- 22.05.2017, 10:36:19
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Ö1: Schwerpunktreihe in „Tao – aus den Religionen der Welt“ über „Allah und Abendland – Islam in Europa“
Wien (OTS) - Die Ö1-Reihe „Tao – aus den Religionen der Welt“
(samstags, 19.05 Uhr) begibt sich in fünf Ausgaben auf die Spuren des
Islam in Europa: „Der Euro-Islam – gescheitertes Konzept oder
Zukunftsmodell?“ (27.5.), „Architektur, Arithmetik und Aristoteles –
Al-Andalus und sein Erbe“ (3.6.), „Popkultur und Petrodollars –
Bosniens Islam im Spannungsfeld“ (10.6.), „Halbmond und Csárdás –
Islam in Ungarn“ (17.6.) und „Koran und Marseillaise – Islam in
Frankreich“ (1.7.).
Wie leben Musliminnen und Muslime in Europa? Welchen Richtungen
des Islam gehören sie an? Gibt es so etwas wie einen europäischen
Islam, ist ein solcher überhaupt möglich und wünschenswert und wie
soll er definiert werden? Die „Tao“-Serie „Allah und Abendland“ zum
muslimischen Fastenmonat Ramadan, der 2017 am 27. Mai beginnt und bis
zum 24. Juni dauert, geht diesen Fragen auf den Grund, erinnert an
historische Fakten und zeigt die verschiedenen Gesichter des Islam im
heutigen Europa.
Den Auftakt der fünfteiligen Reihe in „Tao – aus den Religionen
der Welt“ macht am 27. Mai um 19.05 Uhr „Der Euro-Islam –
gescheitertes Konzept oder Zukunftsmodell?“. Der Islam verändert
Europa und Europa verändert den Islam, zumindest schrittweise. Immer
mehr islamische europäische Intellektuelle entwickeln neue Konzepte,
wie sich Europa und Islam in Einklang bringen lassen – vor allem an
den zahlreicher werdenden islamischen Fakultäten und Instituten an
den europäischen Universitäten. Doch die Zugänge sind vielfältig und
die Meinungen gehen oft weit auseinander. Schon über die Begriffe
wird hitzig debattiert: Ob von einem „Euro-Islam“, einem
„europäischen Islam“ oder einem „Islam europäischer Prägung“ die Rede
sein soll, darüber scheiden sich die Geister. Für viele islamische
Vordenkerinnen und Vordenker steht aber fest: Für die Etablierung
einer glaubwürdigen, europäischen Form des Islam wird man sich an die
Glaubensgrundlagen heranwagen müssen – was intensive Arbeit in der
Koranexegese und einen neuen Umgang mit der prophetischen Tradition
umfasst. Von österreichischer Seite haben unter anderen der Leiter
des Instituts für Islamische Studien der Universität Wien, Ednan
Aslan, und der Soziologe und Islamwissenschaftler Mouhanad Khorchide
Beiträge zur Debatte geliefert. Khorchide skizziert etwa einen
barmherzigen Islam, Aslan fordert eine Rückbesinnung auf die
Grundsäulen der islamischen Religion, um sie von innen her zu
reformieren. Immer wieder melden sich auch muslimische Feministinnen
wie die deutsche Autorin und Juristin Seyran Ateş oder die islamische
Theologin Hamideh Mohagheghi zu Wort. Zu Beginn des muslimischen
Fastenmonats Ramadan nähert sich „Tao“ den derzeit brennenden Fragen
an: Was ist das, eine europäisch-muslimische Identität? Wie weit sind
die islamischen Intellektuellen in Europa mittlerweile mit ihren
Konzepten? Und wie sehr sind diese bereits auf dem Boden der
Realität, in den vielfältigen muslimischen Communities angekommen?
Die von Kerstin Tretina gestaltete Sendung beleuchtet die
unterschiedlichen theologischen und politischen Ansätze und
unterzieht sie einem Reality-Check.
