Reisecker: Neue Abferkelsysteme sind klares Zeichen für mehr Tierwohl

Ferkelproduktion setzt neue Maßstäbe - Herausforderung für die Betriebe

Wien (OTS) - "Eine lange und hitzige Diskussion in der Schweinehaltung rund um den Abferkelkorb gipfelte in der Veröffentlichung der novellierten 1. Tierhaltungsverordnung 2012. Das gab in dieser politisch und wirtschaftlich herausfordernden Situation den österreichischen Schweinebauern wieder Rechtssicherheit und eine Zukunftsperspektive. In der Planungsphase brachte sich die LK Österreich aktiv ein, um den sogenannten Praxisteil des Projektes zu planen und durchzuführen. Das Ergebnis gibt uns recht: Die heimische Landwirtschaft geht wieder einen Schritt voraus und revolutioniert die Abferkelbuchten. Nicht nur, dass den Sauen mehr Platz zur Verfügung stehen wird, auch die notwendige Fixierungsdauer des Muttertieres konnte auf ein Mindestmaß reduziert werden. Mit diesem Schritt positioniert sich Österreich weiterhin als Land mit sehr hohen Produktionsstandards." Dies erklärte heute der LK Österreich-Vizepräsident und Vorsitzende des Ausschusses für Tierproduktion, Franz Reisecker, bei einem Lokalaugenschein auf einem Betrieb in Kapelln an der Perschling, Niederösterreich. 

Ferkelbuchten neu: Erste Erfahrungen des Landwirts positiv 

Landwirt Reinhard Scheriau aus Thalheim, Gemeinde Kapelln, berichtete über seine Erfahrungen mit den neuen Buchten: "Grundsätzlich funktioniert das System sehr gut. Es muss aber darauf geachtet werden, dass die Sau zwei Tage vor dem errechneten Abferkeltermin fixiert wird. Nach dem Abferkeln und den notwendigen Ferkelbehandlungen kann die Sau ab dem fünften Tag wieder freigelassen werden. Bei einem früheren Zeitpunkt ist aus meiner Sicht mit einem höheren Erdrückungsrisiko zu rechnen, da sich die Jungen in der Bucht zum Teil noch nicht richtig orientieren können", so Scheriau. Das Handling mit den neuen Buchten funktioniere sehr gut. "Auf unserem Betrieb wurden zwei Typen eingebaut: Flügelbucht und Trapezbucht. Jede für sich hat Vor- und Nachteile. Es muss aber jeder Landwirt für sich selbst entscheiden, mit welchem System er lieber arbeitet", erklärte der Betriebsleiter. 

"Einen wesentlichen Teil bei diesem System macht der Boden aus", betonte Scheriau. Er sieht hier noch Verbesserungsmöglichkeiten. Vor allem bei Ferkeln müssten bodenabhängige Verletzungen vermieden werden. Weiters sollte auch darauf geachtet werden, dass Anfütterungsschalen für Ferkel in der Bucht platziert werden können, ohne dass die Sau diese erreicht und sie der Landwirt trotzdem praxistauglich befüllen kann. Das Platzangebot mit 5,5 m² erachtet er als ausreichend, den Reinigungsaufwand pro Bucht sieht er bei 15 bis 20 Minuten ohne Auf- und Abbau der Reinigungsgeräte. Sein Fazit: "Ich würde dieses System wieder einbauen." 

Wissenschaft und Praxis Hand in Hand 

Das landwirtschaftliche Praxisprojekt war der Initialzünder, um das in der Verordnung erwähnte Gesamtprojekt "Pro-SAU" zu starten. Gemeinsam mit den beiden zuständigen Ministerien (Landwirtschaft und Gesundheit), die die Auftraggeber waren, sowie mit Wissenschaft, Wirtschaft und produzierenden Schweinebauern wurde ein Projekt realisiert, welches die offenen Fragestellungen beantworten konnte. Reisecker: "Diese gemeinsame Vorgangsweise hatte den immensen Vorteil, für mehr gegenseitiges Verständnis unter den Projektpartnern zu sorgen." 

