• 24.10.2017, 13:05:33
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  • OTS0153

„Heiß umfehdet, wild umstritten“: „Menschen & Mächte“-Doku über die Entstehungsgeschichte der Bundeshymne

Am 25. Oktober um 22.30 Uhr in ORF 2

Utl.: Am 25. Oktober um 22.30 Uhr in ORF 2 =

Wien (OTS) - Die „Menschen & Mächte“-Dokumentation „Heiß umfehdet,
wild umstritten“ von Wolfgang Stickler beschäftigt sich am Mittwoch,
dem 25. Oktober 2017, um 22.30 Uhr in ORF 2 mit der
Entstehungsgeschichte der Bundeshymne, dem zentralen Symbol
rot-weiß-roter Identität. Die Bundeshymne war ein „Kind“ der
unmittelbaren Nachkriegszeit. Ihr Text erhielt 2011 eine
gendergerechte Fassung. Welche Melodie trifft den richtigen Ton für
Österreich? Welche Verse repräsentieren Land und Leute, Kultur und
Charakter seiner Bevölkerung? Der Umgang mit diesen Fragen ist ein
Spiegel dessen, wie unser Land funktioniert. Er wirft ein
bezeichnendes Licht auf die politischen und gesellschaftlichen
Befindlichkeiten der Zweiten Republik.

Spätestens am 15. Mai 1955, dem Tag der Staatsvertragsunterzeichnung,
war die österreichische Bundeshymne wirklich allen bekannt. An diesem
Tag wurde sie im Radio und auf öffentlichen Plätzen immer wieder
gespielt. Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung – so könnte
man die politischen Konflikte um ihre Entstehungsgeschichte
zusammenfassen. Die ÖVP favorisiert zuerst die Wiedereinführung der
alten Kaiserhymne von Joseph Haydn, die, mit verändertem Text, auch
im Ständestaat verwendet wurde. Ein für die SPÖ völlig inakzeptabler
Vorschlag. Die Sozialisten wollen eher etwas, das die Arbeiterschaft
anspricht.

1945, nach der Befreiung vom Nationalsozialismus, war es alles andere
als einfach, österreichische Identität neu zu definieren, das
Österreichbewusstsein und den langsam erwachenden Patriotismus in
passende musikalische und textliche Formen zu gießen. Die mehr
verdrängte als aufgearbeitete Vergangenheit stellte die Musiknation
Österreich vor große Probleme. Das alte, in der Bevölkerung tief
verankerte Lied, die Kaiserhymne von Joseph Haydn, war durch ihre
Verwendung in Monarchie, Austrofaschismus und NS-Zeit schwer belastet
und politisch nicht durchsetzbar. Parteipolitischer Streit begleitete
die Suche nach Alternativen. Man veranstaltete ein Preisausschreiben,
das ohne Sieger blieb, griff letztlich auf die Melodie eines nur
vermeintlichen Mozart zurück und konnte schließlich mit Paula von
Preradović eine Dichterin für den Text gewinnen. Das Ergebnis wollte
eigentlich keiner, es tat aber auch niemandem weh. So kam es zum
großkoalitionären Kompromiss, einem von ÖVP und SPÖ schließlich
abgenickten Provisorium, das bis heute Bestand hat.

Das rot-weiß-rote Selbstbewusstsein steht auf den brüchigen
Fundamenten einer Österreich-Konstruktion der unmittelbaren
Nachkriegszeit, die auf die Bilderwelten einer biedermeierlichen
Landschafts- und Kulturidylle zurückgriff, aber auch auf barocke
Habsburger-Nostalgie. Streng genommen eine künstlerische,
gesellschaftspolitische und republikanische Realitätsverweigerung.
Andererseits sind Musik und Text im Vergleich zu bedeutend
pathetischeren Hymnen anderer Länder von nationalistischem Extempore
weitgehend frei.

Mit Staatsvertrag und Neutralitätsgesetz etablierten sich zwar neue,
kraftvolle nationale Gründungsmythen, die aber mit EU-Beitritt,
Globalisierung und wachsender Migration bereits nach wenigen
Jahrzehnten wieder obsolet wurden. Bei der textlichen Integration der
weiblichen Bevölkerung in das Symbol österreichischer Identität stand
das Land am Beginn des 21. Jahrhunderts vor annähernd den gleichen
Schwierigkeiten. Begleitet von heftigen Diskussionen zog sich die
Einfügung der „großen Töchter“ über mehrere Jahre.

Was bleibt ist die Frage, in welcher Art von Hymne sich Österreich
und seine Menschen mehr als 70 Jahre nach Gründung der Zweiten
Republik und mehr als 60 Jahre nach dem Staatsvertrag unter völlig
neuen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen wiederfinden könnten. Eine
mögliche Lösung wäre die Europahymne des „Leider-nein-Österreichers“
Ludwig van Beethoven – aber die europäische Identität ist im Land der
Berge noch kaum angekommen. Zu groß scheint die Angst vor dem Verlust
des „vielgeliebten Österreich“ zu sein. Wolfgang Sticklers
Dokumentation kratzt an der patriotischen Fassade der Bundeshymne.
Sie zeigt von Haydn bis Christina Stürmer, von Rainhard Fendrich bis
Andreas Gabalier, wie die Kulturnation Österreich in ihrem Inneren
gestimmt ist. Gelegentlich ist Ironie angebracht – in erste Linie
jedoch: genaues Hinschauen. Denn das Hymnen-Problem kann auch als
Spiegelung eines Identitätsproblems des „vielgeprüften Österreich“
gedeutet werden.

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