- 20.10.2016, 10:15:16
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Belvedere: IST DAS BIEDERMEIER? Amerling, Waldmüller und mehr
Wien (OTS) - Die große Herbstausstellung des Belvedere rückt die
Entwicklung der Malerei in den Jahren zwischen 1830 und 1860 in den
Mittelpunkt und stellt dabei die provokante Frage: „Ist das
Biedermeier?“. Die von Sabine Grabner kuratierte Ausstellung ist vom
21. Oktober 2016 bis 12. Februar 2017 im Unteren Belvedere zu sehen.
Im Zentrum steht die österreichische Malerei, respektive die
Kunstentwicklung in der Kaiserstadt Wien, gezeigt werden Porträts,
Landschaften und Genrebilder. Die Malerei erfährt ihre erste Blüte in
den 1830er-Jahren, wobei deren Strahlkraft bis weit über die
Jahrhundertmitte hinaus wirkt, bis durch den Bau der Ringstraße der
Historismus in der österreichischen Kunst Einkehr hält. Die
Ausstellung beginnt also inmitten der historischen Epoche des
Biedermeier und ragt weit über deren Ende hinaus. Aufgrund der
kontinuierlichen Entwicklung in der Malerei wird ersichtlich, dass
Kunst und Geschichte nur bedingt aufeinander wirkten. So hinterlässt
die Revolution von 1848, mit der die Epoche des Biedermeier bzw. des
Vormärz beendet wurde, lediglich in der Darstellung von dem
politischen Ereignis ihre Spuren, nicht aber in maltechnischer oder
kompositorischer Hinsicht.
„Das Belvedere verfügt über einen der weltweit bedeutendsten
Sammlungsbestände österreichischer Kunst des 19. Jahrhunderts,
darunter große Meisterwerke der Kunstgeschichte. Es war mir daher ein
besonderes Anliegen, diese historische Epoche von einem
wissenschaftlichen Standpunkt aus neu zu betrachten. Die aktuelle
Ausstellung 'Ist das Biedermeier? Amerling, Waldmüller und mehr'
präsentiert den Besuchern die Malerei zwischen 1830 bis 1860 nun aus
einem völlig neuen Blickwinkel und bewirkt vielleicht, dass der
Begriff des 'Biedermeier' in der Malerei zukünftig mit mehr Bedacht
verwendet wird. Denn die großartigen Leistungen jener Künstler, die
bisher dem Biedermeier zugeschrieben wurden, gehen weit über diese
historische Epoche hinaus“, so Agnes Husslein-Arco, Direktorin des
Belvedere.
Die Frage „Ist das Biedermeier?“ zieht automatisch die Gegenfrage
nach sich: „Was will das Publikum als Biedermeier sehen?“
Das Denken der Zeit äußert sich in der Themenwahl und nicht in der
stilistischen Entwicklung der Malerei. Dargestellt werden Szenen aus
dem bürgerlichen Leben. Waldmüllers Fronleichnamsmorgen (1857),
Reisigsammler im Wienerwald (1855) oder Vorfrühling im Wienerwald
(1861, alle Belvedere, Wien) gelten, obwohl sie lange nach dem Ende
der Biedermeierepoche entstanden sind, aus einer Gewohnheit heraus
nach wie vor als die Beispiele einer Biedermeiermalerei. Dabei zählen
diese Werke in jeder Beziehung, also hinsichtlich der Behandlung des
Lichts, der räumlichen Gestaltung und des Erzählgehaltes auch im
internationalen Kontext zu den Höhepunkten der realistischen
Genremalerei.
Um diese eingefahrenen Denkschemata aufzulösen, sind in der
Ausstellung Werke zu sehen, deren Themen und Erscheinungsbild sehr
unterschiedlich sind, obwohl sie alle aus dem genannten Zeitraum
stammen. Vor dem Hintergrund einer gemeinsamen Basis wurden Maler
gewählt, deren Geburtsjahr zwischen 1790 und 1820 liegt, deren
künstlerische Ausbildung einem ähnlichen Denken entspringt und deren
Entwicklung aus diesem Grunde auch unter vergleichbaren Bedingungen
verlief.
