8. NÖ Impftag: Impfen ein Leben lang – beginnt bereits im Mutterleib

Gemeinsame Fortbildung für Ärzte und Apotheker

Wien (OTS) - Impfen ist nicht nur Kindersache. Egal ob Baby, Jugendlicher, Erwachsener oder alter Mensch – Impfungen schützen vor lebensgefährlichen Krankheiten und sind das ganze Leben lang ein Akt der Solidarität gegenüber Mitmenschen. Neuesten Erkenntnissen zur Folge sind auch Impfungen während der Schwangerschaft kein No-Go mehr. 

Beim 8. Niederösterreichischen Impftag wird die Bedeutung des Impfens in den unterschiedlichen Lebensaltern behandelt“, umreißt Prim. Univ.-Prof. Dr. Karl Zwiauer, wissenschaftlicher Leiter und Organisator des NÖ Impftages sowie Vorstand der Abteilung Kinder- und Jugendheilkunde des Universitätsklinikums St. Pölten, den diesjährigen Themenschwerpunkt. Zu handeln sei nach Zwiauers Ansicht derzeit mehr denn je nach dem Grundsatz: „Bei jedem Arztbesuch ist der Impfstatus zu überprüfen und fehlende Impfungen sind zum nächstmöglichen Zeitpunkt nachzuholen.“  

Immunisierung bereits im Mutterleib und über die Muttermilch

Mit dem Impfen begonnen wird heute genau genommen nicht mehr erst im Säuglingsalter, sondern bereits vor der Geburt. Denn waren Impfungen in der Schwangerschaft früher kontraindiziert, so ist heute eine ganze Liste an Immunisierungen nicht nur erlaubt, sondern nach dem Österreichischen Impfplan sogar empfohlen. „In der Schwangerschaft sollte so wenig wie möglich, aber so viel wie nötig geimpft werden“, betont der Bereichsleiter Geburtshilfe an der Universitätsklinik für Frauenheilkunde am AKH Wien, Univ.-Prof. Dr. Herbert Kiss, MBA, und stellt klar: „Totimpfstoffe können während der gesamten Schwangerschaft problemlos verabreicht werden, sofern sie gut verträglich sind. Lebendimpfstoffe sollen hingegen nicht angewendet werden. Erfolgt aber während einer Schwangerschaft versehentlich eine Lebendimpfung, ist dies keinesfalls eine Indikation für einen Schwangerschaftsabbruch.“ 

Empfohlen wird werdenden Müttern zum Beispiel die Grippeimpfung, sofern Schwangerschaft oder Stillzeit in die Grippesaison fallen. „Eine aktive Immunisierung gegen Influenza ist für Schwangere äußerst wichtig, weil diese Erkrankung sowohl für die Mutter als auch für das Ungeborene eine schwere gesundheitliche Bedrohung darstellt“, erläutert Kurienobmann und Impfreferent der NÖ Ärztekammer, Vizepräsident MR Dr. Dietmar Baumgartner. Und Kiss ergänzt: „Bei Impfungen und Impfempfehlungen in der Schwangerschaft spielt besonders die Überlegung eine Rolle, dass die Neugeborenen in den ersten Monaten nach der Geburt durch mütterliche Antikörper immunisiert und geschützt werden, die beim Stillen mit der Muttermilch übertragen werden.“ Schutzimpfungen in der Schwangerschaft und regelmäßige Auffrischungsimpfungen laut Österreichischem Impfplan schützen das Neugeborene vor Infektionen in den ersten Monaten nach der Geburt.   

