• 24.11.2016, 08:30:01
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Rheuma, Sexualität und Kinderwunsch

Wien (OTS) - Im Zuge der iFemMe, einer Fachtagung von Ärztinnen für
Ärztinnen zu Themen aus dem entzündlich-rheumatischen Formenkreis,
die im Oktober in Wien stattfand, war unter anderem dem oft
„stiefmütterlich“ behandelten Themenbereich „Rheuma, Sexualität und
Kinderwunsch“ breiter Raum gewidmet. Wie kann sich eine
Rheumaerkrankung auf die Sexualität auswirken? Warum gibt es Mankos
in der diesbezüglichen ÄrztInnen-PatientInnen-Kommunikation? Welche
Lösungsansätze gibt es? Kann ein zunehmendes Verständnis vom Verlauf
rheumatischer Krankheiten das Risiko einer Schwangerschaft für Mutter
und Kind minimieren? Auf der iFemMe wurde darüber ausführlich
informiert und diskutiert.

„Sexualität und Rheuma” – ein Tabuthema

Sexualität macht eine wesentliche Dimension unseres Lebens aus. Auch
laut WHO-Definition von Gesundheit ist Sexualität untrennbar mit
Gesundheit insgesamt, mit Wohlbefinden und Lebensqualität verbunden.
„Rheumatische Erkrankungen können alle Aspekte des Lebens inklusive
der Sexualität betreffen. Man geht davon aus, dass rheumatische
Erkrankungen sowohl aufgrund der körperlichen
Bewegungseinschränkungen und Schmerzen als auch aufgrund emotionaler
Probleme, wie einer veränderten Körperwahrnehmung und öfter im
Zusammenhang mit der Erkrankung auftretenden Depressionen, einen
negativen Effekt auf das Sexualleben der Betroffenen haben“, so OÄ
Dr.in Judith Sautner, 2. Medizinische Abteilung des Landesklinikums
Stockerau.

Beeinträchtigung der Sexualität durch entzündlich-rheumatische
Erkrankungen

Verminderte sexuelle Gesundheit ist zum Beispiel bei PatientInnen mit
rheumatoider Arthritis ein bekanntes Problem, das auch oft selbst
dann, wenn die Erkrankung gut eingestellt ist, zu einem hohen
Prozentsatz weiterhin bestehen bleibt. Bei Männern kann es unter
anderem zum Auftreten einer erektilen Dysfunktion(1)kommen, bei
Frauen sind es vor allem Schmerzen und Müdigkeit sowie die Abnahme
der sexuellen Erregbarkeit(2).

Ganz Allgemein kann es bei entzündlich-rheumatischen Erkrankungen zu
einer Verminderung des Verlangens (Libido), der Erregbarkeit und der
Befriedigung kommen. Schmerzen, eingeschränkte Beweglichkeit,
negative Körperwahrnehmung und Depressionen sind weitere Faktoren,
die einer erfüllten Sexualität im Wege stehen können. Die häufigsten
Gefühle der Betroffenen aufgrund ihrer durch die Krankheit
beeinträchtigten Sexualität sind Ärger, Frustration und durchaus auch
die Angst, deswegen vom Partner verlassen zu werden(3).

Let‘s talk about Sex

Umso wichtiger ist es, mit den PatientInnen darüber zu sprechen. Doch
sowohl bei behandelnden ÄrztInnen als auch bei Patientinnen und
Patienten gilt Sexualität im Zusammenhang mit Rheuma zumeist – noch –
als Tabuthema, so Sautner: „Sexuelle Gesundheit gehört jedoch zur
Lebensqualität und sollte nicht negiert werden. Ärztinnen und Ärzte
sind zwar keine Sexualtherapeuten, aber wichtige Ansprechpartner für
ihre Patientinnen und Patienten. Sexualität ist ein komplexer Aspekt
des menschlichen Lebens und mehr als ‚nur Geschlechtsverkehr‘. Und
dies ist sowohl für gesunde als auch für kranke Menschen wichtig!“

In ihrem Vortrag auf der iFemMe berichtete Sautner über diverse
Studien und Untersuchungen zum Thema Kommunikation zwischen
ÄrztInnen, anderen medizinischen Fachkräften (Health Care
Professionals) wie KrankenpflegerInnen, PsychologInnen und
SozialarbeiterInnen sowie PatientInnen zum Thema Sexualität. „Und
auch wenn“, wie Sautner sagte, „die Datenlage dazu leider noch
ziemlich limitiert ist, lassen sich einige Aspekt und Trends klar
herauslesen.“

Scham, Zeit und unzureichende räumliche Gegebenheiten als
limitierende Gesprächsfaktoren

Einer norwegischenStudie(4)mit Health Professionals zufolge klärt
mehr als die Hälfte der ÄrztInnen ihre PatientInnen nicht darüber
auf, dass die Krankheit ebenso wie Medikamente auch einen Einfluss
auf deren Sexualität haben kann. Und die PatientInnen selbst bringen,
wohl aus Scham, das Thema auch nur sehr selten zur Sprache.