Außerdem konzentriert sich die Auswahl nicht nur auf österreichische
Maler, sondern reicht über die Grenzen des heutigen Österreich hinaus
bis nach Oberitalien, Slowenien, nach Ungarn und Tschechien. Auf
dieser Basis ist eine Zusammenschau der Kunstentwicklung in der Mitte
des 19. Jahrhunderts im gesamten Gebiet von Österreich und der
habsburgischen Kronländer gegeben. Die Objektauswahl wurde in
Absprache mit Wissenschaftlern in den betreffenden Ländern
vorgenommen, um einen repräsentativen Überblick zu gewährleisten.
„Von großem Interesse sind vor allem jene Künstler, deren Arbeiten
eine hohe Eigenständigkeit aufweisen und damit den traditionellen
akademischen Vorgaben entgegenwirkten. Als herausragendes Beispiel
ist hier Friedrich von Amerling zu nennen, der mit seinen
einfigurigen Genrebildern eine einzigartige Stellung im Wiener Umfeld
einnahm“, so Kuratorin Sabine Grabner. Von großer Folgewirksamkeit
waren auch Josef Danhausers ideenreiche Bilderzählungen, desgleichen
die hervorragenden Porträts und Genrebilder des aus Ungarn stammenden
und hauptsächlich in Wien wirkenden József Borsos, die kraftvollen
Landschaftsdarstellungen des tschechischen Malers Bedřich Havránek,
die vorzüglich ausgeführten Figuren des in Mailand wirkenden
Francesco Hayez, die vielfältigen Menschendarstellungen des
Oberösterreichers Johann Baptist Reiter, sowie die ausdrucksstarken
Porträts des in Görz/Gorizia geborenen und in Triest arbeitenden
Giuseppe Tominz. „Eine Sonderstellung nimmt der Wiener Ferdinand
Georg Waldmüller ein, der sowohl mit seinen Porträtdarstellungen, als
auch mit den Landschaftsansichten und Figurenbildern eine
Vorreiterrolle innehatte. Waldmüller war es auch, der noch während
der Biedermeierzeit in seinen Bildern auf die Verelendung der
Bevölkerung am Rande der Gesellschaft hinwies und mit seinen
Darstellungen die Situation von Pfändungen, Delogierungen oder
Kinderarbeit thematisierte“, ergänzt Sabine Grabner.
Die Ausstellung im Unteren Belvedere zeigt neben hochkarätigen
Leihgaben aus öffentlichen und privaten Sammlungen in Italien,
Deutschland, Slowenien, Tschechien und Ungarn auch eine Auswahl von
rund fünfzig Werken aus der Sammlung des Belvedere, das im Besitz der
weltweit größten Biedermeiersammlung ist.
Als Ergänzung zu den Gemälden wird auch der Möbelproduktion und ihrer
Entwicklung ab den 1830er-Jahren innerhalb der Schau Platz
eingeräumt. Eine Reihe von Sitzmöbeln verweist auf den vielfältigen
Stilwandel vom Biedermeier zum Zweiten Rokoko und darüber hinaus, was
einen Vergleich mit den in den Bildern dargestellten Objekten
ermöglicht.
Zur Ausstellung erscheint ein Katalog in deutscher und englischer
Sprache. Artikel über die Malerei in Österreich und in den
habsburgischen Kronländern sowie zur Entwicklung der Möbelproduktion
im betreffenden Zeitraum werden erweitert durch sachkundige Berichte
über das zeitgenössische Kunstgeschehen in Frankreich, England,
Dänemark und Deutschland.
Im Rahmen der Ausstellung sind Besucher dazu eingeladen, sich
ebenfalls mit der Frage „Ist das Biedermeier?“ zu beschäftigen. Unter
dem Hashtag #DasistBiedermeier können Besucher ihre Antworten auf den
Social Media Kanälen des Belvedere veröffentlichen. Ein Selfie Point
im Marmorsaal lädt ein, das perfekte Biedermeierfoto zu machen.
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