- 19.06.2017, 10:46:44
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„Man kann hier nicht schreiben, ohne sich die Hand zu verbrennen“: Ö1-„Tonspuren“ über Asli Erdogan
Wien (OTS) - Aus aktuellem Anlass – am 22. Juni findet in der Türkei
die Gerichtsverhandlung über Asli Erdogan statt – bringt Ö1 morgen,
Dienstag, den 19. Juni, um 16.05 Uhr in den „Tonspuren“ ein Feature
über die türkische Autorin. Eva Roither hat sie in Istanbul besucht.
Im August 2016 wird Asli Erdogan in ihrer Wohnung in Istanbul
festgenommen. Der Vorwurf: Die Schriftstellerin und Journalistin sei
Mitglied einer illegalen Organisation, sie zerstöre die Einheit und
Integrität des Staates. Ein Witz, ein Missverständnis, dachte sie
damals. Asli Erdogan ist zu dieser Zeit im Beirat der pro-kurdischen
Zeitung Özgür Gündem, für die sie auch regelmäßig Kolumnen verfasst.
Zeitgleich werden über 20 weitere Mitarbeiter/innen dieser Zeitung
verhaftet. Davor hatte die Staatsanwaltschaft die Schließung von
Özgür Gündem angeordnet. Asli Erdogan wird über vier Monate lang
inhaftiert und im Dezember nach internationalen Protesten unter
Auflagen wieder freigelassen. Sie muss in der Türkei bleiben, bei der
Gerichtsverhandlung am 22. Juni droht ihr eine hohe Gefängnisstrafe.
„In diesem Land gibt es keine politischen Gefangenen. Jeder ist
ein Terrorist“ – kommentiert Asli Erdogan die Verhaftungswelle seit
dem Putschversuch im Juli 2016. Mittlerweile sind mehr als 40.000
Menschen mit Gefängnisstrafen belegt und über 100.000 Beschäftigte
u.a. des öffentlichen Dienstes, der Justiz, der Polizei und des
Militärs sind entlassen oder suspendiert worden. Über 160
Journalist/innen sind im Gefängnis. In der Rangliste von Reporter
ohne Grenzen liegt die Türkei auf Platz 155 von 180 untersuchten
Ländern. Asli Erdogan, Jahrgang 1967, zählt zu den wichtigsten
türkischen Autorinnen der jüngeren Generation. Die Physikerin, die in
den 1990ern am Kernforschungsinstitut CERN in Genf gearbeitet hat,
hat sich in ihrer literarischen und journalistischen Arbeit sehr
entschieden gegen alle Formen der Unterdrückung ausgesprochen. Sie
warnte schon früh vor dem wachsenden Autokratismus des Präsidenten
Recep Tayyip Erdogan, prangerte die staatlichen Repressionen gegen
Kurden an, gehörte mit zu den ersten Intellektuellen, die sich
öffentlich bei den Armeniern für das erlittene Unrecht
entschuldigten. Immer wieder hat sich Asli Erdogan von türkischen
Nationalisten bedroht gefühlt und hat für längere Zeit im Ausland
gelebt. „Mein Gefühl der Zugehörigkeit ist nicht sehr groß“, sagt sie
in einem Interview, „aber ich bin eine türkischsprachige Autorin. Das
ist meine einzige Verbindung zur Türkei und gleichzeitig die
tiefstmögliche: meine Sprache. In ihr lebe ich.“
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