"Stadt finden" - Fachdebatten der Kammer der ZiviltechnikerInnen gestartet

„Thesen zur Stadt“: die Position der Kammer der ZiviltechnikerInnen zu Stadtplanung, Städtebau und Strategie für die Zukunft

Das gemeinsame Interesse gilt einer lebenswerten, für alle Bevölkerungsgruppen offenstehenden Stadt und der Erhaltung und Entwicklung der außerordentlichen Qualitäten, die Wien zu bieten hat.
Präsident DI Peter Bauer
Die Gestaltung von Prozessen in der Stadtplanung ist wichtig, die künstlerische Leistung des Entwerfens können sie niemals ersetzen.
Vizepräsident Architekt DI Bernhard Sommer
Stadtplanung dient nicht zuletzt der Herstellung von Gerechtigkeit
Architekt DI Christoph Mayrhofer, Sektionsvorsitzender Architekten

Wien (OTS) - Die Auftaktveranstaltung "Stadt finden" am 23. Mai 2017 im Architekturzentrum Wien wurde von Planenden, Politiker(inne)n, Projektentwickelnden, Grundstückseigentümer(inne)n, Investor(inn)en, Bauträgern, Jurist(inn)en, Journalist(inn)en und Bürger(inne)n genützt, um die verschiedenen Aspekte der aktuellen Fachdebatte zur Sprache zu bringen und in der regen Publikumsdiskussion Fragen an die Expert(inn)en und Entscheidungsträger der Stadt Wien zu stellen. Erstmals wurden die "Thesen zur Stadt", die Position der Kammer der ZiviltechnikerInnen zu Stadtplanung, Städtebau und Strategie für die Zukunft, präsentiert und 4 Fragen präzisiert: Wie entwickeln wir die Stadt? Was ist Städtebau? Worauf beruht die Stadtplanung? Welche Änderungen benötigt die Stadtplanung?

Wie entwickeln wir die Stadt?

Präsident DI Peter Bauer unterstrich die Wertigkeit der interdisziplinär erarbeiteten Thesen: Das gemeinsame Interesse gilt einer lebenswerten, für alle Bevölkerungsgruppen offenstehenden Stadt und der Erhaltung und Entwicklung der außerordentlichen Qualitäten, die Wien zu bieten hat.“ Und weiter: „Ohne Vorstellung der Stadt als eines Ganzen bauen wir immer nur Bruchstücke. Das Stadtganze ist mehr als die Summe der Teile. Das Denken in aneinandergereihten Wohnquartieren ist nicht in der Lage, Stadt zu erzeugen. Diese bedarf einer gesamtheitlichen Betrachtung, die räumliche, infrastrukturelle, soziale und Umweltkriterien vereint. Voraussetzung dafür ist, dass wir eine Vorstellung entwickeln, was zeitgemäße Stadt ist. Ohne ein Bild der Stadt wissen wir nicht, wohin wir gehen.“

Was ist Städtebau?

Die europäische Stadt ist über Jahrhunderte gewachsene Raumstruktur, die den Rahmen für die zwischenmenschliche Kommunikation, die soziale und wirtschaftliche Interaktion ihrer Bewohnerinnen und Bewohner bildet. „Städtebau ist kreativ-schöpferische Leistung“, betonte Vizepräsident Architekt DI Bernhard Sommer. „Der städtebauliche Entwurf als künstlerischer Akt bietet die Grundlage. Mit der Erfüllung infrastruktureller und technischer Voraussetzungen schafft man Ansiedlungen, aber keine Stadt. Es braucht den kreativen Akt, um aus räumlichen Agglomerationen eine Stadt als Ort der Identifikation zu schaffen, der menschliche Bedürfnisse jenseits der Erfüllung funktionaler Ansprüche befriedigt. Die Gestaltung von Prozessen in der Stadtplanung ist wichtig, die künstlerische Leistung des Entwerfens können sie niemals ersetzen.

Worauf beruht die Stadtplanung?

