- 28.10.2016, 13:32:41
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Friedhof der Namenlosen: Ein weltweit einzigartiger Ort im Hafen Wien
Wien (OTS/RK) - Der Friedhof der Namenlosen im Hafen Wien, einem
Unternehmen der Wien Holding, ist ein schaurig schöner Ort, der eine
einzigartige Magie ausstrahlt. Hier steht die Zeit still. Fern von
Hektik, Lärm und dem Trubel des täglichen Hafenbetriebs, fanden hier
die meist anonymen Opfer der Donau bis zum Jahr 1940 ihre letzte
Ruhe. Nirgendwo sonst auf der Welt gibt es einen Ort wie diesen. Auch
heute noch wird ihnen im Rahmen einer jährlichen Gedenkfeier gedacht.
Die Kranzlegung 2016 findet heuer am 6. November um 14 Uhr statt.
Ein Blick auf einen schaurig schönen Platz
Der Friedhof der Namenlosen im Hafen Albern liegt dort, wo
Simmering so wirkt, als wäre die Zivilisation spurlos vorüber
gegangen. In Richard Linklaters Film „Before Sunrise“ galt der Ort
noch als Geheimtipp und noch immer ist der Friedhof nicht einfach zu
finden. Nur ein paar Schilder am Wegesrand weisen auf diesen ganz
besonderen Ort hin. Dort, wo sich der Friedhof der Namenlosen
befindet, grenzt der Hafen Wien gleich direkt an das Auwald- und
Wiesengebiet. Auch „Sauhaufen“ wird das Areal genannt. Es gehört zum
einstigen Wiener Vorort Albern. Seit dem Mittelalter lebten die
Menschen hier vom Fischfang. Kein anderes Dorf im Wiener Raum wurde
so oft von der Donau überflutet wie das in Albern der Fall war.
Jetzt die Slideshow zum Friedhof der Namenlosen ansehen unter:
https://www.wienholding.at/Mediaroom/Slideshows/Friedhof-der-Namenlos
en-2016
Schlichte, eiserne Kreuze
Stromkilometer 1.918, dort wo der Donaukanal in die Donau mündet,
das ist sozusagen die Adresse des Friedhofs der Namenlosen. Weltweit
ist dieser Friedhof wohl die einzige Begräbnisstätte, die
ausschließlich den Opfern eines Flusses vorbehalten ist. Ermordete,
Unfallopfer, Selbstmörder, Opfer ungeklärter Kriminalfälle – meistens
unbekannte Tote aus dem Fluss, die hier angeschwemmt und gleich
begraben wurden. Ein Wasserwirbel fing bis 1939 neben morschem
Treibholz auch an die 600 Leichen ein. Schlichte Kreuze aus
Schmiedeeisen gefertigt, manchmal noch mit einem Schild versehen auf
dem „Namenlos“, „Unbekannt“, „Männlich“, „Weiblich“ oder ein Datum
steht, sind die einzigen Zeugen, die an die Opfer des Flusses
erinnern.
Friedhof aus zwei Teilen
Der Friedhof der Namenlosen besteht aus zwei Teilen. Der ältere
Bereich ist heute kaum mehr zu sehen. Bäume und Sträucher haben die
Begräbnisstätte überwuchert. Immer wieder wurde dieser Friedhofsteil
überschwemmt. Der Auwald hat heute die Totenstätte wieder in Besitz
genommen. Auf diesem Teil des Friedhofs wurden bis zur vorletzten
Jahrhundertwende die angeschwemmten Wasserleichen bestattet.
Der neue Friedhofsteil entstand 1900, jenseits des Schutzdammes.
Die Gräber sind einfache, schmucklose Erdhügel, ohne Umrandung und
ohne Grabstein. Geschmückt sind sie nur mit einfachen
schmiedeeisernen Kreuzen. 1935 erhielt der Friedhof bei den Arbeiten
zur Verstärkung des Schutzdammes eine steinerne Umfassungsmauer und
eine Kapelle, die so genannte „Auferstehungskapelle“. Auf dem neuen
Teil des Friedhofs der Namenlosen wurden im Zeitraum 1900 bis 1940
insgesamt 104 Wasserleichen beerdigt. Nur 43 davon konnten
identifiziert werden.
Im Jahr 1939 wurden dann auch der Alberner Hafen und die
Getreidesilos gebaut. Durch die Hafenregulierung änderten sich die
Strömungsverhältnisse im Donaustrom. Und seither werden kaum mehr
Leichen an dieser Stelle angeschwemmt. Und wenn doch, so wie im Jahr
2004 die Leiche einer Frau ans Ufer treibt, dann werden diese Toten
auf dem Wiener Zentralfriedhof beerdigt. Auf dem Friedhof der
Namenlosen fand nach offiziellen Quellen die letzte Beerdigung im
Jahr 1940 statt. Der stillgelegte „Friedhof der Namenlosen“ wird
heute vom Hafen Wien sowie der Stadt Wien weiter erhalten.
Vom Totengräber Josef Fuchs
Mit der Geschichte und der Erhaltung des „Friedhofs der
Namenlosen“ ist ein Mann untrennbar verbunden: Der ehrenamtliche
Totengräber Josef Fuchs. Er lebte von 1906 bis 1996 und hat den
Friedhof mit großer Sorgfalt betreut. Bis 1939 hat er die
Wasserleichen sogar selbst begraben. Fuchs kümmerte sich auch nach
seiner Pensionierung noch um die Gräber, bis er im Frühling 1996 im
Alter von 90 Jahren starb. Er tauschte die Holzkreuze gegen schlichte
eiserne Kreuze mit weißen Christusfiguren. Für seine unermüdliche
Arbeit wurde Josef Fuchs vom Land Wien mit dem Goldenen
Verdienstzeichen geehrt. Auch eine Gedenktafel bei der
Auferstehungskapelle erinnert an den ehemaligen Totengräber.
Fuchs hat auch dafür gesorgt, dass ganz im Widerspruch zum Namen
des Friedhofs viele der Toten nicht ganz namenlos geblieben sind.
Mithilfe von Abgängigkeitsanzeigen des Gemeindeamts Albern, die auch
Personenbeschreibungen enthielten, konnte er viele Opfer
identifizieren. Von all den Leichen, die er selbst begrub, konnte
Fuchs bis auf eine einzige alle identifizieren.
Gedenkfeier
Am Nachmittag des ersten Sonntags nach Allerseelen wird jedes Jahr
der Opfern der Donau und der Toten auf dem Friedhof der Namenlosen
gedacht. Die Mitglieder des Arbeiter-Fischer-Vereins versammeln sich
dann, um ein von ihnen gebautes Floß, geschmückt mit Kränzen, Blumen
und brennenden Kerzen zu Wasser zu lassen. Auf dem Floß befindet sich
auch ein symbolischer Grabstein mit der Inschrift „Den Opfern der
Donau“ und der in den Sprachen Deutsch, Tschechisch und Ungarisch
verfassten Bitte, das Floß, wenn es am Ufer hängen bleiben sollte,
einfach weiterzustoßen. Der Prozessionszug zieht dann zum Ufer der
Donau hinunter, begleitet von einer Musikkapelle. Mit einer Holzzille
bringen die Fischer das Floß in die Mitte des Stroms, um es den
Fluten zu übergeben, zum Gedenken an die anonymen Opfer des
Donaustroms. Manche dieser Flöße sollen sehr weit getrieben sein, bis
sie sich auflösten. So sorgen die Fischer dafür, dass der Friedhof
der Namenlosen nicht in Vergessenheit gerät.
(Schluss)
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