Wehling und Straubinger diskutierten "Sprache als politisches Instrument"

Wien (OTS/SPW) - Sprache beeinflusst unser Denken und Handeln. Am gestrigen Mittwoch diskutieren die renommierte Linguistin Elisabeth Wehling und SPÖ Wien-Landesparteisekretärin Sybille Straubinger darüber, warum es einen Unterschied macht, ob man von der „Steuerlast“ oder dem „Steuerbeitrag“ spricht und warum Begriffe wie „Steueroase“ oder „Flüchtlingskrise“ ein konservatives Weltbild unterstützen. Im Rahmen der Veranstaltungsreihe "DENK!_!Raum" luden das Frauenzentrum ega, die Wiener Bildungsakademie, die Wiener SPÖ Frauen und der SPÖ Wien Rathausklub zur Diskussion rund um die Macht der Sprache.****

Die Wirkung von Sprache zeigte Wehling durch zahlreiche Studienbeispiele auf. So aktiviere im Gehirn zum Beispiel das Wort „schmutzige Steueraffäre“ physischen Ekel. Das Wort „Last“ werde assoziiert mit Begriffen wie schwer, anstrengend, oder werde bildlich als Lastwagen oder Packesel wahrgenommen. Das heißt, Sprache und bestimmte Wörter aktivieren bestimmte Frames (Denkrahmen). Diese Rahmen bedingen unbewusst eine Einschätzung einer Information, eines Fakts. Dabei gebe es Worte, die aufgrund der eigenen Erfahrung erfasst werden können: „Wörter, die wir schmecken, riechen, sehen können“. Und es gebe abstrakte Wörter, die außerhalb dieser Ebene liegen, wie zum Beispiel „Steuern“ oder „Solidarität“. Da das Konzept der Besteuerung nicht erfasst werden kann, werden in der politischen Diskussion Framings angewendet. „So sprechen wir zum Beispiel von der Steuerlast. Ein Konzept, nachdem Steuern anstrengend, negativ und erdrückend wahrgenommen werden. Wenn man eine Ideologie unterstützt, die hohe Steuern problematisch findet, dann ist diese Begrifflichkeit für diese Gruppe authentisch im Gegensatz zur progressiven Gruppe“, so Wehling. Damit werde ein Frame des politischen Gegners angewendet. Es mache also einen Unterschied, ob man von einer „Steuerlast“ oder einem „Steuerbeitrag“ spreche.

Stereotype Attribute von Gender bewerten Begriffe

Auch stereotype Annahmen über das Geschlecht werden durch das Erlernen der Sprache auf die Weltsicht übertragen. Viele Sprachen haben kein Geschlecht, wie zum Beispiel im Englischen im Gegensatz zu Deutsch oder Spanisch. Das Wort „Brücke“ ist im Deutschen weiblich, im Spanischen männlich. Ein deutscher Muttersprachler bewertet die Brücke als schön, grazil, sanft. Für die Spanier ist das Wort jedoch schroff, gefährlich, stark. „Das bedeutet, dass wir stereotypische Attribute von Gender anwenden, um Begriffe zu bewerten“, betonte Wehling.

Begriffe wie „Frauenschutzhäuser“, „Frauenquote“, „Rechte für Frauen“ implizieren immer die Frauenperspektive. So fehle beim Wort „Frauenschutzhaus“ der Aspekt, von wem die Gewalt gegen Frauen ausgehe. Genutzt wird das Konzept von Gewalt von Männern in der Sprache kaum, geframt werde stattdessen die Frau. Auch der Begriff „Frauen stärken“ weise darauf hin, dass Frauen schwächer seien und sie gestärkt werden müssen. Das „impliziert eine moralische Bewertung der Frau, die schutzbedürftig und weniger stark und kompetent ist als der Mann“, so Wehling. Es gehe also auch darum, feministische Männer stärker miteinzubeziehen.

