• 18.11.2016, 09:17:02
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Kardinal Schönborn bei Staatsakt: "Ich bitte um Vergebung"

Wortlaut der Rede von Kardinal Christoph Schönborn beim Staatsakt "Geste der Verantwortung"

Utl.: Wortlaut der Rede von Kardinal Christoph Schönborn beim
Staatsakt "Geste der Verantwortung" =

Wien (KAP) - Kathpress dokumentiert im Folgenden den Wortlaut der
Rede von Kardinal Christoph Schönborn beim Staatsakt "Geste der
Verantwortung" am 17. November 2016 im Parlament in Wien:

Ich stehe hier als Vertreter jener Einrichtung, die für viele von
Ihnen mit schlimmsten Erinnerungen verbunden ist. Ich bin in einer
Landschule aufgewachsen, Volksschule und dann ein Gymnasium, in denen
die schwarze Pädagogik selbstverständlich war. Das war in den
Nachkriegsjahren, in den 1950er-Jahren. Es wurde sehr viel geprügelt,
auch in der öffentlichen Schule. Aber, das was Sie erlebt haben, das
konnte ich mir nicht vorstellen. Und das was in kirchlichen
Einrichtungen geschehen ist, das was Priester und auch Nonnen
Menschen, Jugendlichen angetan haben, das konnte ich mir nicht
vorstellen.

Als zum ersten Mal laut und deutlich von kirchlichem Missbrauch die
Rede war, ich gestehe es, habe ich das als böse Erfindung der Medien
empfunden, bis ich sehr bald gemerkt habe, erfahren habe, durch
Gespräche, durch Begegnungen: Es ist bittere Wahrheit. Und es hat
mich und meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zur Überzeugung
gebracht: Nur eines hilft: die Wahrheit.

"Die Wahrheit wird euch frei machen", hat Jesus gesagt. Auch wenn es
schwer fällt auf sie hinzuschauen: Wir haben in der Kirche, wie auch
im Staat, zu lange weggeschaut. Wir haben vertuscht, wir haben, wenn
Missbrauch bekannt geworden ist, Leute versetzt und nicht abgesetzt.
Für diese Schuld der Kirche stehe ich heute vor Ihnen und sage: Ich
bitte um Vergebung.

Die Wahrheit macht frei - nur die Wahrheit! Sie ermöglicht es, nach
vorne zu schauen. Sie ermöglicht es, die Vergangenheit ehrlich
anzuschauen und dann Schritte zu setzen in eine bessere Zukunft.
Deshalb danke ich der Frau Präsidentin des Nationalrates für die
mutige Geste dieses Staatsaktes. Wir können Verantwortung nur
gemeinsam übernehmen. Es ist ein starkes Zeichen, dass die höchsten
Repräsentanten des Staates sich zu der Schuld, die an Ihnen und an
vielen anderen geschehen ist, bekennen - und ich stehe nicht an, dass
die Kirche hier ihr Versagen genauso einbekennen muss.

Ich bin überzeugt, dass das was heute hier geschieht, ein Signal ist,
dass solches Schlimmes, Schreckliches, was wir nur in kleinen
Auszügen heute gehört haben, der Vergangenheit angehört.

Ich habe vor diesem Staatsakt mit einem Opfer schweren kirchlichen
Missbrauches gesprochen und sie gefragt: Was wäre Deine Botschaft
heute an die Menschen, die hier versammelt sind? Und sie, die sehr
viel mitgemacht hat, hat mir gesagt - ich traue mir das nicht von mir
aus zu sagen, ich sage es als eine Botschaft von ihr -: "Man kann uns
alles nehmen, aber unsere Würde kann uns niemand nehmen!"

Ich gebe Ihnen dieses Wort weiter, das mir heute gesagt worden ist,
und ich glaube, dass dieser Staatsakt genau das sagen will. Ihnen
allen. Es ist Ihnen viel an menschlicher Würde genommen worden, aber
letztlich kann niemand Ihnen Ihre persönliche Würde nehmen. Das will
heute dieser Staatsakt bekunden. In diesem Sinne verbeuge mich vor
Ihnen und vor dem, was Sie gelitten haben.

((ende)) PER/GUT
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