- 14.12.2016, 09:31:47
- /
- OTS0028
MKÖ fordert: Stelzhamers Judenhass darf nicht totgeschwiegen werden
Wien informiert jetzt über die dunkle Seite des Mundartdichters
Utl.: Wien informiert jetzt über die dunkle Seite des
Mundartdichters =
Wien (OTS) - Gerade in Oberösterreich betonen Politiker bei
Gedenkreden oft, man müsse sich der Geschichte stellen und aus ihr
lernen. War doch das Bundesland der „Heimatgau des Führers“, in dem
das KZ Mauthausen und seine großen Außenlager sowie die
Tötungsanstalt Hartheim den Rassenwahn der Nationalsozialisten durch
bestialischen Massenmord umsetzten. Betrifft es aber den Verfasser
der oberösterreichischen Landeshymne „Hoamatland“, den Mundartdichter
Franz Stelzhamer (1802 – 1874), sind die Lippenbekenntnisse rasch
vergessen.
„Stelzhamer war einer übelsten Judenhasser seiner Zeit, obwohl er
jüdische Bekannte hatte, die ihn selbstlos unterstützten“, sagt Willi
Mernyi, der Vorsitzende des Mauthausen Komitees Österreich (MKÖ).
„1852 geht er in seinem Essay „Jude“ über damals verbreitete
Vorurteile weit hinaus und macht sich zum Vorreiter eines
Vernichtungsantisemitismus. Das Judentum sei ein „Riesenbandwurm“,
dem der Kopf abgeschlagen werden müsse, schreibt Stelzhamer. Diese
Tatsache wird in der oberösterreichischen Öffentlichkeit bisher
völlig totgeschwiegen.“
Seit Jahren macht der international angesehene Schriftsteller und
Landeskulturpreisträger Ludwig Laher auf die untragbare Situation
aufmerksam. Michael John, Linzer Historiker und Obmann der
Österreichischen Lagergemeinschaft Auschwitz, setzt sich ebenfalls
für eine stärkere Bewusstseinsbildung durch das Land Oberösterreich
ein. Landeshauptmann und Landeskulturreferent Josef Pühringer hat vor
längerer Zeit festgestellt: „Wir müssen klar bekennen: Ja, es gibt
antisemitische und politisch bedenkliche Texte von Franz Stelzhamer.
Das können, werden und wollen wir nicht verschweigen. Ganz im
Gegenteil: Wir dokumentieren es, zeigen es auf.“ Das geschah
allerdings nur im Buch „Der Fall Franz Stelzhamer“, das praktisch
unter Ausschluss der Öffentlichkeit erschien.
„Das Land Oberösterreich und die einzelnen Gemeinden sind hier mehr
als säumig“, stellt MKÖ-Vorsitzender Mernyi fest. „Es muss endlich
dafür gesorgt werden, dass der ausgeprägte Judenhass des
Landeshymnendichters angemessen thematisiert wird. Es braucht
Hinweise bei offiziellen Erwähnungen Stelzhamers, etwa auf der
Homepage des Landes, auf Denkmälern und bei Straßen sowie Schulen,
die immer noch seinen Namen tragen.“
Wien ist da etwas voraus: Aufgrund des Berichts einer
Expertenkommission unter der Leitung des Historikers Oliver Rathkolb
bringt die Stadt in der Stelzhamergasse im 3. Bezirk eine Tafel an,
die auf das antisemitische Gedankengut des Dichters hinweist. Die
Kommission bewertet ihn – auch unter Heranziehung der Forschungen von
Ludwig Laher und Michael John – als eine jener 28 Personen, nach
denen in Wien Straßen benannt sind, die aber besonders judenfeindlich
und/oder nationalsozialistisch gesinnt waren. Ludwig Laher bringt es
auf den Punkt: „Auch Franz Stelzhamer steht für die Unbegreiflichkeit
menschlicher Abgründe. Als Held und Vorbild taugt er schlecht, als
personifiziertes Problem, um das wir uns nicht herumdrücken dürfen,
kommt ihm und seiner Rezeption dagegen gerade heute besonders
aktuelle Bedeutung zu.“
OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | MHK