- 14.09.2017, 22:00:01
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TIROLER TAGESZEITUNG, Leitartikel: "Bittere Pillen", von Peter Nindler
Ausgabe vom 15. September 2017
Utl.: Ausgabe vom 15. September 2017 =
Innsbruck (OTS) - Die Neuregelung bei den ärztlichen Hausapotheken
wirkt, um im passenden Jargon zu bleiben, wie ein politisches
Placebo. Wie bei vielen Reformen davor ist die Politik vor
engstirnigen standespolitischen Anschauungen eingeknickt.
Hausapotheken sind sicher nicht die Antwort auf den akuten Mangel
an Landärzten. Zuletzt blieben erneut sechs ausgeschriebene Stellen
für Allgemeinmediziner in Tirol unbesetzt. Trotzdem schafft die
Apotheke in der Ordination finanzielle Anreize für Mediziner, auch
auf dem Land eine Praxis zu eröffnen. Gleichzeitig ist sie
patientenfreundlich.
Doch in der Heilkunde treffen zwei in der Sache knallharte
Interessenverbände aufeinander: die Ärzte- und die Apothekerkammer.
Beide vertreten ihre Klientel, eine davon befürchtet Einbußen, die
andere will den Beruf des Hausarztes attraktiver machen. Für beides
gibt es Argumente, doch letztlich ist „Vurschrift“ in Österreich
„Vurschrift“. Veränderungen und Reformen scheitern meist an
engstirnigen standespolitischen Anschauungen. Deshalb sind die
Heilungschancen sehr gering.
Wegen der altbackenen „Vurschriften“ mussten in den vergangenen
zehn Jahren österreichweit 150 Hausapotheken geschlossen werden. Die
Neuregelung im Vorjahr wurde zwar als Erfolg gefeiert, ist aber nicht
gerade erfolgversprechend. Lediglich zwei Hausapotheken wurden bei
der Praxisübergabe hierzulande erhalten. Der Minimalkompromiss wurde
durch die Stichtagsregelung vom 1. Mai 2015 ausgehebelt. Und mit
dieser bitteren Pille hat die Apothekerkammer den kilometermäßig
aufgeweichten Gebietsschutz durch die Hintertür für die Vergangenheit
wieder einzementiert. Und die 150 verlorenen Hausapotheken bleiben
für immer Geschichte. Vielleicht hält der Verfassungsgerichtshof der
mutlosen Politik wieder einmal den Spiegel vor.
Das ist nämlich das eigentliche Problem im häufig kritisierten
Kammerstaat Österreich. Die Interessengruppen regieren zu oft in die
Politik hinein, gleichzeitig scheuen die politisch Verantwortlichen
vor eigenständigen Entscheidungen zurück; um die Sozialpartner ja
nicht zu vergrämen. Wobei die zweite Wahrheit in den personellen
Verflechtungen liegt. Viele Abgeordnete in den gesetzgebenden
Körperschaften sind klassische Kämmerer und denken auch in diesen
Interessenkategorien. Meist kommen dann lauwarme Kompromisse wie das
aktuell auf dem Prüfstand stehende Reförmchen bei den ärztlichen
Hausapotheken heraus.
Dass die Politik bei der notwendigen Gesundheitsreform, die
Therapieansätze gegen den Ärztemangel enthalten soll, nur
millimeterweise vorankommt, ist letztlich ebenfalls auf ein starres
Interessensystem zurückzuführen: Sozialversicherungen, Ärztekammer
und parteipolitisch motivierte Ideologien. Wie auch in der
Bildungspolitik. Und, und, und ...
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