Optimale Immunisierung im Alter durch häufigere Auffrischungsimpfungen

Das Kleinkindalter ist jenes, in dem in Österreich am meisten geimpft wird. Leider wird diese wichtige Art der Vorsorge dann zunehmend vernachlässigt. „Nach der Geburt sollten möglichst alle im Rahmen des Gratisimpfprogramms empfohlenen Impfungen zeitgerecht durchgeführt werden. Man sollte jedoch auch im späteren Lebensalter nicht auf die Wiederimpfungen in den empfohlenen Intervallen vergessen“, meint Baumgartner und nimmt die ältere Bevölkerung in die Pflicht: „Ältere Menschen müssen vermehrt auf einen aufrechten Impfschutz achten, da das Immunsystem von Senioren nicht mehr so leistungsfähig ist. Daher braucht es Erinnerungen in Form von Auffrischungsimpfungen in kürzeren Intervallen.“ 

Impfdokumentation und Impfaktionen – Apotheken beraten

Impfstoffe gehören zu den effizientesten und besten Arzneimitteln, Impfungen sind daher eine sehr wirksame Maßnahme, um die Gesundheit zu bewahren – in jedem Alter. Leider gibt es nach wie vor Informationslücken und Verunsicherung in der Bevölkerung, was Schutzimpfungen oder Reiseimpfungen betrifft. Hier stehen die Apothekerinnen und Apotheker als kompetente Gesundheitsberater zur Seite. „Durch ihren niederschwelligen Zugang sind die öffentlichen Apotheken in Österreich ideale Gesundheitsdrehscheiben und spielen eine wichtige Rolle bei Impfaktionen. Mit ihrer Beratung leisten die Apothekerinnen und Apotheker einen wesentlichen Beitrag, das Impfbewusstsein bei der Bevölkerung zu stärken“, so Mag. pharm. Heinz Haberfeld, Präsident der Apothekerkammer Niederösterreich. Dies zeigt sich besonders gut am Beispiel Zeckenschutzimpfung: Die Impfung gegen FSME ist mit einer Durchimpfungsrate von 83 Prozent die am besten akzeptierte Schutzimpfung in Österreich.

Es gibt über das ganze Jahr verteilt zahlreiche Impfaktionen, während des jeweiligen Aktionszeitraums werden Impfstoffe vergünstigt abgegeben. Eine davon ist die Impfaktion gegen FSME, die noch bis 31. August 2017 läuft.

Wichtig für einen dauerhaften Impfschutz ist eine lückenlose Impfdokumentation. Die kostenlose Apo-App „Apotheken und Medikamente“ der Österreichischen Apothekerkammer kann auch als elektronischer Impfpass genutzt werden: Hier lassen sich für mehrere Personen Impfpässe anlegen, jede Impfung erfassen und Auffrischungserinnerungen speichern. Somit wird der Zeitpunkt für die nächste Auffrischung nicht vergessen und der Impfschutz ist dokumentiert. Auch sämtliche Impfstoffe und die offiziellen Impfempfehlungen des Gesundheitsministeriums sind in der App abrufbar. Die App für Android und iOS zählt mit mehr als 500.000 Downloads zu den beliebtesten Gesundheitsapps. 

Herdenimmunität ist erster Schritt zum Sieg über Infektionskrankheiten

Impfungen gehören zu den wirksamsten, nebenwirkungsärmsten und kostengünstigsten Maßnahmen des Infektionsschutzes. Sie sind nicht nur von persönlichem Interesse des Einzelnen, sondern vor allem auch von öffentlichem Interesse, wie Dr. Irmgard Lechner, Sanitätsdirektorin des Landes Niederösterreich, klarstellt: „Es gilt das Motto ‚Einer für alle – alle für einen‘. Impfungen sind nicht nur zum Schutz des Einzelnen, sondern insbesondere durch das Erreichen einer Herdenimmunität auch zum Schutz von Bevölkerungsgruppen zu empfehlen. Sind genügend Menschen geimpft, führt der Gemeinschaftsschutz dazu, dass eine Krankheit ausgerottet wird.“ Impfen lassen sollten wir uns daher, um uns selbst zu schützen, aber auch, um andere Personen in unserer Umgebung nicht in Gefahr zu bringen. „Sinkt die Impfrate, schwindet auch die Herdenimmunität. Schon besiegt geglaubte Infektionskrankheiten können dann zurückkehren – was sie leider auch tun“, beteuert Lechner. Ein Beispiel dafür sind die knapp 70 Maserninfektionen, die in den ersten Wochen dieses Jahres österreichweit vor allem bei Klein- und Kindergartenkindern und beim Gesundheitspersonal aufgetreten sind.   

