Rheuma, Sexualität und Kinderwunsch

Wien (OTS) - Im Zuge der iFemMe, einer Fachtagung von Ärztinnen für Ärztinnen zu Themen aus dem entzündlich-rheumatischen Formenkreis, die im Oktober in Wien stattfand, war unter anderem dem oft „stiefmütterlich“ behandelten Themenbereich „Rheuma, Sexualität und Kinderwunsch“ breiter Raum gewidmet. Wie kann sich eine Rheumaerkrankung auf die Sexualität auswirken? Warum gibt es Mankos in der diesbezüglichen ÄrztInnen-PatientInnen-Kommunikation? Welche Lösungsansätze gibt es? Kann ein zunehmendes Verständnis vom Verlauf rheumatischer Krankheiten das Risiko einer Schwangerschaft für Mutter und Kind minimieren? Auf der iFemMe wurde darüber ausführlich informiert und diskutiert.

„Sexualität und Rheuma” – ein Tabuthema

Sexualität macht eine wesentliche Dimension unseres Lebens aus. Auch laut WHO-Definition von Gesundheit ist Sexualität untrennbar mit Gesundheit insgesamt, mit Wohlbefinden und Lebensqualität verbunden. „Rheumatische Erkrankungen können alle Aspekte des Lebens inklusive der Sexualität betreffen. Man geht davon aus, dass rheumatische Erkrankungen sowohl aufgrund der körperlichen Bewegungseinschränkungen und Schmerzen als auch aufgrund emotionaler Probleme, wie einer veränderten Körperwahrnehmung und öfter im Zusammenhang mit der Erkrankung auftretenden Depressionen, einen negativen Effekt auf das Sexualleben der Betroffenen haben“, so OÄ Dr.in Judith Sautner, 2. Medizinische Abteilung des Landesklinikums Stockerau.

Beeinträchtigung der Sexualität durch entzündlich-rheumatische Erkrankungen

Verminderte sexuelle Gesundheit ist zum Beispiel bei PatientInnen mit rheumatoider Arthritis ein bekanntes Problem, das auch oft selbst dann, wenn die Erkrankung gut eingestellt ist, zu einem hohen Prozentsatz weiterhin bestehen bleibt. Bei Männern kann es unter anderem zum Auftreten einer erektilen Dysfunktion(1)kommen, bei Frauen sind es vor allem Schmerzen und Müdigkeit sowie die Abnahme der sexuellen Erregbarkeit(2).

Ganz Allgemein kann es bei entzündlich-rheumatischen Erkrankungen zu einer Verminderung des Verlangens (Libido), der Erregbarkeit und der Befriedigung kommen. Schmerzen, eingeschränkte Beweglichkeit, negative Körperwahrnehmung und Depressionen sind weitere Faktoren, die einer erfüllten Sexualität im Wege stehen können. Die häufigsten Gefühle der Betroffenen aufgrund ihrer durch die Krankheit beeinträchtigten Sexualität sind Ärger, Frustration und durchaus auch die Angst, deswegen vom Partner verlassen zu werden(3).

Let‘s talk about Sex

Umso wichtiger ist es, mit den PatientInnen darüber zu sprechen. Doch sowohl bei behandelnden ÄrztInnen als auch bei Patientinnen und Patienten gilt Sexualität im Zusammenhang mit Rheuma zumeist – noch – als Tabuthema, so Sautner: „Sexuelle Gesundheit gehört jedoch zur Lebensqualität und sollte nicht negiert werden. Ärztinnen und Ärzte sind zwar keine Sexualtherapeuten, aber wichtige Ansprechpartner für ihre Patientinnen und Patienten. Sexualität ist ein komplexer Aspekt des menschlichen Lebens und mehr als ‚nur Geschlechtsverkehr‘. Und dies ist sowohl für gesunde als auch für kranke Menschen wichtig!“

In ihrem Vortrag auf der iFemMe berichtete Sautner über diverse Studien und Untersuchungen zum Thema Kommunikation zwischen ÄrztInnen, anderen medizinischen Fachkräften (Health Care Professionals) wie KrankenpflegerInnen, PsychologInnen und SozialarbeiterInnen sowie PatientInnen zum Thema Sexualität. „Und auch wenn“, wie Sautner sagte, „die Datenlage dazu leider noch ziemlich limitiert ist, lassen sich einige Aspekt und Trends klar herauslesen.“

Scham, Zeit und unzureichende räumliche Gegebenheiten als limitierende Gesprächsfaktoren

Einer norwegischenStudie(4)mit Health Professionals zufolge klärt mehr als die Hälfte der ÄrztInnen ihre PatientInnen nicht darüber auf, dass die Krankheit ebenso wie Medikamente auch einen Einfluss auf deren Sexualität haben kann. Und die PatientInnen selbst bringen, wohl aus Scham, das Thema auch nur sehr selten zur Sprache.

