90 Jahre Justizpalastbrand: ORF stellt Schattendorf-Prozess mit Top-Juristen nach

Dreharbeiten zur „Menschen & Mächte“-Doku „Republik in Flammen“ im Wiener Landesgericht

Wien (OTS) - Mit dem Brand des Wiener Justizpalastes am 15. Juli 1927 beginnt die Erosion der Demokratie und des parlamentarischen Systems in Österreich. Neun Jahre nach der Ausrufung der Republik erlebt das Land den ersten großen Ausbruch staatlicher Gewalt. Sie ist die Antwort der Regierung Seipel auf sozialdemokratische Demonstrationen nach dem Freispruch von drei Angehörigen des Frontkämpferverbandes, die beschuldigt wurden, im burgenländischen Schattendorf bei Zusammenstößen mit dem sozialdemokratischen Schutzbund zwei Menschen erschossen zu haben. Die sozialdemokratische Führung bekommt die Demonstranten nicht mehr in den Griff, sie stürmen den Justizpalast, der bald danach brennt. Die Polizei erhält Schießbefehl. Die Bilanz:
84 tote Demonstranten und fünf tote Polizisten.

Aus Anlass des bevorstehenden 90. Jahrestages analysiert der ORF in seiner Zeitgeschichte-Reihe „Menschen und Mächte“ am Donnerstag, dem 29. Juni 2017, um 21.05 Uhr in ORF 2 Ursachen, Hintergründe und politische Konsequenzen des Brandes. Im Rahmen der noch bis Mitte Mai anberaumten Dreharbeiten für die Dokumentation „Republik in Flammen – 90 Jahre Justizpalastbrand“ stellte Regisseur Fritz Kalteis in Anwesenheit von ORF-Generaldirektor Dr. Alexander Wrabetz und Andreas Novak, Leiter der ORF-Zeitgeschichte, vergangenen Freitag Teile des Schattendorf-Prozesses nach – am Originalschauplatz im großen Schwurgerichtssaal des Wiener Straflandesgerichtes. Die Rollen von Richter, Staatsanwalt und Verteidiger übernahmen einige von Österreichs Top-Juristen, so etwa der Präsident des Landesgerichtes für Strafsachen Wien, Dr. Friedrich Forsthuber. In weiteren Rollen sind Dr. Norbert Gerstberger, Richter am Landesgericht für Strafsachen Wien, Staatsanwalt Dr. Leo Bien, Strafverteidiger Dr. Rudolf Mayer und Schussgutachter Dr. Ingo Wieser zu sehen.

ORF-Generaldirektor Dr. Alexander Wrabetz: „Der Justizpalastbrand war eines der wesentlichen Ereignisse in der Geschichte der Ersten Republik, letztlich in den Auswirkungen der Beginn des Endes der Ersten Republik. Daher ist es für den ORF wichtig, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Gerade wenn wir nächstes Jahr 100 Jahre Österreichische Republik feiern werden, ist das ein ganz entscheidendes Thema, das beleuchtet gehört. In diesem Zusammenhang freut es mich sehr, dass es unserem Zeitgeschichte-Team gelungen ist, Top-Juristen unseres Landes für die Mitwirkung an der Dokumentation zu gewinnen.“

„Bei der Analyse der Ursachen für den Untergang Österreichs im März 1938 stehen oft der Februar 1934 und der Dollfuß-Mord im Vordergrund, aber die Erosion der demokratisch-parlamentarischen Republik beginnt eigentlich mit dem Justizpalastbrand bzw. dem Schattendorf-Prozess. Anhand aktueller politischer Ereignisse etwa in der Türkei sieht man, wie schnell sich der Weg von der Ausschaltung der Demokratie in Richtung Diktatur entwickeln kann“, betonte Andreas Novak, Leiter der ORF-Zeitgeschichte: „Die Überlegung, die Sequenzen im Straflandesgericht mit Top-Juristen zu drehen, hat sich insofern bewährt, da deren Fachwissen für die präzise Nachstellung des Prozesses sehr hilfreich war“, so Novak abschließend.

Menschen & Mächte: „Republik in Flammen – 90 Jahre Justizpalastbrand“

„Vom Justizpalastbrand am 15. Juli 1927 führt eine direkte Linie zum Bürgerkrieg im Februar 1934 und weiter zum März 1938. Dieser Tag markiert einen Wendepunkt am Weg von der Demokratie zu einem autoritären Regime.“ Das sagt der Historiker Gerhard Jagschitz zu einem der wichtigsten Ereignisse der österreichischen Republiksgeschichte. Unmittelbarer Anlass für die Ausschreitungen in Wien war ein Gerichtsurteil gegen drei Mitglieder des rechten Frontkämpferverbandes. Durch Gewehrschüsse dieser Männer waren bei einem Aufmarsch des republikanischen Schutzbundes im burgenländischen Schattendorf zwei Menschen gestorben – ein sozialistischer Kriegsinvalide und ein achtjähriges Kind. Im sogenannten Schattendorf-Prozess wurden die Angeklagten von den Geschworenen überraschend freigesprochen. Die Proteste gegen das vermeintliche „Schandurteil“ gipfelten im Brand des Justizpalastes und dem anschließenden Polizeimassaker.

Dr. Friedrich Forsthuber, Präsident des Landesgerichtes für Strafsachen Wien: „Wir wollen den Handlungsablauf authentisch nachstellen, die Beweisführung im Prozess zeigen und klarstellen, wie es zu dem Urteil kam. Wir haben es mit einem überaus umstrittenen Urteil zu tun, bei dem das Gerechtigkeitsempfinden der Menschen und die juristische Gerechtigkeit weit auseinandergeklafft sind.“

Den überzeugenden Verteidiger der Angeklagten gibt der Strafverteidiger Dr. Rudolf Mayer. Für ihn ist der Auftritt vor der Kamera eine Rückkehr zu den eigenen Wurzeln. Was kaum jemand weiß:
Mayer war vor seiner Juristenkarriere als Schauspieler tätig: „Da habe ich pro Aufführung 300 Schilling bekommen, für die Proben gar nichts. Mit steigendem Alter ist dann mein Sicherheitsbedürfnis gewachsen und mit 29 habe ich die Juristerei entdeckt.“

Forsthuber und Kalteis orientieren sich am historischen Prozessakt – 1.025 Seiten komprimierte Geschichte. Er gibt Einblick in eine enorm aufgeheizte Zeit: „Einerseits können wir uns heute kaum vorstellen, wie locker damals Fäuste und Taschenfeitel gesessen sind und wie gewaltsam die politische Auseinandersetzung war. Andererseits sind die Ähnlichkeiten unserer Gegenwart mit der Zwischenkriegszeit unübersehbar: Auch heute werden radikale Stimmen immer lauter, die meinen, dass es eine Zukunft nur gibt, wenn der weltanschauliche Gegner restlos besiegt ist“, so Fritz Kalteis.

„Republik in Flammen – 90 Jahre Justizpalastbrand“ ist eine Auftragsproduktion der Metafilm für den ORF in Kooperation mit dem BMB, gefördert vom Zukunftsfonds der Republik Österreich und Burgenland Kultur.

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