Eine Umfrage bei der iFemMe zum Thema „Was hält Sie davon ab,
sexuelle Probleme bei PatientInnen anzusprechen?“ ergab ein ganz
ähnliches Bild wie bei einer amerikanischen Untersuchung(5): Der
wichtigste limitierende Faktor ist die Zeit. „Zusätzlich zum
Zeitfaktor ist es im klinischen Alltag aus diversen Gründen nicht
immer einfach, dieses Thema anzusprechen. Denn dies erfordert eine
Vertrauensbeziehung zwischen Arzt/Ärztin und Patient/Patientin und
auch entsprechende räumliche und situative Voraussetzungen für eine
vertrauensvolle Gesprächsatmosphäre.“ Denn wer spricht schon gerne
über seine sexuellen Probleme, wenn ihn nur ein Sichtschutz oder
Vorhang vor der Behandlungskabine vom nächsten Patienten bzw. vom
‚Trubel‘ des klinischen Alltags trennt?

Sautner weiter: „Ein Gespräch über Sexualität ist kein alltägliches
und gehört nicht zur Routine der Ärztinnen und Ärzte. Gerade bei
einem so heiklen Thema wäre es wichtig, dementsprechend geschult zu
sein. Ein Training in diesbezüglicher Kommunikation wird im
medizinischen Curriculum aber nicht routinemäßig angeboten, sondern
nur in Zusatzausbildungen, die sich Ärzte und Ärztinnen selber
organisieren müssen. Dies führt dazu, dass sexuelle Probleme in einem
hohen Prozentsatz von medizinischen Fachkräften nicht thematisiert
werden. Eine Verbesserung dieser Kommunikation und in weiterer Folge
Lösungsansätze wären für die betroffenen Patientinnen und Patienten
wünschenswert.“

Lösungsansätze

Doch welche Lösungsansätze können behandelnde ÄrztInnen oder andere
medizinische Fachkräfte den Betroffenen anbieten? Sautner: „Zuerst
ist es wichtig, überhaupt einmal darüber zu sprechen. Dann kann man
die Betroffenen dazu ermutigen, mit dem Partner, der Partnerin das
Gespräch zu suchen. Themen wie Angst, Schmerz und Stress während des
Geschlechtsverkehrs und auch etwaig bestehende Verlassensängste
sollten offen angesprochen werden. Damit ist einmal eine Basis
gelegt. Gemeinsam mit dem Partner, der Partnerin können dann
Strategien besprochen und entwickelt werden, die für beide passend
und zufriedenstellend sind. Dazu zählt auch die Möglichkeit,
alternative Methoden des sexuellen Ausdrucks zu finden und zu
entwickeln oder explizit sexuelle Handlungen zu Gunsten von
Streicheln und Kuscheln in den Hintergrund zu stellen, aber auch
alternative Positionen beim Geschlechtsverkehr auszuprobieren, die
für den oder die PatientIn weniger belastend bzw. schmerzhaft sind.
Auch die Gabe von Schmerzmitteln sowie Muskelrelaxanzien und
Wärmebehandlung vor dem Geschlechtsverkehr kann hilfreich sein.
Wichtig ist, dass auf die individuelle Situation des jeweiligen
Patienten bzw. der Patientin eingegangen wird.“

„Rheuma und Kinderwunsch – Familienplanung bei
Rheumapatientinnen”

„Trotz zunehmend besserer therapeutischer Möglichkeiten erfüllen sich
Frauen mit entzündlichen Rheumaerkrankungen immer noch seltener ihren
Kinderwunsch als gesunde Frauen“, so Dr.in Susanne
Späthling-Mestekemper, Rheumatologin aus München, in ihrem Vortrag.
Grund dafür ist die oft große Verunsicherung der Frauen aufgrund
unzureichender und oft widersprüchlicher Informationen bezüglich
möglicher Risiken einer Schwangerschaft für Mutter und Kind und der
Risiken von potenziell notwendigen medikamentösen Therapien während
der Schwangerschaft.