"Das Großprojekt 'Pro-SAU' wurde vor Kurzem erfolgreich abgeschlossen. Nun liegen die mit Spannung erwarteten Ergebnisse vor", berichtete Projektleiterin Birgit Heidinger von der HBLFA Raumberg-Gumpenstein. Es seien sehr umfangreiche Erkenntnisse gewonnen worden, beispielsweise, dass die Aufzuchtleistungen im Durchschnitt der LK-Buchten mit jenen in konventionellen Abferkelbuchten mit permanenter Fixierung der Sau vergleichbar sind. "Die Wirtschaftlichkeit der Ferkelproduktion in den neuartigen Abferkelbuchten mit Bewegungsmöglichkeit der Sau ist bei gleichen Produktionsleistungen dennoch durch deutlich höhere Investitionskosten und die Mehrkosten für Arbeit vermindert", so Heidinger. Zu den im Hauptversuch geprüften Buchten (Flügelbucht, Knickbucht und Trapezbucht) habe die Bewertung ergeben, dass sie rechtskonform ausgeführt sind und daher den Herstellerfirmen auf deren Antrag das Tierschutz-Kennzeichen vergeben wird. Künftig solle es weitere Projekte in ähnlicher Konstellation geben, in denen wesentliche Fragen der Schweinehaltung in Österreich gemeinsam bearbeitet werden, so die Expertin. 

Nach dem Projekt folgt eine Bildungs- und Beratungskampagne  

"Die Landwirtschaftskammer und die gesamte Schweinebranche haben mit der Buchtenentwicklung, dem Anstoß zum Forschungsprojekt und der intensiven Mitarbeit während des Projektes ihre Aufgabe und Verantwortung zur Erreichung von mehr Tierwohl wahrgenommen. Sauen werden damit in Österreich zukünftig nur mehr zirka 35 Tage während eines gesamten Jahres fixiert gehalten werden", stellte Johann Stinglmayr, Leiter des "Pro-SAU"-Teilprojekts, fest. Nun werde eine umfangreiche Bildungs- und Beratungskampagne folgen, um die Bauern bei der Umsetzung neuer Abferkelsysteme auf ihren Betrieben zu unterstützen. Jetzt seien aber auch die politischen Entscheidungsträger an der Reihe, ihre Verantwortung für diese Entwicklungen wahrzunehmen und das während der Tierschutzdiskussion und bei Gesetzwerdung abgegebene Versprechen - eine Abgeltung der daraus entstehenden Mehrkosten für die betroffenen Ferkelerzeuger mit öffentlichen Mitteln - einzulösen, unterstrich Stinglmayr. 

Änderung bei heimischen Produktionsstandards hat weitreichende Folgen 

Reisecker wies in diesem Zusammenhang auf die gegebenen Rahmenbedingungen am Markt hin: "Schweinefleischproduktion ist ein komplexer Prozess. Nicht jedes Schnitzel, das in Österreich gegessen wird, wird auch von unseren Bauern produziert. Importiertes Schweinefleisch wird vor allem in jenen Bereichen verwendet, in denen die Herkunft nicht gekennzeichnet sein muss, also in der Außer-Haus-Verpflegung und der Verarbeitung", so der Präsident. In Österreich würden hauptsächlich Edelteile wie Lungenbraten, Schnitzelfleisch oder Kotelettfleisch gegessen. Die anderen Teilstücke, wie Bauch, Innereien, Knochen, Schwarte usw. fänden guten Absatz in Ländern wie China, Südkorea, Kroatien, Ungarn. "Sämtliche Änderungen der heimischen Produktionsstandards haben somit weitreichende Folgen, nicht nur für unsere Bäuerinnen und Bauern, sondern auch für alle vor- und nachgelagerten Produktionsbereiche", gab Reisecker zu bedenken. Weitere Informationen über das Projekt sind unter https://www.lko.at/projekt-pro-sau verfügbar. (Schluss)

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Dr. Josef Siffert
Landwirtschaftskammer Österreich
01/53441-8521, E-Mail: j.siffert@lk-oe.at

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