58. Chirurgenkongress der Österreichischen Gesellschaft für Chirurgie „Innovation trifft Reformation“

Wien (OTS) - Internationale Fachärzte der Chirurgie tagen vom 28.-30.6.2017 in der Messe Wien.

Prof. Dr. Reinhard Windhager
Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Chirurgie
Vorstand der Universitätsklinik für Orthopädie Wien

Anlässlich des 58. Chirurgenkongresses der Österreichischen Gesellschaft für Chirurgie in der Messe Wien findet der Präsident der Gesellschaft deutliche Worte zur chirurgischen Versorgung in Österreich. Das Kongress-Motto „Innovation trifft Reformation“ wurde gewählt, um Lösungsansätze zur sich stark ändernden Landschaft im Gesundheitssystem zu diskutieren.

Alle medizinischen Fächer sind in den letzten Jahren sowohl mit einer Reform der Ärzteausbildung, als auch mit der Arbeitszeitverkürzung konfrontiert. Für die chirurgischen Fächer kommt erschwerend die Abhängigkeit von zusätzlichen Ressourcen wie OP- und Anästhesie-Kapazitäten dazu.

Darüber hinaus ist die Gesundheitspolitik, die unter starkem Einfluss der Länder ist, eine Änderung der Versorgungs-Strukturen, die durch die geänderte Ausbildung notwendig wird, größtenteils noch schuldig.

Prof. Dr. Reinhard Windhager: „Innovationen sind in allen diagnostischen und therapeutischen Bereichen von essentieller Bedeutung, um Behandlungen zu verbessern und die Morbidität zu senken, oder überhaupt Krankheiten zu verhindern. Innovationen sind in der Regel mit einer Steigerung der Behandlungskosten verbunden, denen der Reformzwang aufgrund ausufernder Kosten im Gesundheitswesen aber auch Zwänge, die durch das Arbeitszeitgesetz aufkommen, gegenüberstehen.

Innovation bedeutet aber auch Auswege zu suchen, die von scheinbar unüberwindbaren Engpässen durch Verbesserung der interdisziplinären Zusammenarbeit und Konzentration auf die wesentlichen Aufgaben am Patienten zu neuen diagnostischen und therapeutischen Pfaden führen.“

Arbeitszeitverkürzung und Ausbildungsqualität

Eine vor kurzem veröffentlichte Metaanalyse [1] zeigt, dass das Lernen und die Vorbereitung auf das selbständige Praktizieren leiden, wenn der Nachwuchs weniger Zeit mit der Versorgung von Patienten verbringt. Außerdem konnte keine Verbesserung der Patientensicherheit oder -mortalität festgestellt werden. Die Metaanalyse zitiert sogar mehrere Studien, wonach sich die Dienstzeitbeschränkung schlecht auf die Versorgung von Patienten auswirkte. Auf theoretischer Ebene könnte man sich das so erklären, dass es durch mehr Übergaben zu einer diffusen Aufteilung der Verantwortung kommt. Aus vielerlei Gründen ist das österreichische System der Ärzteausbildung weit beunruhigender als in den Vereinigten Staaten: Erstens: Die Wochenarbeitszeit ist nicht auf 80 Stunden beschränkt wie in den USA, sondern auf 48 Stunden. Zweitens fällt jeder Ausbildner nach einem Nachtdienst für den nächsten „Ausbildungstag“ aus, da Nachtdienste mit verpflichtender anschließender Ruhezeit verbunden sind.

Der Kongress trägt diesem Problemkreis Rechnung durch Referate und Diskussion zum Thema „Ausbildung und Arbeitszeitgesetz in der Schweiz, in Österreich und in Deutschland“. Geladen sind als Referenten: Prof. Markus Furrer aus Graubünden, Prof. Tim Pohlemann aus Homburg an der Saar und Prof. Markus Büchler aus Heidelberg. Über die Situation in Österreich berichtet Prof. Michael Gnant.

Eine weitere Sitzung ist dem Thema „Ausbildungsreform - Innovative Ansätze“ gewidmet. Hier kommen die Österreichische Ärztekammer, Ausbildungsverantwortliche und in Ausbildung stehende Chirurgen zu Wort.

Versorgungsstrukturen – Österreichischer Strukturplan Gesundheit

Die Geschichte des Österreichischen Strukturplanes Gesundheit (ÖSG) reicht in das Jahr 2006 zurück, wo es einen Beschluss der Bundesgesundheitskommission gab, die Österreichische Krankenanstalten- und Großgeräteplanung durch einen ÖSG abzulösen. Die erste Version wurde 2008 publiziert und in den Jahren 2010 und 2012 aktualisiert. Die jetzige Revision des ÖSG ist jedoch keine Aktualisierung, sondern eine grundsätzliche Neufassung. Allerdings wurde die Chance vollkommen vertan, die seit 2015 geltende neue Ärzteausbildung in den chirurgischen Fachbereichen zu berücksichtigen. Die neue Ausbildung fördert die frühzeitige Spezialisierung in die chirurgischen Bereiche „visceral“ (=Bauchraum), „Thorax“ (=Brustraum), „Gefäße“, „Neuro“ (=Nervensystem), „Plastische“(=Haut und Bindegewebe) sowie die besondere Berücksichtigung der Patientengruppe „Kinder- und Jugendliche“. Diese Differenzierung in der Ausbildung findet keine Entsprechung in der im ÖSG beschriebenen Versorgungsstruktur. Da Versorgungsqualität stark von der Ausbildungsqualität abhängt und umgekehrt, ist die Versicherung der Politik, die Mängel des ÖSG bei der nächsten Revision zu beheben, nicht befriedigend, zumal die letzte Revision 5 Jahre dauerte.


[1] Ahmed N, Devitt KS, Keshet I. et al: A Systematic Review of the Effects of Resident Duty Hour Restrictions in Surgery: Impact on Resident Wellness, Training, and Patient Outcomes. Ann Surg 2014; 259: 1041.

Rückfragen & Kontakt:

Dr. Erwin Lintner
tunc Marktforschung und Marketingberatung GmbH
lintner@tunc.co.at
mobil: 0676 312 26 46

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | NEF0007