Eine Umfrage bei der iFemMe zum Thema „Was hält Sie davon ab, sexuelle Probleme bei PatientInnen anzusprechen?“ ergab ein ganz ähnliches Bild wie bei einer amerikanischen Untersuchung(5): Der wichtigste limitierende Faktor ist die Zeit. „Zusätzlich zum Zeitfaktor ist es im klinischen Alltag aus diversen Gründen nicht immer einfach, dieses Thema anzusprechen. Denn dies erfordert eine Vertrauensbeziehung zwischen Arzt/Ärztin und Patient/Patientin und auch entsprechende räumliche und situative Voraussetzungen für eine vertrauensvolle Gesprächsatmosphäre.“ Denn wer spricht schon gerne über seine sexuellen Probleme, wenn ihn nur ein Sichtschutz oder Vorhang vor der Behandlungskabine vom nächsten Patienten bzw. vom ‚Trubel‘ des klinischen Alltags trennt?

Sautner weiter: „Ein Gespräch über Sexualität ist kein alltägliches und gehört nicht zur Routine der Ärztinnen und Ärzte. Gerade bei einem so heiklen Thema wäre es wichtig, dementsprechend geschult zu sein. Ein Training in diesbezüglicher Kommunikation wird im medizinischen Curriculum aber nicht routinemäßig angeboten, sondern nur in Zusatzausbildungen, die sich Ärzte und Ärztinnen selber organisieren müssen. Dies führt dazu, dass sexuelle Probleme in einem hohen Prozentsatz von medizinischen Fachkräften nicht thematisiert werden. Eine Verbesserung dieser Kommunikation und in weiterer Folge Lösungsansätze wären für die betroffenen Patientinnen und Patienten wünschenswert.“

Lösungsansätze

Doch welche Lösungsansätze können behandelnde ÄrztInnen oder andere medizinische Fachkräfte den Betroffenen anbieten? Sautner: „Zuerst ist es wichtig, überhaupt einmal darüber zu sprechen. Dann kann man die Betroffenen dazu ermutigen, mit dem Partner, der Partnerin das Gespräch zu suchen. Themen wie Angst, Schmerz und Stress während des Geschlechtsverkehrs und auch etwaig bestehende Verlassensängste sollten offen angesprochen werden. Damit ist einmal eine Basis gelegt. Gemeinsam mit dem Partner, der Partnerin können dann Strategien besprochen und entwickelt werden, die für beide passend und zufriedenstellend sind. Dazu zählt auch die Möglichkeit, alternative Methoden des sexuellen Ausdrucks zu finden und zu entwickeln oder explizit sexuelle Handlungen zu Gunsten von Streicheln und Kuscheln in den Hintergrund zu stellen, aber auch alternative Positionen beim Geschlechtsverkehr auszuprobieren, die für den oder die PatientIn weniger belastend bzw. schmerzhaft sind. Auch die Gabe von Schmerzmitteln sowie Muskelrelaxanzien und Wärmebehandlung vor dem Geschlechtsverkehr kann hilfreich sein. Wichtig ist, dass auf die individuelle Situation des jeweiligen Patienten bzw. der Patientin eingegangen wird.“

„Rheuma und Kinderwunsch – Familienplanung bei Rheumapatientinnen”

„Trotz zunehmend besserer therapeutischer Möglichkeiten erfüllen sich Frauen mit entzündlichen Rheumaerkrankungen immer noch seltener ihren Kinderwunsch als gesunde Frauen“, so Dr.in Susanne Späthling-Mestekemper, Rheumatologin aus München, in ihrem Vortrag. Grund dafür ist die oft große Verunsicherung der Frauen aufgrund unzureichender und oft widersprüchlicher Informationen bezüglich möglicher Risiken einer Schwangerschaft für Mutter und Kind und der Risiken von potenziell notwendigen medikamentösen Therapien während der Schwangerschaft.

„Bei Kinderwunsch wird unabhängig davon, ob die entzündliche Rheumaerkrankung aktiv ist oder nicht, häufig aus Unsicherheit jedes Medikament abgesetzt. Während sich die Schwangerschaft in einigen Fällen positiv auf die Krankheitsaktivität auswirken kann, kommt es vor allem nach der Geburt häufig zu massiven Schüben. Dies belegen Daten vor allem für die Rheumatoide Arthritis“ (6).