Stadtplanung ist die Grundlage der Grundstückswidmung. Die Festlegung der Grundstücksnutzung greift nachhaltig in Werte und Lebensbedingungen ein und setzt deshalb im Rechtsstaat höchstmögliche Sensibilität, Transparenz und Nachvollziehbarkeit voraus. Stadtplanung dient nicht zuletzt der Herstellung von Gerechtigkeit, stellte Architekt DI Christoph Mayrhofer, Sektionsvorsitzender Architekten, in der Debatte klar, „Ohne Gerechtigkeit gibt es keine soziale Stadt. Eine soziale Stadt ist jene, die es der größtmöglichen Zahl an Bewohnern und Bewohnerinnen ermöglicht, unabhängig von ihrer wirtschaftlichen oder sozialen Potenz teilzuhaben. Das erfordert Regeln, die für alle gleichermaßen gelten, als Ausgleich zwischen Stärkeren und Schwächeren in der Gesellschaft, was gerade Wien in der jüngeren Vergangenheit wie kaum eine andere Stadt geschafft hat.“

Welche Änderungen benötigt die Stadtplanung?

  • Die Kammer der ZiviltechnikerInnen für Wien, Niederösterreich und Burgenland fordert, dass es zwischen dem politischen Grundsatzprogramm und bauplatzscharfen Bebauungsbestimmungen überörtlicher Festlegungen bedarf, um zu einem konsistenten Stadtganzen zu gelangen.
  • Die Aufsplitterung von Agenden des Städtebaus hemmt ein Handeln, welches das Ganze nicht aus dem Auge verliert. Wir benötigen eine Zusammenführung in eine übergeordnete Zuständigkeit, die auch personell mit ausreichender Autorität ausgestattet ist.
  • Die Stadt ist es wert, permanent Kritik an ihren konkreten Entstehungsbedingungen zu üben. Kritik ist in diesem Zusammenhang nicht als destruktiv zu begreifen, sondern im Gegenteil als Notwendigkeit zur Weiterentwicklung, die auch ausreichender Publizität bedarf.
  • Der Boden ist als öffentlicher Raum, Grünraum, Bauland usw. eine zentrale Ressource der Stadt. Der Umgang mit Boden als nicht vermehrbarem Gut berührt immer Allgemeininteressen. Eine aktive Bodenpolitik ist Voraussetzung für den sozialen Zusammenhalt.

Es ist wichtig, Auswahlverfahren von Beginn an transparent und für potentiell Teilnehmende offen zu gestalten. In diesem Sinne begrüßt es die Kammer, gerade auch bei städtebaulich relevanten Projekten, frühzeitig eingebunden zu werden und in Kooperation qualitätsorientierte Verfahren zu gestalten, die auf bestmögliche Ergebnisse, hohe Akzeptanz und Rechtssicherheit fokussiert sind. Ziviltechniker(innen) sind in höchstem Maße an funktionierenden rechtsstaatlichen Abläufen sowie an transparenten und fairen Vergabeverfahren interessiert. Einerseits weil sie mit Planungen, von ihnen erstellten Gutachten und Urkunden selbst zu diesen beitragen, andererseits weil die Kammer von der Notwendigkeit und Qualität der Leistungen ihrer Mitglieder überzeugt ist.

Weitere Bilder: https://www.apa-fotoservice.at/galerie/9469

"Stadt finden" - weitere Fachdebatten der Kammer der ZiviltechnikerInnen

Die nächsten „Stadt finden“-Fachdebatten finden immer am 2. Montag des Monats statt. Der Eintritt ist frei, eine Anmeldung (via E-Mail an kammer@arching.at) ist erforderlich.

Die weiteren Schwerpunktthemen:
12. Juni 2017: Was ist Stadt? Was ist Städtebau? Was ist Stadtplanung?
11. September 2017: Wie entstehen Transparenz und Publizität?
9. Oktober 2017: Was bedeutet öffentliches Interesse an der Stadt?

Datum: 12.06.2017, 18:00 - 20:00 Uhr

Ort: Kammer der ZiviltechnikerInnen
Karlsgasse 9, 1040 Wien, Österreich

Url: http://wien.arching.at/aktuelles/veranstaltungen/kammer_aktiv/fachdebatten.html

Das Video der Veranstaltung ist via Facebook abrufbar
Link zum Live-Stream

Rückfragen & Kontakt:

Kammer der ZiviltechnikerInnen für W, NÖ und Bgld.
Nina Krämer-Pölkhofer, MSc
Generalsekretärin
nina.kraemer@arching.at
T: +43 1 5051781-15
M: +43 664 1316428

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