Rückblick auf ein Jahr ELGA im Spital

ÖÄK-Mayer: „Bisher schöne Worte, Bewährungsprobe kommt erst“

Wien (OTS) - In der derzeitigen Form bestehe mit der elektronischen Gesundheitsakte (ELGA) im Spital kein zusätzlicher Nutzen, geschweige denn eine Arbeitserleichterung, sagte der Obmann der Bundeskurie Angestellte Ärzte und Vizepräsident der Österreichischen Ärztekammer (ÖÄK), Harald Mayer, am Mittwoch im Zuge eines Pressegespräches. „Wir blicken auf ein Jahr ELGA im Spital zurück und müssen feststellen:
Ärztinnen und Ärzte verbringen noch mehr Zeit vor dem Computer, anstatt sich ihren Patientinnen und Patienten widmen zu können.“

Sowohl das Durchlesen einer kompletten Krankengeschichte bzw. der angefügten PDF-Dateien als auch das Durchsuchen unterschiedlicher Systeme nach Informationen bringe enorme zeitliche Verschlechterungen mit sich. „Wir haben es hier leider mit unstrukturierten Datenmassen zu tun“, so Mayer.

Seit 2006 liege das Thema ELGA am Tisch, wobei es schon damals die Möglichkeit gab, in den Spitalsverbünden auf verschiedene Daten – verdichtete, aktuelle Information – zuzugreifen. Dazu Mayer:
„Versprochen wurde uns mit ELGA eine Verbesserung der medizinischen Versorgung und dass sich für Spitäler nicht viel ändern solle. Bekommen haben wir bisher nur schöne Worte, die Bewährungsprobe kommt erst.“

Von Beginn habe sich die Frage nach den Kosten und dem medizinischen Nutzen gestellt. Ebenso hätten sich von Anfang an die Hinweise an die Spitalsträger verdichtet, dass es zu vermehrtem Arbeitsaufwand kommen werde. Die schrittweise Umsetzung habe im Dezember 2015 in öffentlichen Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen in Wien und der Steiermark begonnen. Seitdem sind Krankenanstalten verpflichtet, an ELGA teilzunehmen, d.h. das System in den Spitälern zu implementieren.

ÖÄK grundsätzlich für elektronische Gesundheitsakte

Als Interessenvertretung einer Berufsgruppe, die digitalen und neuen Medien gegenüber sehr aufgeschlossen ist, spreche sich auch die ÖÄK stark für moderne Kommunikationsmittel und Fortschritte in der Digitalisierung in der Medizin aus und unterstütze diese, betonte der Obmann der Bundeskurie. So stehe die ÖÄK auch einer elektronischen Gesundheitsakte grundsätzlich positiv gegenüber, sofern die Kosten-Nutzen-Relation und Usability gegeben sind.

„Seit ELGA diskutiert und entwickelt wird, fordern wir einen sinnvollen Einsatz und eine Erleichterung der Informationsbeschaffung“, so Mayer. Im Mittelpunkt des Systems müssten die Patientinnen und Patienten sowie die Verbesserung ihrer ärztlichen Behandlung stehen. Das Wohl der Patienten durch eine individuelle ärztliche Begleitung beim Diagnose- und Therapieprozess sowie ein ärztliches Gespräch müssten unterstützt werden.

Derzeit sorgt ELGA für noch mehr Bürokratie

„Was wir leider schon jetzt sehen: ELGA füttert die ohnehin schon überbordende Bürokratie in der täglichen Spitalsarbeit“, so Mayer. So müssen Patientendaten in manchen Krankenhäusern von Ärztinnen und Ärzten immer noch in verschiedene EDV-Masken eingegeben werden. Als weiteres Beispiel nannte der ÖÄK-Vizepräsident die Abfragedauer des Systems. Angekündigt war, dass Links zu Datenspeichern in Millisekunden funktionieren und die Informationen punktgenau auf den PC des Abfragers bringen sollen. Die Realität zeige, dass selbst bei neuester Hard- und Software Abfragen durchschnittlich ca. 30-35 Sekunden, manchmal sogar über eine Minute dauerten.

Studien belegen, dass lediglich 58 % der ärztlichen Arbeitszeit für ärztliche Tätigkeiten aufgewendet werden – für administrative Tätigkeiten sind es hingegen bereits 35 %. „Lassen wir unsere Ärztinnen und Ärzte doch in erster Linie das machen, wofür sie ausgebildet wurden, und unterstützen wir sie mit Systemen, die eine Erleichterung der Arbeitsabläufe und nicht noch mehr Bürokratie und Verwaltungsaufwand mit sich bringen“, so Mayer abschließend.