Zwar gibt es durchaus Medikamente, die auch bei bestehender Schwangerschaft eingesetzt werden können, allerdings muss hier gemeinsam mit dem oder der FachärztIn eine Nutzen-/Risikoabwägung durchgeführt und mit großem Bedacht vorgegangen werden.

Späthling-Mestekemper: „Die zunehmende Qualität von Daten, zum Beispiel aus Schwangerschaftsregistern, führt zu einem besseren Verständnis des Verlaufes rheumatischer Krankheitsbilder in der Schwangerschaft. Dies erlaubt uns, das individuelle Risiko einer Schwangerschaft bereits im Vorfeld abzuschätzen. Bereits vor der Empfängnis kann und soll die Therapie so optimiert werden, dass die Chancen auf einen komplikationslosen Verlauf der Schwangerschaft möglichst groß sind. Durch eine stabile Einstellung der Krankheitsaktivität, die Anpassung der Rheumatherapie sowie möglicher anderer Begleittherapien auch während der Schwangerschaft und einer engmaschigen Kontrolle der werdenden Mutter und ihres Kindes sollte dem Kinderwunsch von Rheumapatientinnen in den allermeisten Fällen nichts mehr im Wege stehen.“

1 Keller JJ, Lin HC. Ann Rheum Dis 2012 Jun; 71(2): 1102-3
2 SHari A. et al. Clin Rheumatology 2015;34
3 Josefsson KA, Gard BMC Musculoskeletal Disorders 2010:11:240 G
4 Helland Y et al, Scand J Rheumatology 2013
5 Rosen R et al, J Sex Med 2006;3:37-46
6 de Man YA et al, Arthritis Rheum. 2008;59(9):1241-1248

Über die iFemMe

Das Inflammation Female Medical Event Austria, kurz i-FemMe, ist eine wissenschaftliche Veranstaltung von Ärztinnen für Ärztinnen:
Rheumatologinnen, Dermatologinnen, Orthopädinnen und Physikalistinnen tauschen sich über fachspezifische Themen chronisch-entzündlicher Erkrankungen in der Rheumatologie und Dermatologie aus. Unter dem Vorsitz von Prim.a Dr.in Gabriele Eberl, ärztliche Leiterin des Klinikum Malcherhof in Baden bei Wien, und Prim.a Univ.-Prof.in Dr.in Beatrix Volc-Platzer, Dermatologische Abteilung, Sozialmedizinisches Zentrum Ost – Donauspital, Wien, fand die inzwischen zweite iFemMe in der Zeit vom 21. – 22. Oktober 2016 in Wien statt.

Weitere Themen der iFemMe waren:

„Transkulturelle Kompetenz in der Medizin“, Univ.-Lektorin Dr.in Christine Binder-Fritz
„Mens sana in corpore sano“ – Einfluss von Lifestyle auf die Psoriasis“, Dr.in Katharina Wippel-Slupetzky
„Rheuma und Rehabilitation”, Prim.a Dr.in Monika Mustak-Blagusz „Bewegung als Therapie bei RA – die Dosis macht das Gift”, Mag.a Meike Klinger
„Lost in Transition – PatientInnen zwischen zwei Welten“, Dr.in Kirsten Minden (DE)
Podiumsdiskussion: „Biopharmazeutika: Der Unterschied liegt im Detail“; OÄ Dr.in Maya Thun, DDr.in Karina Hellbert, Univ.-Prof.in Dr.in Elisabeth Riedl, Dr.in Gabriele Eichbauer-Sturm, Univ.-Prof.in Dr.in Almuthe Hauer

Abstracts der Referate sind auf Anfrage erhältlich!

Mit freundlicher Unterstützung von
Pfizer Corp Austria GmbH, Wien
PP-ENB-AUT-0174/11.2016

Rückfragen & Kontakt:

Expertinnen:
OÄ Dr.in Judith Sautner
Landesklinikum Stockerau, 2. Medizinische Abteilung
Landstraße 18, 2000 Stockerau
Tel.: +43 2266 9004 22851
E-Mail: judith.sautner@stockerau.lknoe.at

Dr.in Susanna Späthling-Mestekemper
Rheumapraxis München-Pasing
Gottfried-Keller-Str. 20, D-81245 München
Tel.: +49 89 8292260
E-Mail: rpmp@rpmp.de

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