Masernepidemien haben dramatische Folgen

Was die Masern-Durchimpfungsrate betrifft, schneidet Österreich als Land mit der zweithöchsten Masern-Inzidenz im EU-Vergleich sehr schlecht ab, wie Zwiauer berichtet: „Mit 13,7 Masernfällen pro Million Einwohner im Jahr 2014 und sogar 35,8 Fällen 2015 lagen wir EU-weit auf dem zweitschlechtesten Platz und sind damit vom Eliminationsziel von unter einem Masernfall pro Million Einwohner sehr weit entfernt.“ Maserninfektionen haben ernste Auswirkungen mit akuten und langfristigen Problemen: „Akut haben 20 Prozent der Erkrankten eine Lungenentzündung, Mittelohrentzündung oder einen zerebralen Anfall, ein bis zwei von Tausend erleiden eine Gehirnhautentzündung“, so Zwiauer. Vielen sei auch nicht bewusst, dass das Masernvirus das Immungedächtnis zerstört und dadurch das Immunsystem zusätzlich über Jahre schwächt. Die durch Maserninfektionen hervorgerufenen langfristigen Folgen sind dramatisch, berichtet Zwiauer: „Epidemiologische Untersuchungen der jüngsten Masernausbrüche zeigen, dass eines von 600 Kindern, die im ersten Lebensjahr an Masern erkranken, und eines von 2.000 Kindern, die bis zum Schulalter Masern durchmachen, an der tödlichen subakuten sklerosierenden Panenzephalitis Erkrankung (SSPE) versterben werden. Sie erleiden einen schrecklichen Tod, unausweichlich und ohne jegliche Therapiemöglichkeit. Bei der letzten großen Masernepidemie 1993 bis 1997 traten in Österreich geschätzte 28.000 bis 30.000 Maserninfektionen auf. Als Folge der damaligen Epidemie erkrankten zwischen 1997 und 2007 16 Kinder an der SSPE, die allesamt schon verstorben sind.“ 

Neuerungen des Impfplans betreffen auch Masern-Mumps-Röteln-Impfung (MMR)

Eine der wichtigsten Neuerungen im Österreichischen Impfplan 2017 ist, dass die Masern-Mumps-Röteln-Impfung nun schon ab dem vollendeten neunten Lebensmonat empfohlen wird. Priv.-Doz. Mag. Dr. Maria Paulke-Korinek, PhD, DTM, Leiterin der Abteilung Impfwesen im Bundesministerium für Gesundheit und Frauen, meint dazu: „Wie wichtig diese Empfehlung ist, wurde angesichts des aktuellen Maserngeschehens Anfang 2017 einmal mehr als deutlich: Mit 28. Februar dieses Jahres wurden bereits 65 Masernfälle gemeldet, davon betrafen 29 Prozent Kinder unter fünf Jahren. Besorgniserregend ist auch, dass zehn dieser Fälle Personal im Gesundheitswesen betreffen bzw. nosokomial erworben sind, das bedeutet im Zuge eines Aufenthalts oder einer Behandlung in einem Krankenhaus oder einer Pflegeeinrichtung.“  

2015 hat das Bundesministerium für Gesundheit einen Schwerpunkt beim Thema Masern gesetzt. Heute weiß man, dass bei den sechsjährigen Kindern die angestrebten 95 Prozent Durchimpfungsrate mit nur einer Dosis des MMR-Impfstoffes erreicht werden. Bei den zwei bis fünfjährigen Kindern aber liegt die Durchimpfungsrate bei rund 92 Prozent bei einer Impfdosis. Zusätzlich fehlt bei etwa zehn Prozent der Kinder die zweite MMR-Impfung. „Um das Ziel der WHO zu erreichen, müssten die Impfungen früher, spätestens bis zum Ende des zweiten Lebensjahres und viel konsequenter, nämlich zweimalig erfolgen“, so Paulke-Korinek weiter. Auf das WHO-Ziel fehlen aktuell pro Jahr fast 4.500 Kinder, die noch geimpft werden müssen, und fast 17.000 Kinder, die eine zweite Impfung benötigen. Zusätzlich sind über eine halbe Million der 15- bis 30-Jährigen noch kein zweites Mal gegen Masern geimpft.

