„Menschen & Mächte“ am 24. November: „Was ist schöner: Sex oder Sozialismus? Flüsterwitze im Kommunismus“

Alfred Dorfer erzählt und interpretiert Flüsterwitze im Kommunismus

Wien (OTS) - Diese Frage, was nun schöner sei – „Sex oder Sozialismus?“ – wird im zweiten Teil des ORF-Zeitgeschichteschwerpunkts über Witze in totalitären Systemen selbstverständlich beantwortet. Von keinem Geringeren als dem bekannten Kabarettisten Alfred Dorfer, der nach „Flüsterwitze im Nationalsozialismus“ (17. November) am Donnerstag, dem 24. November 2016, um 21.05 Uhr in ORF 2 auch durch die „Menschen & Mächte“-Dokumentation über „Flüsterwitze im Kommunismus“ führen wird. Dr. Alfred Dorfer hat im Übrigen zum Thema Kabarett, Witz und Totalitarismus seine Dissertation gefertigt. Ein Grund mehr für die beiden Regisseure Robert Gokl und Gregor Stuhlpfarrer, ihn zu engagieren.

Die Partei allgegenwärtig, die Parteiführer allwissend, der Geheimdienst allmächtig – der ideologische Größenwahn im Realsozialismus bedeutet auch, dass jede Kritik, jeder kritische Witz einer Subversion gleichkam. Jeder politische Scherz ein Sakrileg. Zeitzeugen wie Ex-„Tatort“-Kommissar Peter Sodann, Karikaturist Ivan Steiger oder „Russendisko“-Autor Wladimir Kaminer erzählen von einer Welt, in der bereits das Erzählen eines Witzes gefährlich werden konnte. Diese Fakten unterstützen die beiden Gestalter mit Archiv-Aufnahmen und Spielfilmen, die den meist personifizierten Größenwahn einer Ideologie in streng choreografierte Masseninszenierungen und bizarren kommunistischen Führerkult bettet. Seit der bolschewistischen Revolution 1917 bestand in allen sozialistischen Ländern dasselbe Paradoxon: Die offizielle kommunistische Wahrheit war geschönt, übertrieben, erlogen. Bedeutend näher und wahrhaftiger an der Realität waren die Alltagswitze. Realistische Kontrapunkte zur Propaganda in Zeitung, Kino, und Fernsehen.

Wolf Oschlies, Autor des Buches „Hammer und Kichern“: „Ein guter Witz war wie ein Röntgenbild und zeigt bis heute das wahre Bild des Sozialismus!“ – Was ist der Unterschied zwischen Kapitalismus und Kommunismus? – Der Kapitalismus ist die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen. Aber der Kommunismus, der ist das genaue Gegenteil!

Die Witze-Erzähler bewahrten sich ihre Meinungs- und Gedankenfreiheit – auch in den gefährlichen Perioden von Massendeportation und Massenmord unter Josef Stalin. – „Genosse Richter, worüber lachen sie so herzhaft? Erzählen sie doch!“ – „Tut mir leid! Das kann ich nicht! Für diesen Witz habe ich gerade jemanden zu drei Jahren verurteilt!“ – Allein in der Sowjetunion wurden mehr als 100.000 Menschen für das Erzählen eines Witzes verfolgt, inhaftiert, deportiert. Viele überlebten die jahrelange Lagerhaft nicht.

„Nach Stalins Tod Anfang März 1953 wurden etwa in Ungarn mindestens 100 Menschen verurteilt, weil sie darüber Witze gemacht haben“, sagt Eva Kovacs, Wissenschafterin im „Historischen Archiv der Staatsicherheitsdienste“ in Budapest. Aber auch in Ungarn zeigt sich:
je schlechter die Zeiten, desto häufiger und bissiger die Witze. Selbst während des Ungarnaufstands 1956, als rund 200.000 Menschen aus dem Land flüchteten, gab es Witz und Satire: „Was ist Humor?“, fragten die Aufständischen. Die Antwort: „Der friedliche Übergang vom Kommunismus zum Kapitalismus.“

Überall in Osteuropa existierten bis zum Fall des Eisernen Vorhangs weitverzweigte Spitzelsysteme, um Kritik, Witze und Lachen über das KP-System zu unterbinden. Für jeden verfolgten Witze-Erzähler steht auch ein Denunziant, der ihn angezeigt haben muss. So etwa beispielsweise für diesen Witz: „Zwei Soldaten stehen an der Berliner Mauer. Fragt der eine den anderen: „Denkst Du das gleiche was ich jetzt denke?“ Darauf der andere: „Ich denke schon …!“ – Darauf der andere: „Dann muss ich dich jetzt sofort verhaften!“