Kritik an ELGA

  • Usability: Sowohl das Durchlesen einer kompletten Krankengeschichte bzw. der angefügten PDF-Dateien als auch das Durchsuchen unterschiedlicher Systeme nach Informationen – wie KIS und ELGA – bringen enorme zeitliche Verschlechterungen mit sich. In vielen Fällen ist bis heute ELGA in die Krankenhaus-Informationssysteme nicht so integriert, dass es im Hintergrund läuft und sämtliche Abläufe durch ELGA keinesfalls verzögert werden. Die ELGA-GmbH hat unter Mitwirkung der ÖÄK einen Usability Styleguide entworfen, diesen aber noch nicht umgesetzt.
  • Dokumentensicherheit/Datensicherheit: So ist zum Beispiel das automatische Hineinstellen von Dokumenten in das ELGA-System möglich – auch ohne Zustimmung des Patienten (z.B. Labors). Löschungsmöglichkeiten fehlen (Dokumente bleiben im System, lediglich Verweise werden „gekappt“).
  • Wechselwirkungsproblematik: Die Patientin/der Patient kann Medikamente ausblenden, d.h. die Medikationsliste kann unvollständig sein.
  • Haftung: Teilnahmepflicht/Hineinschaupflicht und damit verbundene Haftungsfragen für Ärztinnen und Ärzte sind noch ungeklärt. Viele Fragen sind noch zu beantworten, zum Beispiel, was den Umfang der Entlassungsbriefe künftig betrifft: Wie viele Laborbefunde sind hineinzustellen? Der erste, der letzte, alle?
  • Kosten und Finanzierung: Sowohl die genaue Kostenstruktur als auch die Finanzierung des Projektes sind noch nicht vollständig geklärt. ELGA ist ein öffentliches Infrastrukturprojekt, daher müssten auch die damit in Zusammenhang stehenden Kosten von der öffentlichen Hand getragen werden. In den Jahren 2010 bis 2017 kamen Gesamtkosten von 130 Millionen Euro zusammen, ab 2018 sind laufende Kosten von 18 Millionen Euro jährlich prognostiziert. Dieses Geld beinhaltet die Kosten der ELGA-GmbH, d.h. Personal, Räumlichkeiten und zentrale Komponenten, jedoch nicht den Betrieb (Errichtungskosten für Spitäler, Schulungen, Informationen an Patienten, Anpassung der Software etc.).

Forderungen der ÖÄK im Hinblick auf ELGA

  • Usability: Um den besonderen Anforderungen und Prozessen in den Krankenanstalten gerecht zu werden, benötigen wir höchstmögliche Gebrauchstauglichkeit und Anwenderfreundlichkeit. ELGA muss in die Krankenhaus-Informationssysteme so integriert werden, dass ELGA im Hintergrund läuft und sämtliche Abläufe durch ELGA keinesfalls verzögert werden.
  • Strukturierte Dokumentenarchitektur bzw. hohe Interoperabilitätsstufe: (EIS 3 Full Support samt Freitextmöglichkeit; keine (eingescannten) Pdf-Dokumente). Damit ist eventuell die Anpassung/Neuaufsetzung der EDV-Systeme/Integration ins KIS verbunden; die Setzung von Prioritäten, die Aufnahme externer Befunde; die Achtung auf Datenqualität und Aktualität. Wie eine Umfrage der ELGA-GmbH zeigte, waren im Sommer 2012 nicht einmal die Hälfte der Krankenanstaltenträger EDV-mäßig imstande, selbst einfache CDA-Dokumente zu generieren und zu verarbeiten. Dieses Defizit gehört aufgelöst.
  • Systematische, punktegenaue und vor allem effektive Suchfunktionen zur Recherche von medizinischen Inhalten in Dokumenten. Möglichkeit von Suchanfragen über Schlüsselwörter mit einer nach Relevanz geordneten Trefferliste (z.B. spezielle Suchfunktionen nach Diagnose, Medikamenten, Laborwerten und einzelnen Parametern, sowie Vorkehrungen für das Filtern von Suchergebnissen und die Darstellung der Resultate mit Gewichtung nach Relevanz). „Mehr“ an Informationen soll „Mehr“ an Qualität bringen. Genaue Anforderungen zu diesem Thema wurden in einer Arbeitsgruppe „ELGA Suchfunktion“ unter Beteiligung der ÖÄK erarbeitet. Dabei wurden von der Ärztekammer Forderungen aufgestellt, die auch von der ELGA-GmbH als sinnvoll akzeptiert wurden. Zur Umsetzung muss die ELGA Architektur geändert werden.
  • Datensicherheit/Datenschutz und Aufbau einer entsprechenden Informations- und Ablaufstruktur - verbunden mit klaren Verantwortlichkeiten (Vertraulichkeit/Verfügbarkeit/Zugriffs¬berechtigung): Im Krankenhaus wird der Zugriff vieler Personen auf die ELGA-Daten (höchst sensible, persönliche gesundheitsbezogene Daten) notwendig sein. Der Patient/die Patientin soll wissen, wer auf seine/ihre Akte zugegriffen hat. Patientenrecht „Opt-Out“: Wie kann der Patient seine ELGA-Rechte im Krankenhaus ausüben?
  • Klärung der Nutzungsbedingungen: Strukturierung der Arbeitsabläufe und Herstellung der entsprechenden IT-Sicherheit, insbesondere bei Nutzung eines PCs durch mehrere Ärztinnen und Ärzte. Zudem müssen benutzerfreundliche Arbeitsumgebungen für Spitalsärztinnen und Spitalsärzte geschaffen werden. Klärung schon vorab, wer im Spital wann Einsicht in ELGA hat. Sicherstellung, vor allem bei verpflichtender Verwendung dass ausschließlich jene Einsicht nehmen, die die notwendige Information benötigen.
  • Datenvollständigkeit und Aktualität. Damit hängt auch die Frage zusammen, wer für nicht aktuelle, nicht vollständige, nicht verfügbare und falsche Daten haftet.
  • Aufrechterhaltung der vollständigen Dokumentation in der Krankenanstalt bei gleichzeitiger Möglichkeit der Ausblendung des Entlassungsbriefs beziehungsweise bestimmter Teile des Entlassungsbriefs.
  • Einsatz von DokumentationsassistentInnen: Damit Ärztinnen und Ärzte, die in Ausbildung zum Arzt für Allgemeinmedizin oder Facharzt stehen, nicht vermehrt für ELGA- und Verwaltungstätigkeiten herangezogen werden, sondern sich einer qualitätsgesicherten Ausbildung unterziehen können. (bs)

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