• 25.03.2017, 14:48:49
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  • OTS0056

Hilfsorganisationen: Kritik von Ex-Traiskirchen-Chef unberechtigt

Caritas und Asylhilfe-NGOs: "Generalabrechnung" des ehemaligen Leiters der Erstaufnahmestelle Traiskirchen, Schabhüttl "zynisch und realitätsfremd" - Helfer im Nachhinein für Not verantwortlich zu machen nicht nachvollziehbar

Utl.: Caritas und Asylhilfe-NGOs: "Generalabrechnung" des ehemaligen
Leiters der Erstaufnahmestelle Traiskirchen, Schabhüttl
"zynisch und realitätsfremd" - Helfer im Nachhinein für Not
verantwortlich zu machen nicht nachvollziehbar =

Wien (KAP) - Die Caritas und zahlreiche Hilfsorganisationen wehren
sich gegen die Vorwürfe des früheren Leiters des Flüchtlingslagers
Traiskirchen und bewerten diese "Generalabrechnung" als "zynisch und
realitätsfremd". "Jeder, der die Bilder von obdachlosen Menschen in
der Erstaufnahmestelle Traiskirchen gesehen hat, weiß: Hier herrschte
dringender Handlungsbedarf", betonte der Wiener
Caritas-Generalsekretär am Samstag im "Ö1-Morgenjournal" und
gegenüber anderen Medien. Die von Tausenden unterstützte "Hilfe im
Nachhinein als Teil des Problems zu beschreiben und nicht als Teil
der Lösung zu benennen, ist beispiellos", so Klaus Schwertner im
Interview mit "Kathpress". Amnesty International-Generalsekretär
Heinz Patzelt sprach im "Morgenjournal" von "schlampiger Recherche
und haltlosen Vorwürfen".

Auslöser der breiten Kritik aus dem Bereich der NGOs war das von
Franz Schabhüttl gemeinsam mit dem "Presse"-Journalisten Andreas Wetz
verfasste und am Freitag präsentierte Buch "Brennpunkt Traiskirchen".
Darin kritisiert der frühere Traiskirchen-Leiter u.a. das Verhalten
der Caritas und anderer Hilfsorganisationen als aktionistisch. Die
Botschaft der Hilfsorganisationen, dass Traiskirchen im Sommer 2015
überbelegt gewesen wäre und unter den Asylwerbern Not, Hunger und
medizinische Unterversorgung geherrscht hätte, sei zu jedem Zeitpunkt
falsch gewesen. Dieses Bild habe in der Bevölkerung zutiefst
menschliche, aber objektiv nicht notwendige Hilfsreflexe ausgelöst.
"Wir mussten durch die so ausgelöste Spendenflut auf Kosten der
Steuerzahler wöchentlich bis zu 50 Tonnen an brauchbaren Waren
entsorgen", so Schabhüttl.

Republik war auf Hilfsbereitschaft angewiesen

Im Gegensatz zu dieser Sichtweise betonte Schwertner gegenüber
"Kathpress", dass in Traiskirchen sehr wohl "dringender
Handlungsbedarf" geherrscht habe: "Hunderte obdachlose Menschen
mussten über mehrere Wochen bei jedem Wetter unter freiem Himmel am
nackten Boden schlafen. Gemeinsam mit freiwilligen Helfern haben wir
in Traiskirchen in wenigen Tagen mehr als 1.000 Schlafsäcke verteilt
- an Männer, Frauen und auch an sehr viele Kinder." Diese Hilfe sei
"ohne Alternative" gewesen. "Sich rückwirkend über die Entsorgung von
Müll und das Engagement von tausenden Freiwilligen zu beschweren
anstatt darüber, dass es nicht gelang, obdachlose Kinder und
Erwachsene unterzubringen, macht deutlich, dass hier bis heute nichts
verstanden wurde", so Schwertner an die Adresse von Schabhüttl. Die
Republik sei in diesen Monaten auf die Hilfsbereitschaft der
Zivilgesellschaft angewiesen, nicht nur in Traiskirchen, sondern in
ganz Österreich.

Der Sommer 2015 sei "unglaublich fordernd" gewesen, so Schwertner im
Rückblick. Es sollte heute "nicht um Schuldzuweisungen" gehen,
sondern um die Frage, ob bereits alles unternommen werde, um
Obdachlosigkeit von Kindern in Österreich künftig zu vermeiden. Das
müsse das Ziel sein.

Deutliche Worte zu den Vorwürfen Schabüttls fand AI-Generalsekretär
Patzelt: Es sei ein "unfassbarer Zynismus", wenn man als Lagerleiter
verantwortet, dass Frauen, Schwangere und kleine Kinder am Boden im
Freien schlafen und man gleichzeitig noch freie Betten im Haus hätte,
die aus politischen Gründen nicht freigegeben werden. Das unter dem
Begriff "Zeltromantik zu subsumieren, macht sprachlos."

Ärzte ohne Grenzen wies zudem den Vorwurf zurück, die Kritik an der
medizinischen Versorgung sei überzogen gewesen. Die Versorgung sei
völlig unzureichend und die sanitären Bedingungen seien erschütternd
schlecht gewesen. Rückwirkend Freiwillige und Hilfsorganisationen für
das eigene Versagen verantwortlich zu machen, bedürfe keines weiteren
Kommentars, so die Hilfsorganisation in einer Stellungnahme.

Peter Wesely, Sprecher des einstigen Flüchtlingskoordinators der
Bundesregierung, Christian Konrad, sagte im "Morgenjournal": "Wenn
Franz Schabhüttl der Meinung ist, dass die Versorgung der Flüchtlinge
damals nicht zu beanstanden war, dann irren offenbar alle - von der
Bundesregierung abwärts."

Damit sprach Wesely die Lagebeurteilung der Regierung im Sommer 2015
an. So hatte der damalige Bundeskanzler Werner Faymann nach einem
Besuch in Traiskirchen im August 2015 festgehalten, dass die
Situation dort "humanitär nicht tragbar" sei. In der Folge setzte das
zuständige Innenministerium mit Walter Ruscher und Erich Prenner zwei
Generalkoordinatoren ein, die zwischen Juli und September 2015 die
Leitung des Lagers übernahmen.

Wie der jetzige Bundeskanzler das Wirken der Caritas und anderer
kirchlicher Einrichtungen beurteilt, hat dieser am Dienstag im
Anschluss an ein Treffen mit den Vertretern aller anerkannten
Religionsgemeinschaften deutlich gemacht: Christian Kern dankte
diesen "für ihr soziales, humanitäres Engagement". Besonders hob er
den Beitrag bei der Flüchtlingsbetreuung hervor: "Die vielen
tausenden Freiwilligen haben hier tatsächlich Unschätzbares
geleistet. Ich bin davon überzeugt, dass die staatlichen
Institutionen bei weitem nicht diese Aufgabe so gut absolvieren
hätten können, ohne diesen ganz entscheidenden Beitrag", so der
Bundeskanzler.

((ende)) PWU
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