- 19.05.2017, 08:11:39
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Und morgen sind wir achtsam
Zürich (ots) - Alle, die unter Zeitnot, Digitalisierungspanik,
Big-Data-Phobie und Technologisierungs-Ermüdung leiden, kann ich
beruhigen: Morgen sind wir wieder achtsam; morgen hüpfen wir aus dem
Hamsterrad und besinnen uns wieder aufs Menschsein. Das
prognostiziert die neue Trendstudie des Frankfurter
Zukunftsinstituts. Gut, denn so kann es nicht weitergehen.
Aber keine Illusionen: Technologie wird weiterhin unaufhörlich unsere
Gesellschaft transformieren, die Komplexität unseres Lebens nimmt
weiter zu. Wir werden aber in Zukunft anders damit umgehen müssen,
wenn wir überleben wollen. Acht Trends zeichnen sich laut
Zukunftsinstitut bereits als Gegentrend zur Digitalisierung ab, sie
bilden den Rahmen der «neuen Achtsamkeit»: lebensfrohes Altern,
Verzicht als Reaktion auf Verschwendung, Abwehr von
Pauschal-Digitalisierung und Kommerz-Krach, ein für Umwelt und
Mitmenschen geöffneter Blick, Befreiung vom Selbstoptimierungswahn,
aktive Pflege von mentaler Stärke und innerer Ruhe, Umweltbewusstsein
ohne Selbsthass sowie Sehnsucht nach Gemütlichkeit und Vertrauen.
Im Mittelpunkt aller Handlungen und Entscheidungen steht die Frage
nach dem Warum. Klingt nach einer perfekten Welt, aber auch ziemlich
retro. Doch nicht von Rückwendung ist hier die Rede, sondern von
einem Wieder-zu-sich-finden in der modernen Welt, mit Big Data, mit
Digitalisierung; von klarer Luft nach dem Nebel.
Jede neue Generation entwickelt neue Ansichten, neue
Mediennutzungsgewohnheiten, neue Techniken, neue Werte, neue Warums.
Im Kern aber heisst Menschsein immer noch und immer wieder das
Gleiche: Sehnsucht nach Schönem, nach Gemeinschaft, Geborgenheit und
ganz persönlicher Erfüllung, egal ob beim Extrembergsteigen oder beim
Stricken. Menschen suchen nach einem Sich-Wiederfinden in der Welt.
Und die Digitalisierung gibt uns neue Möglichkeiten, ihre Warums zu
beantworten, die individuellen Wege zum eigenen Ausgangspunkt zu
begleiten. Das ist nicht unheimlich und disruptiv, sondern
wundervoll.
Roboter-Robbe Paro bringt Demente zum Lächeln. Pervers ist das nur,
wenn Paro menschliche Zuwendung ersetzt. Ein Lächeln mehr pro Tag
dagegen ist eine ausreichende Antwort auf die Frage nach dem Warum.
Auf der einen Seite spukt die Digitalisierung als grosses
Schreckgespenst, die Digital Disruption reisst uns und die Welt in
der Mitte entzwei. Auf der anderen Seite nehmen wir ohne Vorbehalte
alles an, was uns in unserem persönlichen Streben weiterbringt, ob es
die komplette Bibliothek auf einem Device ist oder die Möglichkeit,
sich in einer fremden Stadt vom Mobiltelefon ein Restaurant empfehlen
und dorthin führen zu lassen. Was einen Zweck erfüllt, gefällt.
Langsam dämmert auch die Erkenntnis, dass eine
Pauschal-Digitalisierung aller Arbeits- und Lebenswelten weder
erstrebenswert noch das Ziel ist. Unternehmen, die in ihrer
Zielgruppe Resonanz erzeugen wollen, müssen stattdessen künftig deren
Warums beantworten - mit ihrem Angebotsspektrum und ihren
Kommunikationsmassnahmen. Und je stichhaltiger die Antworten
ausfallen, desto eher kommt es zum Kauf.
Und wann beginnt das «achtsame Morgen» endlich? Am besten fangen wir
heute schon mit morgen an. Auch für technologische Neuerungen wird
künftig das Warum entscheidend sein: Es geht längst alles - aber
warum sollten wir es gehend machen?
Die Digitalisierung hat ihren Zenit überschritten, die Zeit der
bedenken- und vorbehaltlosen Netzaffinität ist vorbei. Die Studie des
Zukunftsinstituts bestätigt das.
Für uns bedeutet «die neue Achtsamkeit» Zeit für klare Luft, Sog
statt Druck. Und bei der Beantwortung Ihrer Warums beides: always
«Om» und always on.
Editorial der heute erschienenen Werbewoche 9/2017 von Chefredaktorin
Anne-Friederike Heinrich
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