• 21.11.2017, 15:12:08
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Reha der Zukunft: Individueller Zugang erforderlich

Wien (OTS) - Am 17. November 2017 veranstaltete das BBRZ –
Berufliches Bildungs- und Rehabilitationszentrum – die 1. Reha
NEXT-Enquete, ein hochkarätig besetztes Symposium zum Thema „Systeme
im Umbruch. Psychische Rehabilitation im Kontext sich wandelnder
Arbeitswelten“. Eine Reihe von namhaften Experten diskutierte über
Strategien und Herausforderungen, um Reha-Angebote an die zukünftigen
gesellschaftlichen Entwicklungen anzupassen.

Mehr als 300 Gäste verfolgten die ganztägige Enquete im Wiener Tech
Gate. Sechs Expertenvorträge und eine Podiumsdiskussion boten ein
breites Spektrum an Ideen, Vorschlägen und Strategien zum Thema Reha
der Zukunft. Dr. Manfred Polzer, Sprecher der BBRZ-Gruppe,
Geschäftsführer BBRZ Med GmbH und BBRZ Reha GmbH, erklärte in seiner
Eröffnungsrede die Strategie des Reha NEXT-Zukunftsprojekts: „Das,
was derzeit von der Rehabilitation verlangt wird, kann nicht
geleistet werden. Es gilt, an Visionen zu arbeiten, wie sich die
Arbeitswelt entwickeln wird und welche Konsequenzen das für die
Gesundheit, für die Arbeitsorganisation und für die Arbeitnehmer
hat“, so Polzer. „Die Rehabilitation hat für uns immer die Dimension
eines selbstbestimmten Lebens. Die Reha der Zukunft bedeutet also
mehr Individualisierung. Wir müssen mehr auf persönliche Angebote
eingehen und auch Kontakte zu Betrieben suchen“, sagte Polzer.

Prof. Dr. Michael Linden von der Charité Universitätsmedizin in
Berlin referierte über die Rehabilitation unter einer
Life-span-Perspektive und kritischen Verlaufszeitpunkten. Die Medizin
sei oft auf Episoden ausgerichtet. Wenn es aber um die Behandlung von
psychisch Kranken geht, plädierte Prof. Linden für eine
Lebensperspektive über die Zeit, denn die Reha-Medizin sei eigentlich
die Medizin für chronisch Kranke, und dazu gehören auch Personen mit
psychischen Erkrankungen. Auch Allgemeinmediziner sollten in die
Strategien über die zukünftige Entwicklung von Reha-Angeboten
einbezogen werden.

Sein Kollege Wulf Rössler, ehemaliger Professor für klinische
Psychiatrie an der Universität Zürich, sprach über Beschleunigung als
Ursache psychischer Krankheiten. Individuen befinden sich im Sandwich
zwischen Erwartungen der Gesellschaft und Erwartungen der Betriebe,
so Rössler. Die Zahl der Fälle von psychischen Krankheiten habe aber
gleichzeitig nicht zugenommen, die Ärzte seien heutzutage jedoch mehr
bereit, solche Diagnosen zu stellen. Bei psychischen Erkrankungen
könne man eher von einem „Eisbergproblem“ sprechen: 24 Prozent der
Bevölkerung weisen demnach eine diagnostizierte Störung auf, 25
Prozent haben eine unterschwellige Störung, während 51 Prozent der
Menschen keine Symptome zeigen. Von ihnen befinden sich aber auch
zehn Prozent in Behandlung. Gleichzeitig haben 25 Prozent der 20- bis
40-Jährigen Schlafstörungen: Diese gelten laut Rössler als Risiko für
die Entstehung von psychischen Störungen.

Mag. Roman Pöschl, Geschäftsführer BBRZ Med GmbH und BBRZ Reha GmbH,
sprach von Risikofaktoren in der heutigen Arbeitswelt. „Es gibt keine
Epidemie psychischer Erkrankungen“, stellte Pöschl fest. „Bei dem
vermeintlich epidemischen Phänomen der grassierenden
‚Psycho-Arbeitsunfähigkeit‘ handelt es sich nicht so sehr um die
Folge krank machender Arbeitsbedingungen, als vielmehr um eine
Konsequenz ausgrenzender Arbeitsmärkte“, stellte Pöschl fest. Der
BBRZ-Geschäftsführer sprach in diesem Zusammenhang auch von
steigenden atypischen Arbeitsverhältnissen: „Reine Routinetätigkeiten
nehmen immer mehr ab. Gleichzeitig werden bei immer mehr Berufen Soft
Skills und ausgeprägte soziale Kompetenzen verlangt.“ Demnach sei das
Burn-Out-Syndrom „eine Erkrankung des Nicht-Prekariats“, betonte
Pöschl.

Betroffene früher erreichen

Dr. Alexandra Schosser, ärztliche Leiterin des BBRZ Med in Wien,
referierte über die Wirksamkeit von ambulanter psychiatrischer
Rehabilitation. Die durchschnittliche Krankheitsdauer von Patienten
betrage dort mehr als 13 Monate, die Betroffenen müssten daher früher
erreicht werden. Vor allem flexiblere Konzepte für berufstätige
Menschen seien notwendig.

