• 13.09.2017, 11:17:06
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  • OTS0092

Gedenken an die Zerstörung der Synagoge der sephardisch-türkischen Gemeinde

Der sogenannte „Türkische Tempel“ in der Zirkusgasse wurde in der Pogromnacht zerstört.

Utl.: Der sogenannte „Türkische Tempel“ in der Zirkusgasse wurde in
der Pogromnacht zerstört. =

Wien (OTS) - In der Zirkusgasse 22 befand sich bis 1938 der
Hauptsitz der sephardisch-türkischen Gemeinde in Wien. 1885 bis 1887
ließ diese an der Stelle eine Synagoge errichten. Sie wurde während
der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 in Brand gesteckt
und zerstört.
Wohnbaustadtrat Michael Ludwig, S.E. Botschafter Mehmet Ferden
Çarιkçι als Vertreter der Republik Türkei, der Präsident der
Israelitischen Kulturgemeinde in Wien, Oskar Deutsch,
und der ehemalige Präsident der der türkisch-jüdischen Gemeinde in
der Türkei, Silvyo Ovadya, gedachten heute, Mittwoch, den Opfern
dieses schrecklichen Ereignisses und enthüllten eine neue Gedenktafel
an der städtischen Wohnhausanlage. ****

„Mit den Verbrechen des November 1938 nimmt der systematische
Massenmord an sechs Millionen Jüdinnen und Juden ihren Anfang. Mit
dem Türkischen Tempel wurden insgesamt 42 Synagogen und Bethäuser
zerstört. Jüdische Kinder, Frauen und Männer wurden zutiefst
gedemütigt und geschlagen. 27 von ihnen verloren ihr Leben. Halten
wir alle die Erinnerung an diese grausame Zeit wach!", betonte
Wohnbaustadtrat Michael Ludwig. Er hob in diesem Zusammenhang die
aktive Bildungsarbeit der Stadt Wien hervor. Gleichzeitig warnte
Ludwig vor weiterhin aktiven rechtsradikalen Gruppen, die
fremdenfeindlichen Hass verbreiten.
Stadtrat Ludwig dankte besonders Herrn Dr. Peter Schönthal, der die
neue Erinnerungstafel initiierte.

Es ist traurig, zu sehen, dass während die von den
österreichischen Juden erbaute Yüksekkaldırım Aschkenasim Synagoge in
Istanbul seit über 100 Jahren weiterhin besteht, die türkisch
jüdische Synagoge in Wien, genannt ,Türkischer Tempel‘, im Gegensatz
dazu, niedergerissen und in den Tiefen der Geschichte begraben wurde.
Deswegen ist es besonders wichtig, dass der Geist des türkischen
Tempels weiterhin am Leben gehalten wird“, so S.E. Botschafter Mehmet
Ferden Çarιkçι.

„In der Bevölkerung ist wohl kaum noch ein Wissen um diese an
Kultur so reichen sephardischen Gemeinde vorhanden. Mit einer neuen
Gedenktafel wird der Opfer des Novemberpogroms gedacht und
gleichzeitig an die Blütezeit der Wiener türkisch-jüdischen Sefardim
erinnert“, betonte Oskar Deutsch, Präsident der Israelitischen
Kultusgemeinde.

„Ich freue mich sehr, hier an der Gedenkveranstaltung bezüglich
der sephardisch-jüdischen Synagoge und Gemeinde in Wien, deren
Wurzeln bis in die Zeit des Osmanischen Reiches reichen,
teilzunehmen. In diesem Zusammenhang möchte ich auf Nahebeziehung
zwischen der großen Synagoge in Edirne und der sephardischen Synagoge
in Wien hinweisen. Wir, die jüdische Gemeinde in der Türkei erfreuen
uns, dass wir unsere Gebete und sonstige Veranstaltungen in der
Edirne Synagoge, die einer der drei großen Synagogen in Europa ist
und der österreichischen Synagoge in Istanbul frei durchführen
können“, hielt der ehemalige Präsident der der türkisch-jüdischen
Gemeinde in der Türkei, Silvyo Ovadya, fest.

Der Türkische Tempel

In der Zirkusgasse 22 befand sich bis 1938 der Hauptsitz der
sephardisch-türkischen Gemeinde in Wien. 1885 – 1887 ließ diese an
der Stelle, an der heute der Gemeindebau steht, eine Synagoge
er-richten, den sogenannten Türkischen Tempel. Mit der Planung wurde
der Wiener Architekt Hugo Ritter von Wiedenfeld (1852 – 1925)
beauftragt. Er hatte sich auf den neo-maurischen Baustil
spezialisiert, mit orientalisch geprägten Elementen wie Bögen und
Mosaiken.

Ein gefeiertes Kunstwerk

Der Entwurf der Synagoge orientierte sich an der maurischen
Architektur, vor allem an der spanischen Alhambra – wohl eine
Referenz an die ursprünglich aus Spanien stammenden sephardischen
Juden. Der Tempel wurde am 18. September 1887 im Rahmen einer
festlichen Zeremonie eingeweiht. An der Straßenfront befand sich ein
imposantes Steinportal mit minarettartigen Türmchen, durch das man
zunächst einen Vorhof betrat. Dahinter erhob sich die reich verzierte
Fassade des Tempels, darüber eine zwölf Meter hohe Kuppel mit
sternförmigen Fensteröffnungen. Der achteckige Betraum war in Marmor
und Gold gehalten. Insgesamt bot das Gebäude über 600 Gläubigen Platz
und war damit die größte türkische Synagoge in Europa. Als einer der
prachtvollsten Tempel Mitteleuropas gefeiert, diente sie als Vorbild
für viele andere sephardische Tempel.

In Flammen

Die über die Grenzen hinweg gelobte Pracht des Türkischen Tempels
in der Zirkusgasse kann man heute nur mehr anhand einiger
Schwarzweiß-Fotografien erahnen. Er wurde, wie 41 weitere Synagogen
und Bethäuser in Wien, während der Pogromnacht vom 9. auf den 10.
November 1938 in Brand gesteckt und zerstört. Das Grundstück wurde
1952 an die Israelitische Kultusgemeinde restituiert und 1975 von der
Stadt Wien erworben. 1985 – 1987, genau hundert Jahre nach dem Bau
der Synagoge, errichtete sie hier ein Wohnhaus. (Schluss) ck

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