Wiener Tierschutzverein: Keine Tierrettung mehr in der Stadt Wien

Stadt Wien wandelt Tierrettung in Fundservice um. Für den Wiener Tierschutzverein ein nicht tragbarer Zustand.

Vösendorf (OTS) - Bis zum Frühjahr 2015 hat der Wiener Tierschutzverein (WTV) mit seinem Tierschutzhaus in Vösendorf im Auftrag der Stadt Wien alle Agenden der Versorgung von Tieren in Not in Wien eigenverantwortlich wahrgenommen. Der WTV erhielt dafür keine Subventionen, sondern ein moderates Leistungsentgelt für jedes einzelne der tatsächlich aufgenommenen und versorgten Tiere. Im Frühjahr 2015 wurde das Tierheim der Stadt Wien im Norden der Stadt eröffnet und ab 1. Juli 2015 übernahm die Stadt Wien den Tierrettungsdienst. Der Rettungsvertrag des Wiener Tierschutzvereins lief mit 30. Juni 2015 aus und auch der Leistungsvertrag für Hunde und Katzen wurde nicht verlängert. „Ohne eine zumindest teilweise Abdeckung der Kosten der Rettungsleistungen, kann ein umfassendes Rettungsservice, das mit circa 300.000 Euro zu veranschlagen ist, nicht lediglich aus Spendengeldern finanziert werden. Überdies ist ja nicht einzusehen, warum ein privater Verein Verpflichtungen der Stadt ohne Gegenleistung erfüllen sollte“, sagt WTV-Präsidentin Madeleine Petrovic.

Gefundene und verletzte Hunde und Katzen in Wien kommen nun ins städtische Tierheim, Vögel und Wildtiere werden von der städtischen Tierrettung weiterhin ins Wiener Tierschutzhaus überstellt. Dies galt jedenfalls bis zum Anfang Februar, bis zur einseitigen Änderung der Aufgabenbereiche durch die Stadt Wien.

Stadt Wien stellt Tierrettung ein

Denn da musste das Team des WTV eher zufällig erfahren, dass die Stadt Wien de facto den Rettungsdienst aufgegeben haben dürfte, ohne den WTV, der ja eigentlich ein vertraglicher Kooperationspartner ist, vorab darüber zu informieren. Denn das Tonband der Tierschutzhelpline in Wien, welches von der MA60 (Veterinäramt) betrieben wird, wurde geändert. Dort hören die Anrufer seit kurzem, dass nur noch ein „Fundservice für Haustiere“ angeboten wird. Auf Nachfrage bei der MA60 wurde dies auch bestätigt. „Vögel und Wildtiere aller Art werden demnach nicht mehr betreut, das ursprünglich alle Tiere umfassende Rettungs-Service ist zerstört“, sagt WTV-Präsidentin Madeleine Petrovic. Sie ortet hier neben einem massiven Nachteil für notleidende Tiere auch eine Verletzung der Intentionen der Verträge von 2015.

Bürger sollen Tierrettung spielen

Denn im Klartext bedeutet dies: In der Stadt Wien in Not geratene Vögel und Wildtiere werden künftig nicht mehr mit einem Rettungseinsatz bedacht, sondern es ist Privatpersonen, sprich den Findern selbst überlassen, die Tiere in bestimmte Einrichtungen, wie etwa ins Wiener Tierschutzhaus des WTV, zu bringen. Ein Umstand, der so weder vereinbart, noch tragbar ist. „Die Wiener Bevölkerung ist ohnehin sehr hilfsbereit, aber ohne professionelle Basis ist ein rein ehrenamtlicher, nicht organisierter Rettungsdienst nicht möglich. Das wäre, als wollte man die Arbeit der Wiener Spitäler, Rettungsdienste und der Einsatzzentralen durch die zufälligen Dienste ehrenamtlicher Sanitäterinnen und Sanitäter ersetzen. Und nicht zuletzt sind die Hauptleidtragenden natürlich wieder einmal die Tiere“, so Petrovic.