„Architektur, Arithmetik und Aristoteles – Al-Andalus und sein
Erbe“ ist Thema am 3. Juni um 19.05 Uhr in „Tao“. Sie brachten die
arabischen Zahlen und wichtige Kenntnisse auf den Gebieten der
Astronomie und Medizin sowie der Technik und Landwirtschaft nach
Europa. 800 Jahre lang – von 711 bis 1492 - waren arabische Herrscher
die bestimmende politische, religiöse, soziale und kulturelle Macht
auf der iberischen Halbinsel. Sie kamen als Eroberer, doch brachten
sie auch bleibende friedliche Güter wie neue landwirtschaftliche
Bewässerungsmethoden oder Techniken in der Metallverarbeitung, der
Weberei und im Bauwesen. Diese Zeit des „Al-Andalus“ gilt als
„goldenes Zeitalter“, als eine Zeit des toleranten und konstruktiven
Miteinanders von Christ/innen, Jüd/innen und Muslim/innen – unter
islamischer Herrschaft. Doch war dieses Zeitalter wirklich so
„golden“? Neben Beispielen für ein friedliches Miteinander gab es
auch gewaltsame Auseinandersetzungen, Hinrichtungen, Versklavung und
Brandschatzung. Und: Was blieb von „Al-Andalus“? Maria Harmer hat
sich auf Spurensuche begeben, geht dem Mythos des goldenen Zeitalters
nach und versucht das Erbe der Eroberer neu zu entdecken, das nicht
nur die iberische Halbinsel bis heute prägt.
Am 10. Juni begibt sich Lise Abid in „Tao“ (19.05 Uhr) auf die
Spuren von „Popkultur und Petrodollars – Bosniens Islam im
Spannungsfeld“. Bosnien-Herzegowina gilt als das „Sorgenkind“ der
Westbalkan-Region. Von einem Zusammenwachsen der ethnisch-religiösen
Gemeinschaften und der drei regional-politischen Einheiten kann kaum
die Rede sein. Die Wirtschaft liegt darnieder, die Arbeitslosigkeit
ist hoch. Arabischer Tourismus und Investitionen in Milliardenhöhe
sind willkommen, aber es gibt auch Stimmen, die die säkulare Ordnung
durch den Zuzug arabischer Muslim/innen gefährdet sehen. Der in
Bosnien gelebte Islam hat sich im 20. Jahrhundert modernisiert und
wurde im ehemaligen Jugoslawien stark eingeschränkt. Im Balkankrieg
der 1990er Jahre kämpften arabische Salafisten an der Seite
bosnischer Muslime; ihr Einfluss ist gegenwärtig über Moscheen
spürbar, die mit Geld aus dem Golf wiedererrichtet wurden. Kopftücher
sind auf Sarajevos Flaniermeile selten, aber in den neuen Shopping
Malls gehören Männer und Frauen in arabischer Kleidung zur luxuriösen
Käuferschaft. Abends dringt aus bosnischen Cafés heiße Pop-Musik,
doch in manchen Lokalen muss man ihr ohne alkoholische Getränke
lauschen – eine Trendwende? Überlebt hat der mystische Islam
Bosniens, der sogenannte Sufismus, der sogar für entwurzelte
Exkommunisten attraktiv ist. Vielleicht könnte er auch dem Salafismus
widerstehen.
„Halbmond und Csárdás – Islam in Ungarn“ steht am 17. Juni auf dem
Programm von „Tao“ (19.05 Uhr, Ö1). Sie überwachten die Donaufähre
zwischen Buda und Pest, das war etwa im 10. Jahrhundert, noch vor
König Stephan I., der in Ungarn auch heute noch als die Symbolfigur
für ein wehrhaftes Christentum gilt. Die Hüter der Donaufähre waren
jedoch nicht die ersten Muslime auf ungarischem Boden. Diese dürften
Mitte des 9. Jahrhunderts gemeinsam mit den Magyaren aus dem
Zwischenstromland zwischen Don und Dnepr ins Karpatenbecken gekommen
sein. Zahlreiche Ortschaften in Ungarn, deren Name „böszörmény“ (zu
Deutsch: Bessermenen) enthält, weisen etwa darauf hin, dass diese
Orte einst muslimischen Bessermenen-Stämmen gehört haben. Ihre
islamischen Spuren hat später auch die Herrschaft der Osmanen, von
1541 bis in die 1690er Jahre, hinterlassen: aus dieser Zeit stammt
etwa eine bis heute erhaltene Moschee in der Stadt Pécs, 2010
Kulturhauptstadt Europas. Heute leben in Ungarn geschätzte 50.000
Musliminnen und Muslime. Wie sie freilich in dem Land leben, dessen
Regierung sich gerne als Verteidigerin des christlichen Abendlandes
präsentiert, das versucht Judith Fürst zu erkunden. Dabei geht sie
auch Fragen nach, wie: Wer nimmt am Freitagsgebet in der größten
Moschee Budapests teil? Und kann man in Ungarn „halal“ essen? Das
Ergebnis sind akustische (Moment-) Aufnahmen und Einblicke in
muslimische Lebenswelten in Ungarn.
