ÖÄK-PK: 10 Jahre Sonderfach Kinder- und Jugendpsychiatrie (2)

Was wurde erreicht? Was liegt noch vor uns?

Wien (OTS) - Vor zehn Jahren hat die Österreichische Ärztekammer (ÖÄK) in Kooperation mit der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie das neue Sonderfach Kinder- und Jugendpsychiatrie eingerichtet. Seither wurde auch versorgungspolitisch viel erreicht. Von einer flächendeckenden, leitliniengerechten Betreuung sei Österreich aber noch meilenweit entfernt – obwohl sich offiziell alle im Gesundheitswesen Verantwortlichen dazu bekennen, hieß es heute bei einer Pressekonferenz der ÖÄK.

Ein Viertel der notwendigen Kassenstellen

2012 entstanden im Vorreiter-Bundesland Niederösterreich nach einer sechsjährigen Projektphase die ersten vier Kassenstellen für Kinder-und Jugendpsychiatrie. Aktuell halte Österreich bei 27 Kassenstellen – notwendig wären allerdings viermal so viele, nämlich 106. „Diese Kluft zwischen Ist und Soll ist natürlich untragbar. Wir brauchen im Sinne der Chancengerechtigkeit eine öffentlich finanzierte, leitliniengerechte Versorgung für hundert Prozent der betroffenen Kinder“, forderte die Obfrau der Bundesfachgruppe Kinder- und Jugendpsychiatrie der ÖÄK, Charlotte Hartl. Dennoch dürfe man nicht vergessen: Die derzeit 25-prozentige Bedarfsabdeckung durch Kassenfachärzte wurde in nur vier Jahren erreicht. „Dank dem Engagement vieler fortschrittlicher Geister sowohl in der Österreichischen Ärztekammer als auch im Ministerium und bei den Sozialversicherungen“, so Hartl.

Künftig sollten, im Sinne einer optimalen ambulanten Versorgung, alle Fäden beim niedergelassenen Kinder- und Jugendpsychiater zusammenlaufen. Er sollte – nach eingehender Anamnese und Diagnose – die Patienten an ein tragfähiges Netzwerk von „allied health professionals“ überweisen können und den Therapieverlauf begleiten und anpassen. „Wir brauchen diese lokalen Netzwerke, sie sind effizient, ressourcensparend und effektiv, weil sie auch langfristig eine stabile Betreuung ermöglichen“, erklärte Hartl.

Solange allerdings die Krankenkassen die nichtärztlichen Leistungen von Psychologen, Logo-, Ergo- oder Psychotherapeuten – um nur einige wenige zu nennen – nicht übernehmen, so lange wird eine flächendeckende Versorgung psychisch kranker Kinder gemäß internationalen Standards nicht möglich sein. Die Kostenübernahme durch die öffentliche Hand ist somit eine wesentliche Bedingung auf dem Weg zur Vollversorgung, zu der sich offiziell auch alle Systempartner bekennen.

Hälfte der notwendigen Betten

Mit der Einführung des Sonderfaches entstanden sechs der nunmehr elf kinder- und jugendpsychiatrischen Spitalsabteilungen. Vollversorgung im stationären Bereich würde gemäß Österreichischem Strukturplan Gesundheit bedeuten: ein Spitalsbett pro tausend Einwohner. Dies entspreche ca. 860 tagesklinischen und stationären Plätzen, de facto existiere aktuell aber erst knapp die Hälfte dieser Planbetten. „Allerdings sollen allein im heurigen Jahr etwa 50 Betten geschaffen worden, was uns für die Zukunft hoffen lässt“, räumte der Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Rainer Fliedl, ein.

