• 09.11.2017, 11:08:29
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ÖÄK-PK: 10 Jahre Sonderfach Kinder- und Jugendpsychiatrie (2)

Was wurde erreicht? Was liegt noch vor uns?

Utl.: Was wurde erreicht? Was liegt noch vor uns? =

Wien (OTS) - Vor zehn Jahren hat die Österreichische Ärztekammer
(ÖÄK) in Kooperation mit der Österreichischen Gesellschaft für
Kinder- und Jugendpsychiatrie das neue Sonderfach Kinder- und
Jugendpsychiatrie eingerichtet. Seither wurde auch
versorgungspolitisch viel erreicht. Von einer flächendeckenden,
leitliniengerechten Betreuung sei Österreich aber noch meilenweit
entfernt – obwohl sich offiziell alle im Gesundheitswesen
Verantwortlichen dazu bekennen, hieß es heute bei einer
Pressekonferenz der ÖÄK.

Ein Viertel der notwendigen Kassenstellen

2012 entstanden im Vorreiter-Bundesland Niederösterreich nach einer
sechsjährigen Projektphase die ersten vier Kassenstellen für Kinder-
und Jugendpsychiatrie. Aktuell halte Österreich bei 27 Kassenstellen
– notwendig wären allerdings viermal so viele, nämlich 106. „Diese
Kluft zwischen Ist und Soll ist natürlich untragbar. Wir brauchen im
Sinne der Chancengerechtigkeit eine öffentlich finanzierte,
leitliniengerechte Versorgung für hundert Prozent der betroffenen
Kinder“, forderte die Obfrau der Bundesfachgruppe Kinder- und
Jugendpsychiatrie der ÖÄK, Charlotte Hartl. Dennoch dürfe man nicht
vergessen: Die derzeit 25-prozentige Bedarfsabdeckung durch
Kassenfachärzte wurde in nur vier Jahren erreicht. „Dank dem
Engagement vieler fortschrittlicher Geister sowohl in der
Österreichischen Ärztekammer als auch im Ministerium und bei den
Sozialversicherungen“, so Hartl.

Künftig sollten, im Sinne einer optimalen ambulanten Versorgung, alle
Fäden beim niedergelassenen Kinder- und Jugendpsychiater
zusammenlaufen. Er sollte – nach eingehender Anamnese und Diagnose –
die Patienten an ein tragfähiges Netzwerk von „allied health
professionals“ überweisen können und den Therapieverlauf begleiten
und anpassen. „Wir brauchen diese lokalen Netzwerke, sie sind
effizient, ressourcensparend und effektiv, weil sie auch langfristig
eine stabile Betreuung ermöglichen“, erklärte Hartl.

Solange allerdings die Krankenkassen die nichtärztlichen Leistungen
von Psychologen, Logo-, Ergo- oder Psychotherapeuten – um nur einige
wenige zu nennen – nicht übernehmen, so lange wird eine
flächendeckende Versorgung psychisch kranker Kinder gemäß
internationalen Standards nicht möglich sein. Die Kostenübernahme
durch die öffentliche Hand ist somit eine wesentliche Bedingung auf
dem Weg zur Vollversorgung, zu der sich offiziell auch alle
Systempartner bekennen.

Hälfte der notwendigen Betten

Mit der Einführung des Sonderfaches entstanden sechs der nunmehr elf
kinder- und jugendpsychiatrischen Spitalsabteilungen. Vollversorgung
im stationären Bereich würde gemäß Österreichischem Strukturplan
Gesundheit bedeuten: ein Spitalsbett pro tausend Einwohner. Dies
entspreche ca. 860 tagesklinischen und stationären Plätzen, de facto
existiere aktuell aber erst knapp die Hälfte dieser Planbetten.
„Allerdings sollen allein im heurigen Jahr etwa 50 Betten geschaffen
worden, was uns für die Zukunft hoffen lässt“, räumte der Präsident
der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie,
Rainer Fliedl, ein.

