• 25.07.2017, 22:00:16
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TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" vom 26. Juli 2017 von Karin Leitner "Mehr Rache als hehre Sache"

Innsbruck (OTS) - Die Grünen-Zeit von Peter Pilz ist Geschichte. Der
langjährige Mandatar hat sich von seinen Gesinnungsfreunden formal
losgesagt. Dass er das erst jetzt tut, nimmt seinem Polit-Projekt
Glaubwürdigkeit.

Vorweg das Löbliche: Es ist gut, dass die Wählerinnen und Wähler am
15. Oktober ein weiteres Angebot haben. Es ist gut, dass die Truppe,
die Pilz verkörpert, weder extrem noch hetzerisch agieren dürfte. Es
ist gut, dass sie von einem Menschen mit großer Polit-Erfahrung
angeführt wird. Einem Mann mit Verdiensten – als unerbittlicher
Kämpfer gegen Korruption und Freunderlwirtschaft in dieser Republik.
Peter Pilz kandidiert mit einer eigenen Liste. Parteichef will er
keiner sein, einer „Bürgerinitiative“ möchte er vorangehen. Ein
Programm werde er nicht vorlegen; jeder seiner Mitstreiter sei ein
solches, sagt Pilz. Klubzwang im Hohen Haus? Nicht bei und nicht mit
ihm.
Und da kommen wir zum nicht löblichen Teil der Angelegenheit: Pilz
ist bei den Grünen politisch aufgewachsen. 31 Jahre lang hat er für
diese als Mandatar gewerkt. Eine Partei hat ihm das ermöglicht.
Diese ist jetzt pfuigack.
Den gewünschten Rang für die Nationalratswahl – Nummer 4 auf der
Bundesliste – haben ihm die Delegierten beim Bundeskongress
mehrheitlich verwehrt. Bei einem Abstimmungsduell unterlag er dem
Jung-Abgeordneten Julian Schmid. So etwas ist für eine Polit-Diva wie
Pilz schwer zu verkraften. Gekränkt, enttäuscht, vergrämt ist er. Das
nimmt seinem Projekt einiges an Glaubwürdigkeit – jene, dass es ihm
nur um die Sache, nicht um Rache an den bisher Seinen geht.
Dass Pilz nicht erst seit dem Bundeskongress unzufrieden mit dem
Grünen-Kurs ist, stimmt. Nicht nur intern monierte er schon 2015 dies
und das; er tat das – zum Leidwesen der Parteioberen – auch
öffentlich. Das Credo: Linkspopulistisch müssten sich die Grünen
positionieren.
Wenn Pilz nun beklagt, dass das ungehört geblieben ist, fragt sich:
Warum hat er sich nicht längst wegbewegt – formal, wie er das jetzt
macht? Warum ist er geblieben, hat sich wieder um einen Mandatsplatz
bemüht? Hätte er sich losgesagt, wenn er diesen bekommen hätte?
Sicher nicht. Dann hätte er bei den Grünen weiter im Team solo
gespielt.
Die One-Man-Show läuft nun außerhalb gewohnter Strukturen.
Parteimittel hat Pilz keine, das nötige Geld muss er selbst
auftreiben. An Selbstbewusstsein mangelt es ihm trotz der schwierigen
Startbedingungen nicht. Gar ein zweistelliges Wahlresultat schwebt
dem 63-Jährigen vor.
Er scheint von Beifallspendern geblendet zu sein. Dass ihn viele
beklatschen, heißt nicht, dass sie ihn auch wählen. Der Applaus
etlicher gilt dem Umstand, dass Pilz den Grünen schaden wird.

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