„Man kann hier nicht schreiben, ohne sich die Hand zu verbrennen“: Ö1-„Tonspuren“ über Asli Erdogan

Wien (OTS) - Aus aktuellem Anlass – am 22. Juni findet in der Türkei die Gerichtsverhandlung über Asli Erdogan statt – bringt Ö1 morgen, Dienstag, den 19. Juni, um 16.05 Uhr in den „Tonspuren“ ein Feature über die türkische Autorin. Eva Roither hat sie in Istanbul besucht.

Im August 2016 wird Asli Erdogan in ihrer Wohnung in Istanbul festgenommen. Der Vorwurf: Die Schriftstellerin und Journalistin sei Mitglied einer illegalen Organisation, sie zerstöre die Einheit und Integrität des Staates. Ein Witz, ein Missverständnis, dachte sie damals. Asli Erdogan ist zu dieser Zeit im Beirat der pro-kurdischen Zeitung Özgür Gündem, für die sie auch regelmäßig Kolumnen verfasst. Zeitgleich werden über 20 weitere Mitarbeiter/innen dieser Zeitung verhaftet. Davor hatte die Staatsanwaltschaft die Schließung von Özgür Gündem angeordnet. Asli Erdogan wird über vier Monate lang inhaftiert und im Dezember nach internationalen Protesten unter Auflagen wieder freigelassen. Sie muss in der Türkei bleiben, bei der Gerichtsverhandlung am 22. Juni droht ihr eine hohe Gefängnisstrafe.

„In diesem Land gibt es keine politischen Gefangenen. Jeder ist ein Terrorist“ – kommentiert Asli Erdogan die Verhaftungswelle seit dem Putschversuch im Juli 2016. Mittlerweile sind mehr als 40.000 Menschen mit Gefängnisstrafen belegt und über 100.000 Beschäftigte u.a. des öffentlichen Dienstes, der Justiz, der Polizei und des Militärs sind entlassen oder suspendiert worden. Über 160 Journalist/innen sind im Gefängnis. In der Rangliste von Reporter ohne Grenzen liegt die Türkei auf Platz 155 von 180 untersuchten Ländern. Asli Erdogan, Jahrgang 1967, zählt zu den wichtigsten türkischen Autorinnen der jüngeren Generation. Die Physikerin, die in den 1990ern am Kernforschungsinstitut CERN in Genf gearbeitet hat, hat sich in ihrer literarischen und journalistischen Arbeit sehr entschieden gegen alle Formen der Unterdrückung ausgesprochen. Sie warnte schon früh vor dem wachsenden Autokratismus des Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, prangerte die staatlichen Repressionen gegen Kurden an, gehörte mit zu den ersten Intellektuellen, die sich öffentlich bei den Armeniern für das erlittene Unrecht entschuldigten. Immer wieder hat sich Asli Erdogan von türkischen Nationalisten bedroht gefühlt und hat für längere Zeit im Ausland gelebt. „Mein Gefühl der Zugehörigkeit ist nicht sehr groß“, sagt sie in einem Interview, „aber ich bin eine türkischsprachige Autorin. Das ist meine einzige Verbindung zur Türkei und gleichzeitig die tiefstmögliche: meine Sprache. In ihr lebe ich.“

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