„Republik in Flammen“: „Menschen & Mächte“-Dokumentation über den Schattendorf-Prozess und 90 Jahre Justizpalastbrand

Am 29. Juni um 21.05 Uhr in ORF 2

Wien (OTS) - „Der Justizpalastbrand ist die große blutende Wunde der Ersten Republik. Von da an gibt es eine gerade Linie, die über den Februar 1934 direkt in den März 38 führt. Dieser Tag markiert einen Wendepunkt am Weg von der Demokratie zu einem autoritären Regime“, analysiert Zeithistoriker Gerhard Jagschitz in der „Menschen & Mächte“-Dokumentation „Republik in Flammen – Der Justizpalastbrand und seine Folgen“, die ORF 2 aus Anlass des 90. Jahrestages des Justizpalastbrandes am Donnerstag, dem 29. Juni 2017, um 21.05 Uhr zeigt. Unmittelbarer Anlass für die Ausschreitungen in Wien war ein Gerichtsurteil gegen drei Mitglieder des rechten Frontkämpferverbandes. Durch Gewehrschüsse dieser Männer waren bei einem Aufmarsch des republikanischen Schutzbundes im burgenländischen Schattendorf zwei Menschen gestorben – ein sozialistischer Kriegsinvalide und ein siebenjähriges Kind. Im sogenannten Schattendorf-Prozess wurden die Angeklagten von den Geschworenen überraschend freigesprochen. Die Proteste gegen das vermeintliche „Schandurteil“ gipfelten im Brand des Justizpalastes und dem anschließenden Polizeimassaker. Die für die politische Entwicklung der Ersten Republik ausschlaggebenden Ereignisse sind um 23.05 Uhr auch Thema in „Stöckl.“ – zu Gast bei Barbara Stöckl sind u. a. Vizekanzler und Justizminister Wolfgang Brandstetter und ORF-„Bürgeranwalt“ Peter Resetarits.

Regisseur Fritz Kalteis untersucht in „Republik in Flammen“ Ursachen und Hintergründe einer Eskalation, die im kleinen burgenländischen Grenzort Schattendorf ihren Ausgang genommen hat. Sie hätte sich in jedem anderen Dorf, jeder anderen österreichischen Gemeinde ebenfalls ereignen können. Schattendorf steht hier auch stellvertretend für die „politische Marschgesellschaft“ der Ersten Republik, für das zunehmend verschärfte politische Klima im Land. Eine Mischung aus Fanatismus, persönlichen und politischen Ressentiments ließ in den 1920er Jahren die Stimmung in Schattendorf gefährlich kippen. Am 30. Jänner 1927 werden bei einer Auseinandersetzung zwischen dem sozialdemokratischen Schutzbund und dem rechten Frontkämpferverband zwei Menschen erschossen, darunter ein siebenjähriges Kind. Die Täter: Angehörige der Frontkämpfer.

Die Tochter von Hieronymus Tscharmann – er war einer der Täter – Josefa Trimmel-Tscharmann, präsentiert in der Dokumentation ihre Sicht der Dinge. Sie meint: Die Aggression des Schutzbundes sei der Auslöser der Ereignisse gewesen. Trimmel-Tscharmann geht es auch um die Rehabilitation ihres Vaters und ihrer Familie: „Das waren angesehene Leute. Und auf einmal stehen sie als Arbeitermörder da!“, beklagt sie. Die mittlerweile verstorbene Großmutter des ehemaligen SPÖ-Kulturministers Josef Ostermayer war damals Augenzeugin, als ihr Bruder Josef Grössing erschossen wurde. Nur ein einziges Mal hat sie über das Erlebte mit ihrem Enkel gesprochen.

Von wem sind die Aggressionen ausgegangen, die zu den Todesschüssen von Schattendorf führten? Diese Frage steht auch im Mittelpunkt des Prozesses, der im Juli 1927 beginnt und mit Freisprüchen für die angeklagten Täter endet. Fritz Kalteis hat Teile der Verhandlung mit österreichischen Topjuristen nachgestellt, darunter der Präsident des Wiener Landesgerichts, Friedrich Forsthuber, und der prominente Strafverteidiger Rudolf Mayer. Ist der Prozess fair abgelaufen oder wurden Fakten manipuliert? Wie kam es zu den Freisprüchen? Diesen Fragen wird erstmals in einer TV-Dokumentation nachgegangen.

Die Sozialdemokratie sah in den Freisprüchen vom 14. Juli 1927 einen Beweis für die Klassenjustiz in Österreich. Am nächsten Tag kommt es zu Demonstrationen, die sich zum Sturm auf den Justizpalast ausweiten. Als die Polizei in die Menge schießt, gerät die Lage außer Kontrolle. Österreich steht an diesem Tag am Rande des Bürgerkriegs. In ihrem Bericht wird die Polizei den Demonstranten später vorwerfen, von Anfang an einen Angriff auf die staatliche Ordnung geplant zu haben. Das widerlegt der Historiker Gerhard Botz. „Erst als die berittene Polizei die Demonstranten angreift, gerät die Lage außer Kontrolle“, erklärt Botz.

Auch im Umgang mit der Vergangenheit steht Schattendorf symbolhaft für die gesamte Republik. Nach NS-Zeit und Zweitem Weltkrieg wurde der „Mantel des Schweigens“ über die Vergangenheit gebreitet. „Man muss sich vorstellen, dass die Schützen ja noch immer im Dorf gelebt haben“, erzählt Josef Ostermayer. Dieser „Verschwörung der Stille“ stehen gegenseitige Schuldzuweisungen auf bundespolitischer Ebene gegenüber. Die beiden großen politischen Lager, ÖVP und SPÖ, benannten den jeweils anderen als Auslöser der Eskalation. Eine von politischen Emotionen freie Auseinandersetzung mit den Ursachen und Auswirkungen des Justizpalastbrandes blieb dabei auf der Strecke. Ist die Betrachtung der Geschichte noch heute eine Frage der Lagerzugehörigkeit? Sind die Gräben, die zu den Schüssen von Schattendorf und zum Brand des Justizpalastes geführt haben, tatsächlich überwunden? Oder tun sich jetzt neue auf? Auch diesen Fragen geht die Dokumentation nach.

Nähere Infos zur „Menschen & Mächte“-Dokumentation – einer Auftragsproduktion der Metafilm für den ORF in Kooperation mit dem BMB, gefördert vom Zukunftsfonds der Republik Österreich und Burgenland Kultur – sind unter http://presse.ORF.at abrufbar.

„Republik in Flammen“ ist nach der TV-Ausstrahlung sieben Tage als Video-on-Demand abrufbar und wird auch als Live-Stream auf der ORF-TVthek (http://TVthek.ORF.at) angeboten.

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