Den Abschluss des „Tao“-Schwerpunktes „Allah und Abendland“ macht
am 1. Juli um 19.05 Uhr eine Sendung über „Koran und Marseillaise –
Brennpunkt Islam in Frankreich“. Zuerst Charlie Hebdo im Jänner 2015,
dann Bataclan im November 2015 und schließlich Nizza im Juli 2016:
Seit den erschütternden, terroristischen Attacken mit insgesamt mehr
als 200 Todesopfern und hunderten Verletzten wird hauptsächlich ein
Gesicht des Islam von Frankreich in die Welt transportiert: jenes des
radikal-islamischen Dschihadismus. Staat und die Bevölkerung sind
weiterhin in Alarmbereitschaft, die Angst vor dem Terror gehört
mittlerweile zum französischen Alltag – für Nicht-Muslime wie
Muslime. Das streng laizistische Frankreich will sich nun dem Islam
auf neue Weise zuwenden: Die islamischen Institutionen im Land sollen
neu aufgestellt werden, der weiteren Radikalisierung von Musliminnen
und Muslimen müsse endlich vorgebeugt werden. Von Seiten der
französischen Regierung heißt es, es solle ein „französischer Islam“
entstehen: einer, der mit den Werten der Aufklärung, der
laizistischen Republik in Einklang stehe. Darüber, wie viele
Musliminnen und Muslime in Frankreich leben, gibt es nur Schätzungen;
diese reichen von 3,5 bis 9 Millionen, da die Befragung nach der
religiösen Zugehörigkeit aufgrund der Antidiskriminierungsgesetze
unzulässig ist. Unumstritten ist die immer noch prekäre, soziale
Situation vieler Musliminnen und Muslime mit Migrationshintergrund.
Vor allem jener, die ghettoisiert in den Vorstädten von Paris, Lyon
oder Marseille leben – schlecht integriert, ohne Arbeit und
Perspektiven. Diese sozialen Brennpunkte ziehen nicht erst seit
Aufkommen des „IS“ Hassprediger an. Gefühle der Benachteiligung und
Diskriminierung sind auch durch weitgreifende, politische
Entscheidungen verstärkt worden: Das Tragen des islamischen Kopftuchs
ist an staatlichen Behörden, Schulen und Universitäten verboten. Seit
2011 ist auch eine Vollverschleierung in der Öffentlichkeit
untersagt. Das Zusammenleben in Frankreich zwischen Muslimen und
Nicht-Muslimen wird schwieriger. Immer öfter sind französische
Musliminnen und Muslime auch Anfeindungen ausgesetzt. Unmut regt sich
innerhalb der muslimischen Community zudem ob der politischen Pläne
für einen verordneten, französischen Reformislam – für viele haben
diese Pläne einen kolonialistischen Beigeschmack. Mit dem Erbe der
Kolonialzeit, den vielen Migrantinnen und Migranten aus Nordafrika
(Marokko, Algerien, Tunesien) sowie dem Spannungsfeld Laicité und
Scharia hat Frankreich nämlich seine ganz eigene Geschichte – gerade
auch in Zusammenhang mit der Religion der Musliminnen und Muslime.
Kerstin Tretina berichtet aus Frankreich zum Status Quo der heiklen
Lage des dortigen Islam.
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