- 23.11.2016, 12:09:30
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„Menschen & Mächte“ am 24. November: „Was ist schöner: Sex oder Sozialismus? Flüsterwitze im Kommunismus“
Alfred Dorfer erzählt und interpretiert Flüsterwitze im Kommunismus
Utl.: Alfred Dorfer erzählt und interpretiert Flüsterwitze im
Kommunismus =
Wien (OTS) - Diese Frage, was nun schöner sei – „Sex oder
Sozialismus?“ – wird im zweiten Teil des
ORF-Zeitgeschichteschwerpunkts über Witze in totalitären Systemen
selbstverständlich beantwortet. Von keinem Geringeren als dem
bekannten Kabarettisten Alfred Dorfer, der nach „Flüsterwitze im
Nationalsozialismus“ (17. November) am Donnerstag, dem 24. November
2016, um 21.05 Uhr in ORF 2 auch durch die „Menschen &
Mächte“-Dokumentation über „Flüsterwitze im Kommunismus“ führen wird.
Dr. Alfred Dorfer hat im Übrigen zum Thema Kabarett, Witz und
Totalitarismus seine Dissertation gefertigt. Ein Grund mehr für die
beiden Regisseure Robert Gokl und Gregor Stuhlpfarrer, ihn zu
engagieren.
Die Partei allgegenwärtig, die Parteiführer allwissend, der
Geheimdienst allmächtig – der ideologische Größenwahn im
Realsozialismus bedeutet auch, dass jede Kritik, jeder kritische Witz
einer Subversion gleichkam. Jeder politische Scherz ein Sakrileg.
Zeitzeugen wie Ex-„Tatort“-Kommissar Peter Sodann, Karikaturist Ivan
Steiger oder „Russendisko“-Autor Wladimir Kaminer erzählen von einer
Welt, in der bereits das Erzählen eines Witzes gefährlich werden
konnte. Diese Fakten unterstützen die beiden Gestalter mit
Archiv-Aufnahmen und Spielfilmen, die den meist personifizierten
Größenwahn einer Ideologie in streng choreografierte
Masseninszenierungen und bizarren kommunistischen Führerkult bettet.
Seit der bolschewistischen Revolution 1917 bestand in allen
sozialistischen Ländern dasselbe Paradoxon: Die offizielle
kommunistische Wahrheit war geschönt, übertrieben, erlogen. Bedeutend
näher und wahrhaftiger an der Realität waren die Alltagswitze.
Realistische Kontrapunkte zur Propaganda in Zeitung, Kino, und
Fernsehen.
Wolf Oschlies, Autor des Buches „Hammer und Kichern“: „Ein guter Witz
war wie ein Röntgenbild und zeigt bis heute das wahre Bild des
Sozialismus!“ – Was ist der Unterschied zwischen Kapitalismus und
Kommunismus? – Der Kapitalismus ist die Ausbeutung des Menschen durch
den Menschen. Aber der Kommunismus, der ist das genaue Gegenteil!
Die Witze-Erzähler bewahrten sich ihre Meinungs- und Gedankenfreiheit
– auch in den gefährlichen Perioden von Massendeportation und
Massenmord unter Josef Stalin. – „Genosse Richter, worüber lachen sie
so herzhaft? Erzählen sie doch!“ – „Tut mir leid! Das kann ich nicht!
Für diesen Witz habe ich gerade jemanden zu drei Jahren verurteilt!“
– Allein in der Sowjetunion wurden mehr als 100.000 Menschen für das
Erzählen eines Witzes verfolgt, inhaftiert, deportiert. Viele
überlebten die jahrelange Lagerhaft nicht.
„Nach Stalins Tod Anfang März 1953 wurden etwa in Ungarn mindestens
100 Menschen verurteilt, weil sie darüber Witze gemacht haben“, sagt
Eva Kovacs, Wissenschafterin im „Historischen Archiv der
Staatsicherheitsdienste“ in Budapest. Aber auch in Ungarn zeigt sich:
je schlechter die Zeiten, desto häufiger und bissiger die Witze.