Ärzte-Ausbildung: Dreh- und Angelpunkt auf dem Weg zur Vollversorgung

Das Thema Versorgung sei nicht zu trennen vom Thema Ausbildung. Wenn es in Österreich heute erst halb so viele Spitalsbetten für betroffene Kinder und Jugendliche gebe, wie eigentlich gebraucht würden, dann sei das, so Fliedl, aus zwei Gründen brisant:
„Einerseits kann eine große Zahl der Kinder und Jugendlichen, die eine stationäre psychiatrische Betreuung bräuchten, nicht adäquat behandelt werden. Andererseits können wir dadurch aber auch nicht so viele Jungmediziner zu Fachärzten ausbilden, wie wir für die Versorgung bräuchten – egal, ob im Spital oder in der Niederlassung. – Das ist ein Teufelskreis, den wir durchbrechen müssen.“

Seit 2007 wurden zwei Ärztegenerationen im neuen Sonderfach ausgebildet. Zusätzlich wurde die Psychotherapie verpflichtender Teil der angehenden Kinder- und Jugendpsychiater, sodass Österreich nun an internationale Standards anschließen konnte.

Fliedl: „Erfreulicherweise ist das Interesse der nachkommenden Kolleginnen und Kollegen sehr groß. Was wir jetzt also brauchen, ist eine wirklich gut abgestimmte Kooperation zwischen Krankenanstalten-Trägern, Gesundheitsministerium und Ärztekammer, um die Ausbildung neuer Kolleginnen und Kollegen rasch voranzutreiben und verantwortungsvoll weiterzuentwickeln.“

Dass im neuen Sonderfach nicht annähernd so viele Fachärzte ausgebildet werden konnten, wie für die Versorgung notwendig wären, habe sich zwar schon zwei Jahre nach dessen Einführung gezeigt. Und mit der Mangelfachregelung im Rahmen der Ärzteausbildungsordnung 2009 habe man auch eine wichtige Gegenmaßnahme gesetzt. Denn dies ermöglichte es, an den vorhandenen kinder- und jugendpsychiatrischen Abteilungen mehr Ärzte auszubilden als zuvor. Doch die Erhöhung des Ausbildungsschlüssels allein reiche bei Weitem nicht aus, um den Bedarf an Fachärzten zu decken. „Die Krankenanstalten-Träger sind daher gefordert, mit Volldampf für mehr Betten und damit Ausbildungsstellen an kinder- und jugendpsychiatrischen Abteilungen zu sorgen“, sagte der Obmann der Bundeskurie niedergelassene Ärzte und Vizepräsident der ÖÄK, Johannes Steinhart. Denn wenn, so wie derzeit, weiterhin nur rund 15 Fachärzte jährlich ausgebildet werden, würde Österreich das „Soll“ von 350 tatsächlich versorgungswirksamen Fachärzten frühestens in 14 Jahren erreichen.

„Zukunftsmusik“ Spezialbereich

Abschließend wurde betont, dass alle Überlegungen zur Versorgung nur den Kernbereich – also die unmittelbare Behandlung psychisch kranker Kinder im Spital oder in den Ordinationen – beträfen. Noch gar nicht berücksichtigt sei hingegen der so genannte Spezialbereich. Dieser umfasse wichtige Aufgabengebiete wie etwa die forensische Kinder- und Jugendpsychiatrie, die sich auf strafrechtlicher Ebene mit der Betreuung von psychisch kranken Kindern und Jugendlichen befasst. Dazu gehöre auch ein professionelles Gutachterwesen. Weiters zählten die Kooperationsbereiche Jugendwohlfahrt und Schule ebenso dazu wie die Behandlung von Essstörungen oder Suchterkrankungen. Und auch das relativ neue Feld der Transitionspsychiatrie sei Teil des kinder-und jugendpsychiatrischen Spezialbereichs. Dabei gehe es um psychische Störungen bei jungen Erwachsenen, die eigentlich typisch für jüngere Jugendliche seien.

Auch dieses wichtige Aufgabengebiet der Kinder- und Jugendpsychiatrie werde im Sinne einer umfassenden Versorgung auf- bzw. auszubauen sein, wenn Österreich langfristig an internationale Standards anschließen wolle. (ar) – (Schluss)

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