben Trotzkis
Bibliothek und sein umfangreiches Archiv. Er selbst flüchtete mit
seiner Familie über die Schweiz, Frankreich und Spanien in die USA.
Nach dem Sturz des Zarenregimes kehrte er im Mai 1917 nach Russland
zurück, um gemeinsam mit Lenin die Revolution zu vollenden.
Als „10 Tage, die die Welt erschütterten“, nach dem Roman des
amerikanischen Journalisten John Reed, ging die Oktoberrevolution in
die Weltgeschichte ein. Die ganze Welt blickte auf Russland. Die Idee
einer gerechten Welt erweckte vielerorts große Erwartungen. Der
bewusste Bruch Sowjetrusslands mit dem Antisemitismus des Zarenreichs
weckte bei vielen Jüdinnen und Juden enorme Hoffnungen. Vor allem die
junge Generation engagierte sich für den neuen Staat.
Jüdische KommunistInnen in der KPÖ
Von Beginn an nahmen jüdische Genossinnen und Genossen wichtige
Positionen in der KPÖ ein, andere leisteten Parteiarbeit im
Hintergrund. Manche wie Malke Schorr fanden über die zionistische
Arbeiterbewegung Poale Zion den Weg zur kommunistischen Partei. Sie
wurde zur Leiterin der Österreichischen Roten Hilfe, die politische
Flüchtlinge und deren Angehörige unterstützte. Auch die in der
Bukowina geborene Prive Friedjung schloss sich zunächst der Poale
Zion an, bevor sie Mitglied der kommunistischen Partei wurde.
Religion spielte im Leben der jüdischen KommunistInnen meist keine
Rolle. Viele besiegelten dies mit dem Austritt aus der Israelitischen
Kultusgemeinde. Manche wie Bruno Frei, die aus traditionellen
jüdischen Familien stammten, blieben dem Judentum trotz
kommunistischer Gesinnung ihr ganzes Leben lang treu.
Jüdinnen und Juden im Räderwerk des stalinistischen Terrors
In den 1930er-Jahren verschärfte sich in der Sowjetunion das
gesellschaftliche und politische Klima. Rund um Stalin entwickelte
sich ein Personenkult, der groteske Ausmaße annahm. Zahlreiche
SowjetbürgerInnen gerieten in die Fänge des Sicherheitsdienstes NKWD,
weil sie sich vor der Oktoberrevolution in anderen Parteien
organisiert hatten, weil sie Kontakte ins Ausland unterhielten oder
weil sie im Spanischen Bürgerkrieg gekämpft hatten. Besonders
gefährdet waren Personen, die im Verdacht standen, Trotzkisten zu
sein. Zwar war die stalinistische Kampagne gegen „Abweichler“,
„Andersdenkende“, reale und vermeintliche politische GegnerInnen
nicht von einer expliziten antisemitischen Propaganda begleitet. Doch
waren viele sowjetische Jüdinnen und Juden vor 1917 im Bund oder in
anderen jüdischen Arbeiterbewegungen engagiert gewesen, etliche
hatten familiäre Beziehungen ins Ausland. Allein aus diesen Gründen
fielen sie häufig den Repressionen zum Opfer.
Mit dem Angriff Hitlerdeutschlands auf die Sowjetunion wurden alle
Kräfte für die Verteidigung des Landes mobilisiert und daher auch aus
taktischen Gründen die politischen Repressionen zum Teil
zurückgefahren. Die bedeutendsten sowjetischen KünstlerInnen und
SchriftstellerInnen, unter ihnen viele Juden wie El Lissitzky, Boris
Jefimow, Alexander Labas, Ossip Brik, Ilja Ehrenburg und Samuil
Marschak, stellten sich in den Dienst der sowjetischen
Kriegspropaganda.
Wien als Drehscheibe sowjetisch-jüdischer Emigration
Während die polnischen Jüdinnen und Juden ihre Heimat nicht
freiwillig verließen, sondern aus ihren Ämtern entlassen und verjagt
wurden, entschieden sich einige sowjetische Jüdinnen und Juden
bewusst für die Auswanderung. Diese Möglichkeit stand ihnen als
einziger nationalen Gruppe offen, ein Privileg, das gleichzeitig auch
zum Makel wurde. Nach Jahrzehnten der kommunistischen Erziehung ohne
Bindung an Religion und nationale Herkunft machten sich viele Anfang
der 1970er-Jahre auf die Suche nach ihrer verlorenen jüdischen Kultur
und Tradition.
„Genosse.Jude – Wir wollten nur das Paradies auf Erden“ ist von 6.
Dezember 2017 bis 1. Mai 2018 im Jüdischen Museum Wien, einem Museum
der Wien Holding zu sehen. Zu der von Gabriele Kohlbauer-Fritz und
Sabine Bergler kuratierten und von Stefan Fuhrer gestalteten
Ausstellung erscheint auch ein zweisprachiger Katalog zum Preis von
29,95 € im Amalthea Signum Verlag mit zahlreichen farbigen, teils
noch nie zuvor veröffentlichten, Abbildungen. Das Jüdische Museum
Wien, 1010 Wien, Dorotheergasse 11, ist von Sonntag bis Freitag 10
bis 18 Uhr geöffnet. Der zweite Standort, Museum Judenplatz,
Judenplatz 8, 1010 Wien, ist von Sonntag bis Donnerstag von 10 bis 18
Uhr, Freitag 10 bis 14 Uhr (Winterzeit) bzw. 17 Uhr (Sommerzeit)
geöffnet.
Weitere Informationen unter www.jmw.at oder unter [email protected].
Foto- und Pressematerial zu den aktuellen Ausstellungen finden Sie
auf der Homepage des Jüdischen Museums Wien unter
www.jmw.at/de/presse
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