Selbst während des Ungarnaufstands 1956, als rund 200.000 Menschen
aus dem Land flüchteten, gab es Witz und Satire: „Was ist Humor?“,
fragten die Aufständischen. Die Antwort: „Der friedliche Übergang vom
Kommunismus zum Kapitalismus.“
Überall in Osteuropa existierten bis zum Fall des Eisernen Vorhangs
weitverzweigte Spitzelsysteme, um Kritik, Witze und Lachen über das
KP-System zu unterbinden. Für jeden verfolgten Witze-Erzähler steht
auch ein Denunziant, der ihn angezeigt haben muss. So etwa
beispielsweise für diesen Witz: „Zwei Soldaten stehen an der Berliner
Mauer. Fragt der eine den anderen: „Denkst Du das gleiche was ich
jetzt denke?“ Darauf der andere: „Ich denke schon …!“ – Darauf der
andere: „Dann muss ich dich jetzt sofort verhaften!“
Peter Sodann, von 1991 bis 2007 als „Tatort“-Kommissar im Einsatz,
wurde 1961 verhaftet – für ein zu kritisches Programm seines
Studenten-Kabaretts „Rat der Spötter“. „Das rüttelte zwar nicht an
den Grundfesten von irgendetwas, aber da waren sie dann beleidigt“,
meint er im ORF-Interview. Im Jahr des Mauerbaus wurde Sodann wegen
„staatsgefährdender Hetze“ zu fast zwei Jahren Gefängnis auf
Bewährung verurteilt, nach sechs Monaten Untersuchungshaft in der
Einzelzelle. Sodann: „Ein Land, das keine Witze mehr hat, steht kurz
vorm Untergang!“
Ivan Steiger war 1968 ein junger Karikaturist und Witzekenner in der
ehemaligen CSSR. Er hat den Einmarsch des Warschauer Pakts erlebt und
damit das Ende des Prager Frühlings: „Es war überhaupt nicht lustig!
Aber das Lachen – auch über uns selbst – war die einzige Möglichkeit,
uns zu verteidigen!“ Mit seinen ironischen Zeichnungen und seinem
„Prager Tagebuch“ über den Einmarsch der Ostblock-Truppen, publiziert
in der BRD, wurde Ivan Steiger nach seiner Flucht aus der CSSR
weltbekannt. Ivan Steiger: „Der Besitz von Exil-Literatur, aber auch
das Erzählen von Witzen war Grund genug, verhaftet zu werden und
hinter Gitter zu kommen!“
Der Schriftsteller Wladimir Kaminer wuchs in der Sowjetunion der
1970er und Anfang der 1980er Jahre auf, in der Regierungszeit von
Leonid Breschnew. Die Jugend, erzählt er, war geprägt von
Mangelwirtschaft und einer überalterten Politkaste. Systemkritische
Witze waren weit verbreitet. „Es gab zu dieser Zeit keine Gefahr
mehr, wegen einem Witz im Gefängnis zu landen, wie unter Stalin.“
„Was ist Glück?“, lautete eine Witzfrage dieser Zeit. „Glück ist,
dass wir in einer sozialistischen Volksdemokratie leben. Und was ist
Pech? Pech ist, dass wir so viel Glück haben.“ Oder: Frage an Radio
Eriwan: „Kann man den Unterschied zwischen Demokratie und
Volksdemokratie einfach erklären?“ – „Im Prinzip ja; der Unterschied
ist einfach gesagt so wie zwischen Jacke und Zwangsjacke.“
Ungarn 1956, der Bau der Berliner Mauer 1961, der Prager Frühling
1968, Solidarność in Polen 1980 – allesamt historische Daten im
ehemaligen Ostblock. Wie hochsensible Meinungssensoren legten die
Witze die unterdrückten Ansichten der Menschen zu diesen Ereignissen
in Osteuropa frei, zu allen Krisen und Konflikten und vor allem zum
Alltag in den damaligen Sowjetsatelliten.
1989 ging in Osteuropa die Geschichte des Kommunismus zu Ende. Der
Eiserne Vorhang fiel und damit auch die geopolitische
Nachkriegsordnung. Damit schloss sich der Vorhang über Witz und
Kabarett im „realen Sozialismus“. Nicht jedoch ohne eine letzte
bitter-humorvolle Rückschau: Stalin, Chruschtschow, Breschnew und
Gorbatschow sitzen alle im selben Zug. Plötzlich hält der Zug auf
offener Strecke. – Stalin: „Was soll das! Erschießt den Fahrer!“ –
Chruschtschow: „Nein! Rehabilitiert ihn!“ – Breschnew: „Moment mal,
ich weiß etwas Besseres! Schließen wir die Vorhänge und tun wir so,
als ob wir fahren würden! – Gorbatschow: „Genossen, was soll das?
Lasst uns doch hinausgehen und den Zug anschieben!“
Robert Gokl und Gregor Stuhlpfarrer begeben sich auf eine spannende,
sieben Jahrzehnte umfassende Reise durch ein nicht nur ideologisch
autoritäres System, das über die Jahre durch versuchte Revolutionen
und Aufstände zunehmend zu erodieren beginnt. Eines konnten die
KP-Systeme unterschiedlichster dogmatischer Färbung jedoch über all
die Jahrzehnte nicht unterdrücken: das Lachen und den Wunsch nach
Freiheit, nach Meinungs-, Gedanken- und Reisefreiheit, häufig
formuliert nach dem Motto: „Was man ernst meint, sagt man oft auch im
Spaß, also gekleidet in Witz und Satire. Das aber mit tieferer
Bedeutung.“
„Menschen & Mächte“ ist nach der TV-Ausstrahlung sieben Tage als
Video-on-Demand abrufbar und wird auch als Live-Stream auf der
ORF-TVthek (http://TVthek.ORF.at) angeboten.
Das gesamte TV-Angebot des ORF – ORF eins, ORF 2, ORF III sowie ORF
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