- 20.10.2016, 08:00:24
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Opferschutzkommission des Landes NÖ zieht Bilanz der Jahre 2010-2016
Entschädigungszahlungen in der Höhe von ca. 4,8 Mio. Euro ausbezahlt
Utl.: Entschädigungszahlungen in der Höhe von ca. 4,8 Mio. Euro
ausbezahlt =
St. Pölten (OTS/NLK) - Mit Stand Ende September 2016 haben sich bei
der Opferschutzkommission des Landes Niederösterreich mehr als 500
Betroffene gemeldet. Insgesamt wurden in den letzten fünf Jahren
Entschädigungszahlungen in der Höhe von rund 4,8 Millionen Euro für
367 Betroffene geleistet und therapeutische Hilfen im Gegenwert von
mehr als 2,2 Millionen Euro zuerkannt. Die für die Opferschutzarbeit
des Landes Niederösterreich eingesetzten Einrichtungen haben heute in
St. Pölten Bilanz gezogen.
Nach Vorbild in erster Linie der Unabhängigen Opferschutzanwaltschaft
der Katholischen Kirche (Klasnic-Kommission) waren für
Niederösterreich im November 2010 ein Opferschutzbeirat, unter
Vorsitz des bekannten Kinder- und Jugendpsychiaters Prim. Dr. Paulus
Hochgatterer, und eine Opferschutzkommission unter der Leitung des
ehemaligen Präsidenten des Landesgerichtes St. Pölten, HR Dr. Kurt
Leitzenberger, eingerichtet worden. Sie befassten sich mit Fällen von
Betroffenen, die als Minderjährige während ihrer Unterbringung Opfer
von Gewalt (teilweise auch sexueller Art) bei Pflegefamilien oder in
stationären Einrichtungen bzw. Vertragsheimen des Landes
Niederösterreich wurden.
Gründliche Aufarbeitung – eine Bilanz und ein Ausblick
Das Land Niederösterreich war sich damals seiner historischen
Verantwortung gegenüber den Betroffenen sofort bewusst und hat
umgehend die entsprechenden Schritte für eine gründliche
Schadensaufarbeitung eingeleitet. „So wurde bei der NÖ Kinder- und
Jugendanwaltschaft (NÖ kija) eine zentrale, anonyme, vertrauliche und
kostenlose Erstanlaufstelle für die Betroffenen eingerichtet und im
Konzept ‚Opferschutz NÖ‘ die Voraussetzungen und Rahmenbedingungen
allfälliger Entschädigungen und Hilfeleistungen definiert. Bei den
Entschädigungszahlungen orientierte man sich an den Kriterien der
Klasnic-Kommission. Entschädigungszahlungen gab es bis 25.000 Euro im
Einzelfall, in extremen Härtefällen auch höhere“, fasst der
Koordinator der Opferschutzarbeit des Landes Niederösterreich, Hofrat
Dr. Otto Huber, die Vorgehensweise und Ergebnisse der letzten Jahre
zusammen.
Die „dunklen“ Kapitel der Vergangenheit
Hinsichtlich der Glaubwürdigkeit der Darstellungen der Opfer entstand
kaum jemals Zweifel. Erschütterndste Berichte von körperlichen
Misshandlungen in Form von drakonischen Strafen, sexuellem Missbrauch
und psychischen Demütigungen waren Inhalt der Schilderungen. In ihren
Erinnerungen fühlten sich die Betroffenen schutzlos ausgeliefert,
überwältigt und ohnmächtig. Viele haben sich auch gemeldet, damit
nicht anderen Ähnliches angetan werden kann.
Dazu berichtet HR Dr. Kurt Leitzenberger, Leiter der NÖ
Opferschutzkommission: „Obwohl mir in meiner fast 40-jährigen
richterlichen Tätigkeit viele menschliche Grauslichkeiten begegnet
sind, erzeugte meine Tätigkeit in der Opferschutzkommission eine
tiefe Betroffenheit und Bestürzung. Es ist unglaublich, wozu Menschen
fähig sind! Anstatt den Kindern, die Kraft verschiedenster Umstände
schon bisher nicht auf der Sonnenseite des Lebens standen, eine
motivierende Hilfestellung zu geben, gab es sehr oft weitere negative
Beeinflussungen. Hier wurde die Menschenwürde, die natürlich auch
Kindern und Jugendlichen zukommt, mit Füßen getreten. Kinder und
Jugendliche, die eine Förderung, Wärme, Zuneigung und Liebe benötigt
hätten, mussten ein Leben in Angst und Verunsicherung führen. Der
Vollständigkeit halber muss aber auch festgehalten werden, dass von
den Opfern immer wieder auch Betreuerinnen und Betreuer genannt
wurden, die sich vorbildlich verhalten haben.“
Aus Fehlern der Vergangenheit für die Zukunft lernen
Aus Fehlern der Vergangenheit gelte es für die Zukunft zu lernen.