Mag. Sigrid Röhrich vom Bundesministerium für Arbeit, Soziales und
Konsumentenschutz präsentierte das Programm der
Wiedereingliederungsteilzeit und Sekundärprävention. 37,6 Prozent der
fit2work-Kunden haben eine psychische Diagnose, gefolgt von
Muskel-Skelett- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Auch bei fit2work
sei es notwendig, Betroffene rechtzeitig zu erreichen, idealerweise
während sie sich noch im Arbeitsprozess befinden.

Für mehr individuelle Zugänge in der Arbeitswelt plädierte auch Dr.
Franz Kühmayer vom Zukunftsinstitut Österreich. Arbeitsverhältnisse
seien heutzutage immer mehr projektbezogen, die Grenze zwischen
Business und Leisure befinde sich im ständigen Fluss, so der
Zukunftsforscher. Eine der Folgen sei auch eine losere Bindung von
Arbeitnehmern ans Unternehmen, aber auch umgekehrt. Bei einer
Vielzahl von Beschäftigten spielen außerdem persönliche Wünsche eine
immer größere Rolle: Daher müssen auch Arbeitgeber nach individuellen
Lösungen für ihre Arbeitnehmer suchen.

„Im Kern der individualisierten Arbeit steht in Zukunft die Person
und ihre Veränderungsbereitschaft“, kommentiert Roman Pöschl (BBRZ).
„In Zukunft wird es schwierig sein, zwischen
Persönlichkeitsentscheidung und beruflicher Rehabilitation zu
unterscheiden. Dazu müssen Einstellungen und Haltungen geändert
werden“, ist Pöschl kategorisch.

Gerade die Personen mit ihren Potenzialen und Kompetenzen stehen im
Zentrum einer modernen Rehabilitation: „Im Rehabilitationsprozess
werden die Ressourcen nicht nur gestärkt, sondern so erweitert, dass
der Rehabilitand letztlich für den Arbeitsmarkt befähigt wird. Diese
Qualifikation wird über Wissensvermittlung hinausgehen, es wird um
die Entwicklung von Lebenskompetenzen gehen, die sich aus vielen
Aspekten zusammensetzen“, skizziert Manfred Polzer (BBRZ) die Zukunft
der beruflichen Rehabilitation.

Auf digitales Zeitalter vorbereiten

In der anschließenden Podiumsdiskussion drehte sich alles um
zukünftige Herausforderungen in der Rehabilitation. Ing. Kurt Aust,
Generaldirektor-Stellvertreter der PVA, setzte sich für mehr
Differenzierung in der Durchführung von Rehabilitationsmaßnahmen ein.
Menschen mit psychischen Krankheitsbildern müssten zudem früher
erreicht werden.

Mag. Petra Draxl, Geschäftsführerin des AMS Wien, skizzierte die
künftigen Vorhaben des Arbeitsmarktservice: Dort werde man in den
nächsten zwei Jahren den Fokus auf jüngere Arbeitskräfte, Frauen und
Migranten legen. Für die nächsten Jahre gilt es außerdem, mehr über
Effizienz und Effektivität der Maßnahmen zu diskutieren. In diesem
Zusammenhang werden sich große Gruppen der berufstätigen Bevölkerung
auf das digitale Zeitalter vorbereiten müssen.

Hon.-Prof. Dr. Christoph Klein, Direktor der Arbeiterkammer Wien,
wies auf neue Berufsfelder und neue Herausforderungen im Arbeitsfeld
der Zukunft hin. Die Problematik des aktuellen Reha-Konzepts sei,
dass es Menschen in die Arbeitswelt zurückbringt, die sie
ursprünglich krank gemacht hat. Daher plädierte Klein für mehr
Anfangsbegleitung von rehabilitierenden Menschen bei ihrer
Wiedereingliederung in den Arbeitsprozess. Außerdem müssten sich
Betriebe mehr verantwortlich fühlen, ihre Belegschaft gesund zu
halten.

Herbert Pichler, Präsident des Österreichischen Behindertenrates,
ging der Frage der ungelösten Existenzsicherung der Betroffenen nach
und sprach sich unterdessen für ein bedingungsloses Grundeinkommen
für psychisch Kranke aus.

Was ist Reha NEXT?

Die rasanten Entwicklungen im Kontext Gesundheit, Gesellschaft,
Arbeit, Digitalisierung und Sozialrecht stellen die Angebote der
Rehabilitation vor neue Herausforderungen.

Das BBRZ möchte sich im Zuge des Zukunftsprojektes Reha NEXT
gemeinsam mit allen Akteuren, die in das System der Rehabilitation
eingebunden sind, mit den richtungsweisendsten Entwicklungen der
heutigen Zeit auseinandersetzen und die veränderten Zielgruppen der
Rehabilitation und deren Bedürfnisse näher unter die Lupe nehmen.
Unter anderem wurden seit Beginn 2017 österreichweit bereits mehr als
20 regionale wie auch überregionale Zukunfts-Workshops abgehalten mit
zahlreichen relevanten Partnern im System der Rehabilitation
Österreichs: seien es Betroffene, operative Fachkräfte der
Rehabilitation, wissenschaftliche Reha-Experten oder zahlreiche
Auftraggeber und Entscheidungsträger.

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