Erlaubte Impfungen während der Schwangerschaft: 

  • Influenza (saisonale Grippe): Die Impfung wird allen Schwangeren ab dem zweiten Schwangerschaftstrimenon empfohlen und soll vor Beginn der Grippesaison durchgeführt werden.
  • Diphterie, Tetanus: Diese Impfung sollte alle zehn Jahre aufgefrischt werden. Falls die letzte Auffrischung länger als zehn Jahre zurück liegt, sollte auch in der Schwangerschaft aufgefrischt werden.
  • Pertussis: Wegen der zunehmend häufigeren Fälle von Pertussis in der Neugeborenenperiode soll gegen diese Erkrankung im zweiten oder dritten Trimenon der Schwangerschaft prophylaktisch bei länger als zwei Jahre zum Geburtstermin zurückliegender Impfung immunisiert werden, um ausreichend Antikörper bei der Mutter und somit einen Nestschutz beim Neugeborenen zu gewährleisten.
  • FSME (Zeckenenzephalitis): Die Impfung ist unbedingt empfohlen, falls sich eine Schwangere in einem Endemiegebiet aufhält oder in dieses reist. Falls die Auffrischung länger als fünf Jahre zurückliegt, sollte entweder ein Immunstatus durchgeführt werden oder je nach Immunstatus aufgefrischt werden.
  • Polio (Kinderlähmung): Sollte im Rahmen der Kombinationsimpfung Diphterie, Tetanus, Pertussis mit Polio regelmäßig aufgefrischt werden. 

Weitere mögliche Impfungen in der Schwangerschaft: 

  • Hepatitis A (Reiseimpfung), Hepatitis B (falls keine Grundimmunisierung besteht), Meningokokken C und Pneumokokken, falls Reisen und Aufenthalte in Risikogebieten erfolgen oder falls eine chronische Krankheit bzw. Immunschwäche besteht.
  • Tollwut, Typhus, japanische Enzephalitis: Reiseimpfungen, die durchgeführt werden müssen, falls Schwangere in Endemiegebiete reisen müssen bzw. eine solche Reisetätigkeit nicht vermeidbar ist. 

In der Schwangerschaft kontraindizierte Lebendimpfungen: 

  • Masern – Mumps – Röteln, Varicellen: Diese Impfungen, vor allem die Masern-Mumps-Röteln Impfung, sollte bereits vor einer geplanten Schwangerschaft aufgefrischt werden. Eine negative Varicellen Anamnese bzw. ein negativer Immunstatus sollte unbedingt vor einer Schwangerschaft abgeklärt werden und gegebenenfalls vor einer Schwangerschaft die Impfung durchgeführt werden.
  • Gelbfieber und Cholera als Reiseimpfungen sind ebenfalls in der Schwangerschaft nicht erlaubt.  

Derzeitige Impfaktionen in den österreichischen Apotheken: 

  • FSME-Impfaktion (1.2. - 31.8.2017, Zuschüsse einiger Kassen sind ganzjährig)
  • Pneumokokken-Impfaktion (bis 31.3.2017, Zuschüsse einiger Kassen gelten bis 31.8.2017)
  • Gratis-Kinderimpfaktion NÖ ganzjährig

Rückfragen & Kontakt:

Ärztekammer für Niederösterreich
Presse, PR & Kommunikation
Mag. Birgit Jung
01/53 751-623, 0676/848 457 323
Dr. Sigrid Ofner
01/53 751-636, 0676/848457 105
presse@arztnoe.at
www.arztnoe.at

Österreichische Apothekerkammer
Presse und Kommunikation
Mag. Gudrun Kreutner (Reisinger)
01/404 14-600
Mag. Silvia Pickner
01/404 14-601
presse@apothekerkammer.at

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | AEN0001