Peter Sodann, von 1991 bis 2007 als „Tatort“-Kommissar im Einsatz, wurde 1961 verhaftet – für ein zu kritisches Programm seines Studenten-Kabaretts „Rat der Spötter“. „Das rüttelte zwar nicht an den Grundfesten von irgendetwas, aber da waren sie dann beleidigt“, meint er im ORF-Interview. Im Jahr des Mauerbaus wurde Sodann wegen „staatsgefährdender Hetze“ zu fast zwei Jahren Gefängnis auf Bewährung verurteilt, nach sechs Monaten Untersuchungshaft in der Einzelzelle. Sodann: „Ein Land, das keine Witze mehr hat, steht kurz vorm Untergang!“

Ivan Steiger war 1968 ein junger Karikaturist und Witzekenner in der ehemaligen CSSR. Er hat den Einmarsch des Warschauer Pakts erlebt und damit das Ende des Prager Frühlings: „Es war überhaupt nicht lustig! Aber das Lachen – auch über uns selbst – war die einzige Möglichkeit, uns zu verteidigen!“ Mit seinen ironischen Zeichnungen und seinem „Prager Tagebuch“ über den Einmarsch der Ostblock-Truppen, publiziert in der BRD, wurde Ivan Steiger nach seiner Flucht aus der CSSR weltbekannt. Ivan Steiger: „Der Besitz von Exil-Literatur, aber auch das Erzählen von Witzen war Grund genug, verhaftet zu werden und hinter Gitter zu kommen!“

Der Schriftsteller Wladimir Kaminer wuchs in der Sowjetunion der 1970er und Anfang der 1980er Jahre auf, in der Regierungszeit von Leonid Breschnew. Die Jugend, erzählt er, war geprägt von Mangelwirtschaft und einer überalterten Politkaste. Systemkritische Witze waren weit verbreitet. „Es gab zu dieser Zeit keine Gefahr mehr, wegen einem Witz im Gefängnis zu landen, wie unter Stalin.“ „Was ist Glück?“, lautete eine Witzfrage dieser Zeit. „Glück ist, dass wir in einer sozialistischen Volksdemokratie leben. Und was ist Pech? Pech ist, dass wir so viel Glück haben.“ Oder: Frage an Radio Eriwan: „Kann man den Unterschied zwischen Demokratie und Volksdemokratie einfach erklären?“ – „Im Prinzip ja; der Unterschied ist einfach gesagt so wie zwischen Jacke und Zwangsjacke.“

Ungarn 1956, der Bau der Berliner Mauer 1961, der Prager Frühling 1968, Solidarność in Polen 1980 – allesamt historische Daten im ehemaligen Ostblock. Wie hochsensible Meinungssensoren legten die Witze die unterdrückten Ansichten der Menschen zu diesen Ereignissen in Osteuropa frei, zu allen Krisen und Konflikten und vor allem zum Alltag in den damaligen Sowjetsatelliten.

1989 ging in Osteuropa die Geschichte des Kommunismus zu Ende. Der Eiserne Vorhang fiel und damit auch die geopolitische Nachkriegsordnung. Damit schloss sich der Vorhang über Witz und Kabarett im „realen Sozialismus“. Nicht jedoch ohne eine letzte bitter-humorvolle Rückschau: Stalin, Chruschtschow, Breschnew und Gorbatschow sitzen alle im selben Zug. Plötzlich hält der Zug auf offener Strecke. – Stalin: „Was soll das! Erschießt den Fahrer!“ – Chruschtschow: „Nein! Rehabilitiert ihn!“ – Breschnew: „Moment mal, ich weiß etwas Besseres! Schließen wir die Vorhänge und tun wir so, als ob wir fahren würden! – Gorbatschow: „Genossen, was soll das? Lasst uns doch hinausgehen und den Zug anschieben!“

Robert Gokl und Gregor Stuhlpfarrer begeben sich auf eine spannende, sieben Jahrzehnte umfassende Reise durch ein nicht nur ideologisch autoritäres System, das über die Jahre durch versuchte Revolutionen und Aufstände zunehmend zu erodieren beginnt. Eines konnten die KP-Systeme unterschiedlichster dogmatischer Färbung jedoch über all die Jahrzehnte nicht unterdrücken: das Lachen und den Wunsch nach Freiheit, nach Meinungs-, Gedanken- und Reisefreiheit, häufig formuliert nach dem Motto: „Was man ernst meint, sagt man oft auch im Spaß, also gekleidet in Witz und Satire. Das aber mit tieferer Bedeutung.“

„Menschen & Mächte“ ist nach der TV-Ausstrahlung sieben Tage als Video-on-Demand abrufbar und wird auch als Live-Stream auf der ORF-TVthek (http://TVthek.ORF.at) angeboten.

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