Dazu Prim. Dr. Paulus Hochgatterer, Kinder- und Jugendpsychiater,
Autor und Vorsitzender des Opferschutzbeirats: „Die Schwere und
Nachhaltigkeit der erfolgten psychischen Traumatisierungen bildete
sich unter anderem darin ab, dass bei einem Großteil der Opfer eine
Psychotherapieempfehlung ausgesprochen wurde. Trotz der uns alle sehr
belastenden Schilderungen der Opfer waren die Sitzungen durch eine
hohe Professionalität und gegenseitige Wertschätzung gekennzeichnet.
Beeindruckt hat mich auch die Sensibilität im Umgang mit den Opfern
heute in der Bearbeitung und für die Zeit, die man sich für die
persönlichen Gespräche genommen hat. Vor allem letzteres ist
unabhängig von den Entschädigungen und zugesprochenen Therapien von
größter Wichtigkeit.“
Ende der Frist für Entschädigungen zu Jahresende 2016 –
Ab 2017 neue Opferschutzstelle bei der NÖ Kinder- und
Jugendanwaltschaft
Noch bis zum 31. Dezember 2016 können sich Betroffene bei der
Erstanlaufstelle, der NÖ Kinder- und Jugendanwaltschaft, melden. Die
Prüfung und Bearbeitung durch Kommission und Beirat erfolgt dann im
Jahr 2017.
Das Land Niederösterreich ist sich aber auch weiterhin seiner
Verantwortung bewusst und etabliert mit Jahresbeginn 2017 eine neue,
eigenständige und ständige Opferschutzstelle bei der NÖ Kinder- und
Jugendanwaltschaft.
Betroffene, die sich ab 1. Jänner 2017 melden, erhalten hier auch
weiterhin eine fundierte Begleitung und notwendige weiterführende
Hilfe bei der Aufarbeitung „ihrer Geschichte“. Falls erforderlich und
gewünscht, werden auch Therapie, anlassbezogene Begleitung und
notwendige weiterführende Hilfen angeboten. Zuständig dafür wird Mag.
Christine Hansi, klinische Psychologin, sein. Sie wird sich direkt
und ausschließlich um die Anliegen der Opfer kümmern und von externen
Psychologinnen und Psychologen unterstützt werden.
Die Kinder- und Jugendanwältin des Landes Niederösterreich, Mag.
Gabriela Peterschofsky-Orange, hält dazu fest: „Die NÖ Kinder- und
Jugendanwaltschaft war bereits von Beginn an Erstanlaufstelle und hat
intensiv im Beirat mitgearbeitet, da die Wünsche und Erfahrungen der
Opfer bei Kindern und Jugendlichen, die heute außerhalb ihrer Familie
aufwachsen, berücksichtigt werden müssen und ebenso in den nun
Sozialpädagogischen Einrichtungen. Wir sind sehr froh über die
Unterstützung durch Mag. Christine Hansi, da sie bereits in den
vergangenen sechs Jahren maßgeblich in die Opferschutzarbeit des
Landes involviert war, und mit hoher fachlicher Kompetenz und
Professionalität aber auch notwendiger Sensibilität und Empathie die
Betroffenen begleitet und beraten hat.“
Kontaktdaten und Telefonnummer: Neue Opferschutzstelle bei der NÖ
Kinder & Jugendanwaltschaft (NÖ kija): Tel. 02742/90811, e-mail:
[email protected], www.kija-noe.gv.at
Die wissenschaftliche Aufarbeitung
Heute – Klima der Offenheit und Transparenz
Zur wissenschaftlichen Aufarbeitung wurde im Jahr 2012 vom Land
Niederösterreich ein Forschungsprojekt „Psychotraumatologische
Fragestellungen zu sexuellem Missbrauch und Gewalt in Einrichtungen
des Landes Niederösterreich“ bei der Fakultät für Psychologie der
Universität Wien an Ass.-Prof. in Dr. Brigitte Lueger-Schuster in
Auftrag gegeben.
Die forschungsleitende Frage galt dem Zusammenhang zwischen der
erlittenen Tat (Traumatisierung) und den in den Dokumenten der Opfer
sowie den festgestellten psychischen Folgen. Die Ergebnisse und
Empfehlungen wurden am 22. Mai 2013 in einem Projektbericht
veröffentlicht (unter http://ppcms.univie.ac.at/idex.php?id=3120
abrufbar).
„Wir wollen uns bei unserer zukünftigen Arbeit nicht ‚zurücklehnen‘,
sondern spüren die Verpflichtung als lernende Organisation, ob groß
oder klein, ständig an einer Verbesserung und Weiterentwicklung zu
arbeiten. Vor allem die Kernbotschaft der Empfehlungen aus dem
Forschungsprojekt der Universität Wien, soll uns in der
institutionellen Kinder- und Jugendbetreuung immer dazu anleiten, ein
Klima von Offenheit und Transparenz zu schaffen, nämlich: Jede
Mitarbeiterin und jeder Mitarbeiter soll ein safe-guard gegen
Missbrauch und Ausbeutung einer verletzlichen Gruppe von Menschen
sein“, so Dr. Otto Huber abschließend.
Nähere Informationen: Gruppe Gesundheit und Soziales, Leiter Dr. Otto
Huber, Opferschutzkoordination, Telefon 02742/9005-16378, e-mail
[email protected]
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