Ohne Vorwarnung

Die Beendigung des Rettungs-Vertrags zwischen der Stadt Wien und dem WTV per 30. Juni 2015 hat dem WTV beträchtliche Kosten verursacht, insbesondere bedingt durch auf die Kündigung von Rettungsfahrern und den Umbau der Erstaufnahme-Station („Quarantäne“) in Vösendorf. "Dass jetzt nach nur eineinhalb Jahren ohne Gespräch, ohne Vereinbarung alles auf den Kopf gestellt wird, kann nicht ohne weiteres hingenommen werden“, so Petrovic. Außerdem stellt sich natürlich die Frage, wieso man eine funktionierende Tierrettung des WTV durch eine teurere städtische Variante, deren Kosten die Steuerzahlerinnen und Steuerzahler zu tragen haben, ersetzen musste, nur um sie dann nach kurzer Zeit wieder einzustellen bzw. zu reduzieren. „Eigentlich ist dies eine unglaubliche Ungerechtigkeit an den Bürgerinnen und Bürgern Wiens, denn sie haben die Kosten für die städtische Tierrettung, wie etwa den Kauf neuer Tierrettungsfahrzeuge und dergleichen, mitgetragen. Nun sind sie, wenn sie ein verletztes Wildtier oder einen Vogel gefunden haben, auf sich allein gestellt“, so Petrovic.

Zudem stellt die WTV-Präsidentin die Frage nach der Kostenwahrheit:
Denn von einer wirtschaftlichen Vergleichbarkeit und einer fairen und transparenten Kostendarstellung kann keine Rede sein. Während der WTV alle seine Kosten selbst trägt und sämtliche Daten veröffentlicht, werden die Kosten des Tierheims der Stadt Wien aufgesplittet und aus verschiedenen Budgets gespeist. „Die Telefonzentrale - jetzt also das reduzierte „Fundservice für Haustiere“ - läuft über das Budget der MA60, das zu diesem Zweck aufgestockt werden musste. Allein dieses Call-Center hat etwa so viel gekostet wie der WTV für sämtliche Rettungs- und Versorgungsdienste für alle Tiere in Not in Wien zuletzt 2014 erhalten hat“, so Petrovic.

Keine Kooperationsbereitschaft

Der WTV hat seit jeher eine Kooperation auf Augenhöhe angestrebt und ein zweites Tierheim am anderen Ende der Stadt immer befürwortet. „Nach bald zwei Jahren des Bestehens des Tierheims der Stadt Wien konnte allerdings noch kein faires, transparentes und gleichwertiges Miteinander erreicht werden. Dies verlangen wir nun mit Nachdruck“, so Petrovic. So hat etwa der WTV hat alle Daten eingegangener Tiere an die Stadt zu melden, erfährt jedoch nicht, welche Tiere im Tierheim der Stadt Wien aufgenommen worden sind. „Nach dem geltenden Leistungsvertrag sollten gefundene oder abgenommene Hunde und Katzen auch wieder nach Vösendorf kommen, sobald die Kapazitätsgrenzen im städtischen Tierheim ausgeschöpft sind. Dem Vernehmen nach soll das bereits der Fall sein. Allerdings gibt es keinen Informationsaustausch“, sagt Petrovic. Und fügt hinzu: „Wir haben im Vertrauen auf laufende Verbesserungen etliche wirklich nicht faire Umstände als „Anfangsschwierigkeiten“ oder „Kinderkrankheiten“ vorübergehend geduldet. Wenn aber jetzt anstatt einem Mehr an Transparenz und ehrlicher Kooperation, Nacht und Nebel Aktionen den Tierschutz in Wien gefährden, dann müssen wir betrübt zur Kenntnis nehmen, dass nur wir die Tiere nicht im Stich lassen“.

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