„Norwegen – Die sagenhafte Welt der Lemminge“ im „Universum“

Am 5. September um 20.15 Uhr in ORF 2

Wien (OTS) - Gerade einmal zwölf Zentimeter lang, etwa 100 Gramm schwer und mit dichtem, wolligem Fell ausgestattet – das ist die Steckbriefbeschreibung einer von Mythen umrankten Kreatur, die in der eisigen Bergwelt Skandinaviens ihr „Unwesen“ treibt: des Berglemmings. Der possierliche Nager kommt weltweit nur in Teilen Skandinaviens und auf der russischen Kola-Halbinsel vor. Der Wissenschaft gaben seine Lebensgewohnheiten lange Zeit Rätsel auf, sie waren Anlass zu sagenhaften Geschichten und prägten Sprichwörter sowie Redensarten. Hartnäckig hielt sich die Mär vom regelmäßig stattfindenden kollektiven Massenselbstmord Tausender Berglemminge. Zoltan Töröks „Universum“-Dokumentation „Norwegen – Die sagenhafte Welt der Lemminge“ zeigt am Dienstag, dem 5. September 2017, um 20.15 Uhr in ORF 2 die Lebensrealität dieser couragierten Wühlmausart. Wer kennt sie nicht, die Redensart zu „handeln wie die Lemminge“? Gemeint ist damit die abschätzige Bewertung des kollektiven Mitläufertums, meist in den gemeinsamen Untergang. Und wieso gibt dafür gerade der Berglemming das Paradebeispiel ab? Aufgrund eines Irrtums!

Über Jahrhunderte glaubten die skandinavischen Bauern, dass es Berglemminge vom Himmel regnet, da sie in regelmäßigen Jahresabständen plötzlich zu Tausenden auf den Feldern in der Ebene zu finden waren. Bis sich in den 1920er Jahren der britische Zoologe Charles Sutherland Elton dem Thema annahm – und die nächste Mär festschrieb: Berglemminge würden in populationsreichen Jahren Massenwanderungen in die Täler starten und sich dort gemeinsam ins Meer stürzen. Für Elton ein Akt der kollektiven Selbstrichtung aus altruistischen Gründen der Arterhaltung. Die Zuschreibung vom Massenexodus in den freiwilligen Tod hielt sich hartnäckig über viele Jahrzehnte und erhielt 1958 als Draufgabe noch ein bildliches Dokument in Form eines Oscar-prämierten Tierfilms aus dem Hause Disney – mit gestellten Aufnahmen, wie sich später herausstellen sollte. Doch was ist dran an der Geschichte?

Tatsache ist: Berglemminge sind kampflustige Einzelgänger mit einem für Nager seltenen Potenzial an Aggressivität. Verbreitet sind sie ausschließlich in Schweden, Norwegen und auf der russischen Halbinsel Kola. Zweisamkeit suchen sie nur zu Paarungszwecken. Sie verbringen die Winter in verzweigten Höhlen in der meterdicken Schneedecke der arktischen und subarktischen Bergwelt. Da sie sich rasch vermehren, das Nahrungsangebot starken Schwankungen unterliegt und der sogenannte Beute-Räuber-Zyklus nicht in kongruenten Kurven verläuft, kommt es alle paar Jahre zu Wanderungen in neue Lebensräume. Dabei verlässt nur ein Teil der Population das heimatliche Gebiet. Meist gehen die Tiere allein, Gruppen sind wohl eher zufällig. Berglemminge sind zähe Wanderer, ausgezeichnete Schwimmer und mutige Gegner. Ihre auffällige Fellfärbung soll Fressfeinde darauf hinweisen, „ungenießbar“ zu sein. Trotzdem sind sie Hauptnahrungsquelle für Schneeeulen, Hermeline oder Polarfüchse. Fehlen Lemminge, schwinden auch sie, da sie ihre Jungen nicht durchfüttern können. Im Jahr darauf vermehren sich die Lemminge mangels Fressfeinden so stark, dass sie wieder auf Wanderschaft gehen müssen, um neue Nahrungsgründe zu finden. Unterhalb der Baumgrenze sind sie allerdings nicht willkommen. Ihr Verwandter, der Waldlemming, hält dieses Terrain besetzt. Ein Überlebenskampf beginnt. Entkräftet und fern der vertrauten Umgebung gehen die meisten Berglemminge zugrunde. Ihre in Bächen treibenden Körper nähren den Mythos vom Massenselbstmord der Lemminge aufs Neue. Etwa alle 30 Jahre soll es, für die Lebensweise dieser Art völlig untypisch, zu herdenartigen Abwanderungen der Berglemminge kommen. Diese wurden allerdings bisher noch nie bildlich festgehalten. Ein Mythos, der noch zu klären sein wird.

Berglemminge sind bedroht durch den Klimawandel. Da die Schneedecke durch Temperaturschwankungen rascher vereist, können Behausungen nicht in entsprechender Zahl und Größe angelegt werden. Das Schmelzwasser sinkt zu Boden, wo es friert und Moose und Gräser einschließt. Die Berglemminge finden in der Folge nicht mehr genug Nahrung. Das beeinträchtigt die Fortpflanzungsrate.

„Norwegen – Die sagenhafte Welt der Lemminge“ ist das eindrucksvolle Porträt eines der rätselhaftesten und ungewöhnlichsten Nagetiere der nordischen Bergwelt. Eingebettet in die grandiose Kulisse Skandinaviens begleitet der Film den Berglemming durch ein ganzes Jahr. Dabei zeigt sich die enge Schicksalsgemeinschaft des Berglemmings mit seinen Nachbarn und Fressfeinden in der Ödnis der weißen Kältewüste. Dort gibt es Symbiosen – wie etwa jene zwischen Kolkraben und Vielfraß. Polarfüchse sehen sich als Unterlegene im harten Konkurrenzkampf mit dem Rotfuchs, Elche wiederum sind dem Rentier überlegen. Undercover im kristallenen Weiß – der Berglemming. Im Frühjahr schmilzt seine Behausung aber förmlich davon. Dann muss der kleine Wühler in unbekanntem Terrain mit übermächtigen Gegnern wie Steinadler, Braunbär oder Raubmöwe fertig werden.

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