In Bezug auf Geschlechtergerechtigkeit müsse viel stärker klar gemacht werden, dass es sich um eine ideologische Spaltung handelt und keine der Geschlechter. Denn „jemand, der ein fürsorgliches, progressives Weltbild vertritt, der sieht Frauen als gleichberechtigt an und fordert einen besonderen Schutz gegen Männergewalt. Auf der anderen Seite gibt es eine strenge, konservative Ideologie, in der Männer als Beschützer, Versorger und Kontrollierer agieren, die Frauen beschützen und sagen wo es lang geht. Viele Frauen vertreten so ein konservatives Weltbild. Nicht ohne Grund haben sehr viele Frauen Trump gewählt, trotz seines sexistischen Wahlkampfs“.

Wehling wies in diesem Zusammenhang darauf hin, dass Trump seine Ideologie perfekt anwendete. „Jemand, der ideologisch ein strenges Weltbild lebt, hält jemanden für eine gute Führungsfigur, der harsch ist, sich manchmal im Ton vergreift. Wenn sie ein fürsorgliches Weltbild haben, dann möchten sie einen Führungsstil, der empathisch ist, kooperiert, der Menschen zusammenbringt und für die Gruppe sorgt“. Ein Drittel der Menschen seien fürsorglich eingestellt und lassen sich durch ein aggressives, herabwertendes Verhalten und Sprechen nicht ansprechen, weil es nicht der eigenen Weltsicht entspricht. „Wer ideologisch streng ist, findet das aber gut.“ Als Beispiel dafür brachte Wehling den Wahlkampf von Hillary Clinton: Sie habe ihre ideologische Gruppe viel zu wenig fürsorglich, wohlwollend und empathisch angesprochen. Erst die Rede zu ihrer Wahl-Niederlage war ein gutes Beispiel für eine fürsorgliche Art der Rede. Im Gegensatz dazu habe Barack Obama die fürsorgliche Kommunikation perfektioniert.

Straubinger: Vom Politik-Sprech wegkommen

Straubinger betonte, dass es in der politischen Kommunikation auch immer um Authentizität gehen müsse: „Es geht darum, authentisch zu bleiben. Wenn man Dialekt spricht, soll man das auch nützen. Ein klares Ziel ist es, vom Politik-Sprech wegzukommen“. Straubinger betonte dazu die Wechselwirkung zu den Medien, die dazu führe, dass PolitikerInnen oft risikoärmer sprechen und sich auf klare Aussagen zurückziehen. „Davon müssen wir wegkommen und mehr Risiko eingehen“. Auch gebe es eine interne Diskussion rund um den Begriff der Frauenquote: „Persönlich favorisiere ich den Begriff der ‚Geschlechterquote‘. Weil es nicht nur die Frauen betrifft, sondern beide Geschlechter. Solche Begriffe zu ändern, ist ein langwieriger Prozess, zum Beispiel auch das Wort ‚Steuerlast‘ in ‚Steuerbeitrag‘ zu verändern, dafür braucht es gesamtgesellschaftliche Anstrengungen“.

Große Herausforderung für progressive Parteien wie die SPÖ sei es, zu überlegen, wie man die Menschen in der Mitte erreiche, damit sie nicht nach rechts abdriften. „Hier werden wir uns stärker mit Emotionen in der Kommunikation beschäftigen und klare Haltungen vertreten müssen. Auch wenn dadurch nicht immer alle einer Meinung sind. Denn wenn alle abgeholt und niemand abgeschreckt werden soll, dann entstehen „ja eh“-Situationen, die weder mobilisieren, noch polarisieren. Aber eine solche Polarisierung müssen wir auch innerhalb der Partei aushalten. Hier müssen wir umdenken und uns viel genauer mit Sprache beschäftigen, da sie aufs Denken und Handeln wirkt“, so Straubinger. (Schluss) nk

Rückfragen & Kontakt:

SPÖ Wien
Lisa Fuchs, MSc
Tel.: 0676/4423235
lisa.fuchs@spw.at
http://www.spoe.wien

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | DSW0001