Ärzte-Ausbildung: Dreh- und Angelpunkt auf dem Weg zur
Vollversorgung

Das Thema Versorgung sei nicht zu trennen vom Thema Ausbildung. Wenn
es in Österreich heute erst halb so viele Spitalsbetten für
betroffene Kinder und Jugendliche gebe, wie eigentlich gebraucht
würden, dann sei das, so Fliedl, aus zwei Gründen brisant:
„Einerseits kann eine große Zahl der Kinder und Jugendlichen, die
eine stationäre psychiatrische Betreuung bräuchten, nicht adäquat
behandelt werden. Andererseits können wir dadurch aber auch nicht so
viele Jungmediziner zu Fachärzten ausbilden, wie wir für die
Versorgung bräuchten – egal, ob im Spital oder in der Niederlassung.
– Das ist ein Teufelskreis, den wir durchbrechen müssen.“

Seit 2007 wurden zwei Ärztegenerationen im neuen Sonderfach
ausgebildet. Zusätzlich wurde die Psychotherapie verpflichtender Teil
der angehenden Kinder- und Jugendpsychiater, sodass Österreich nun an
internationale Standards anschließen konnte.

Fliedl: „Erfreulicherweise ist das Interesse der nachkommenden
Kolleginnen und Kollegen sehr groß. Was wir jetzt also brauchen, ist
eine wirklich gut abgestimmte Kooperation zwischen
Krankenanstalten-Trägern, Gesundheitsministerium und Ärztekammer, um
die Ausbildung neuer Kolleginnen und Kollegen rasch voranzutreiben
und verantwortungsvoll weiterzuentwickeln.“

Dass im neuen Sonderfach nicht annähernd so viele Fachärzte
ausgebildet werden konnten, wie für die Versorgung notwendig wären,
habe sich zwar schon zwei Jahre nach dessen Einführung gezeigt. Und
mit der Mangelfachregelung im Rahmen der Ärzteausbildungsordnung 2009
habe man auch eine wichtige Gegenmaßnahme gesetzt. Denn dies
ermöglichte es, an den vorhandenen kinder- und jugendpsychiatrischen
Abteilungen mehr Ärzte auszubilden als zuvor. Doch die Erhöhung des
Ausbildungsschlüssels allein reiche bei Weitem nicht aus, um den
Bedarf an Fachärzten zu decken. „Die Krankenanstalten-Träger sind
daher gefordert, mit Volldampf für mehr Betten und damit
Ausbildungsstellen an kinder- und jugendpsychiatrischen Abteilungen
zu sorgen“, sagte der Obmann der Bundeskurie niedergelassene Ärzte
und Vizepräsident der ÖÄK, Johannes Steinhart. Denn wenn, so wie
derzeit, weiterhin nur rund 15 Fachärzte jährlich ausgebildet werden,
würde Österreich das „Soll“ von 350 tatsächlich versorgungswirksamen
Fachärzten frühestens in 14 Jahren erreichen.

„Zukunftsmusik“ Spezialbereich

Abschließend wurde betont, dass alle Überlegungen zur Versorgung nur
den Kernbereich – also die unmittelbare Behandlung psychisch kranker
Kinder im Spital oder in den Ordinationen – beträfen. Noch gar nicht
berücksichtigt sei hingegen der so genannte Spezialbereich. Dieser
umfasse wichtige Aufgabengebiete wie etwa die forensische Kinder- und
Jugendpsychiatrie, die sich auf strafrechtlicher Ebene mit der
Betreuung von psychisch kranken Kindern und Jugendlichen befasst.
Dazu gehöre auch ein professionelles Gutachterwesen. Weiters zählten
die Kooperationsbereiche Jugendwohlfahrt und Schule ebenso dazu wie
die Behandlung von Essstörungen oder Suchterkrankungen. Und auch das
relativ neue Feld der Transitionspsychiatrie sei Teil des kinder-
und jugendpsychiatrischen Spezialbereichs. Dabei gehe es um
psychische Störungen bei jungen Erwachsenen, die eigentlich typisch
für jüngere Jugendliche seien.

Auch dieses wichtige Aufgabengebiet der Kinder- und Jugendpsychiatrie
werde im Sinne einer umfassenden Versorgung auf- bzw. auszubauen
sein, wenn Österreich langfristig an internationale Standards
anschließen wolle. (ar) – (Schluss)

Info:
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