„Bei Kinderwunsch wird unabhängig davon, ob die entzündliche
Rheumaerkrankung aktiv ist oder nicht, häufig aus Unsicherheit jedes
Medikament abgesetzt. Während sich die Schwangerschaft in einigen
Fällen positiv auf die Krankheitsaktivität auswirken kann, kommt es
vor allem nach der Geburt häufig zu massiven Schüben. Dies belegen
Daten vor allem für die Rheumatoide Arthritis“ (6).

Zwar gibt es durchaus Medikamente, die auch bei bestehender
Schwangerschaft eingesetzt werden können, allerdings muss hier
gemeinsam mit dem oder der FachärztIn eine Nutzen-/Risikoabwägung
durchgeführt und mit großem Bedacht vorgegangen werden.

Späthling-Mestekemper: „Die zunehmende Qualität von Daten, zum
Beispiel aus Schwangerschaftsregistern, führt zu einem besseren
Verständnis des Verlaufes rheumatischer Krankheitsbilder in der
Schwangerschaft. Dies erlaubt uns, das individuelle Risiko einer
Schwangerschaft bereits im Vorfeld abzuschätzen. Bereits vor der
Empfängnis kann und soll die Therapie so optimiert werden, dass die
Chancen auf einen komplikationslosen Verlauf der Schwangerschaft
möglichst groß sind. Durch eine stabile Einstellung der
Krankheitsaktivität, die Anpassung der Rheumatherapie sowie möglicher
anderer Begleittherapien auch während der Schwangerschaft und einer
engmaschigen Kontrolle der werdenden Mutter und ihres Kindes sollte
dem Kinderwunsch von Rheumapatientinnen in den allermeisten Fällen
nichts mehr im Wege stehen.“

1 Keller JJ, Lin HC. Ann Rheum Dis 2012 Jun; 71(2): 1102-3
2 SHari A. et al. Clin Rheumatology 2015;34
3 Josefsson KA, Gard BMC Musculoskeletal Disorders 2010:11:240 G
4 Helland Y et al, Scand J Rheumatology 2013
5 Rosen R et al, J Sex Med 2006;3:37-46
6 de Man YA et al, Arthritis Rheum. 2008;59(9):1241-1248

Über die iFemMe

Das Inflammation Female Medical Event Austria, kurz i-FemMe, ist eine
wissenschaftliche Veranstaltung von Ärztinnen für Ärztinnen:
Rheumatologinnen, Dermatologinnen, Orthopädinnen und Physikalistinnen
tauschen sich über fachspezifische Themen chronisch-entzündlicher
Erkrankungen in der Rheumatologie und Dermatologie aus. Unter dem
Vorsitz von Prim.a Dr.in Gabriele Eberl, ärztliche Leiterin des
Klinikum Malcherhof in Baden bei Wien, und Prim.a Univ.-Prof.in Dr.in
Beatrix Volc-Platzer, Dermatologische Abteilung, Sozialmedizinisches
Zentrum Ost – Donauspital, Wien, fand die inzwischen zweite iFemMe in
der Zeit vom 21. – 22. Oktober 2016 in Wien statt.

Weitere Themen der iFemMe waren:

„Transkulturelle Kompetenz in der Medizin“, Univ.-Lektorin Dr.in
Christine Binder-Fritz
„Mens sana in corpore sano“ – Einfluss von Lifestyle auf die
Psoriasis“, Dr.in Katharina Wippel-Slupetzky
„Rheuma und Rehabilitation”, Prim.a Dr.in Monika Mustak-Blagusz
„Bewegung als Therapie bei RA – die Dosis macht das Gift”, Mag.a
Meike Klinger
„Lost in Transition – PatientInnen zwischen zwei Welten“, Dr.in
Kirsten Minden (DE)
Podiumsdiskussion: „Biopharmazeutika: Der Unterschied liegt im
Detail“; OÄ Dr.in Maya Thun, DDr.in Karina Hellbert, Univ.-Prof.in
Dr.in Elisabeth Riedl, Dr.in Gabriele Eichbauer-Sturm, Univ.-Prof.in
Dr.in Almuthe Hauer

Abstracts der Referate sind auf Anfrage erhältlich!

Mit freundlicher Unterstützung von
Pfizer Corp Austria GmbH, Wien
PP-ENB-AUT-0174/11.2016

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