• 06.10.2016, 09:06:35
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Gipfelgespräch im Servitenviertel: Rheumatoide Arthritis

Experten beim Gipfelgespräch im Servitenviertel

Wien (OTS) - Der World Arthritis Day am 12. Oktober steht heuer ganz
unter dem Motto »It’s in your hands, take action«. In Österreich sind
etwa 60.000 Menschen von rheumatoider Arthritis betroffen. Die
Erkrankung entwickelt sich sehr rasch, wodurch nur ein kurzes
Zeitfenster für den sinnvollen Start einer Therapie verbleibt. Eine
von Eli Lilly unterstützte Expertenrunde beleuchtete beim
Gipfelgespräch im Servitenviertel, in Kooperation mit der Med Uni
Wien, der Österreichischen Rheumaliga und dem PERISKOP, die Situation
der Patienten vor 20 Jahren, heute und in der Zukunft.

Wesentlich für eine erfolgreiche Behandlung sind eine frühzeitige
Diagnose und eine rasche medikamentöse Therapie, um irreversible
Gelenksschäden zu vermeiden und die Lebensqualität und
Arbeitsfähigkeit der Betroffenen erhalten zu können. Bereits seit den
1990-iger Jahren werden neben der Schmerzbehandlung auch
Basistherapeutika eingesetzt. Führen diese nicht zum gewünschten
Erfolg, kommen Biologika zum Einsatz, deren Wirkung auf der gezielten
Hemmung der entzündungsfördernden Botenstoffe beruht. Diese
Medikamente haben in den letzten 20 Jahren den Verlauf der Erkrankung
revolutioniert, sodass heute Krankheitsstillstand, das
Behandlungsziel darstellt. Die Entwicklung der Versorgungssituation
bis hin zu den heute geltenden Standards wurde von den anwesenden
Experten erörtert und den künftig zu bewältigenden
versorgungspolitischen Herausforderungen, mit klarem Fokus auf den
Patienten und vor allem der Frage nach neuen therapeutischen
Möglichkeiten, um auch in Zukunft die Versorgung der Betroffenen
weiter zu optimieren.

Aktionstag: World Arthritis Day

Millionen Menschen leben weltweit mit Rheuma – ein Überbegriff für
mehr als hundert Krankheitsbilder. Eine häufige Form ist die
rheumatoide Arthritis. Frauen sind dabei dreimal häufiger betroffen
als Männer. Im Vorfeld des World Arthritis Day setzte Eli Lilly mit
dem Gipfelgespräch im Servitenviertel ein Zeichen der Solidarität mit
den Erkrankten und schärfte das Bewusstsein für die schwere
chronische Erkrankung und deren Behandlungsmöglichkeiten. Direkt aus
Betroffenensicht schildert Walter Strobl, Leiter Selbsthilfegruppe
„Rheuma“ Burgenland Österreichische Rheumaliga, seinen Alltag mit
Morbus Still: „Seit meinem ersten Lebensjahr leide ich an dieser
Krankheit. Wenn Rheuma-Schübe auftreten, bin ich sehr stark in meiner
Lebensqualität eingeschränkt und kann meinen Beruf teilweise nicht
ausüben. Die letzten Jahre waren aufgrund der zahlreichen Operationen
und zum Teil heftigen Rheumaschüben eine sehr schmerzintensive Zeit.
Therapien und Medikamente haben sich in den letzten Jahrzehnten
definitiv stark verbessert, wobei aus meiner Sicht im Bereich bei
Rheumaerkrankung noch großer Handlungsbedarf besteht, insbesondere in
Bezug auf Kur-/Rehaaufenthalte, kurzfristige Versorgung durch
Rheumatologen und Verkürzung der Wartezeiten auf einen
Behandlungstermin.“

Versorgungssituation in Österreich: eine Bestandsaufnahme

In den letzten Jahren hat sich hinsichtlich der Versorgungssituation
in Österreich viel getan: Die Überweisung vom praktischen Arzt zum
Facharzt erfolgt rascher, Akutsprechstunden wurden eingeführt und
Rheumaschwester übernehmen Teile der Patientenbetreuung.
Akutsprechstunden dauern im Schnitt 15 Minuten und sollten
flächendeckend eingeführt werden, um allen Patienten einen zeitnahen
Termin zu offerieren. Dr. Rudolf Puchner, niedergelassener Internist
aus Wels, setzt sich in Oberösterreich seit drei Jahren stark dafür
ein: „Eine flächendeckende Einführung von Akutsprechstunden wäre
natürlich wünschenswert, aber dies ist noch ein weiter Weg. Die
Gesellschaft für Rheumatologie und Rehabilitation würde sich
natürlich eine gleichmäßige Verteilung von Spezialisten wünschen. In
Oberösterreich arbeiten wir momentan an einer Untersuchung, um alle
Neuerkrankungen von Patientinnen mit rheumatoider Arthritis in einem
bestimmten Zeitraum zu erfassen. Dies wird in Oberösterreich auch von
der Gebietskrankenkasse, der Ärztekammer und dem Land unterstützt.
Die Kenntnis über die Anzahl der pro Jahr an RA neuerkrankten
Patientinnen hat nicht nur für Oberösterreich sondern für den
europäischen Zentralraum eine nicht unwesentliche
gesundheitsökonomische Dimension und leistet zudem einen Beitrag im
Sinne der Versorgungsforschung.“

Aus Sicht der Patienten sieht Dr. Sigrid Pilz, Wiener Pflege- und
Patientenanwältin, den Lifestyle-Faktor als essenzielle Säule in der
Therapie. Dazu gehört Gesundheitswissen, Handlungswissen und eine
realistische Einschätzung der Behandlungsziele. „Ich sehe es als
Aufgabe der Primärversorgung, Patienten in einer Art Coaching zu
begleiten und sie über die Wichtigkeit von Ernährung und Bewegung
aufzuklären. Uns ist es besonders wichtig, dass ein Wissenstransfer
bei den Patienten stattfindet. Wenn es um große Versorgungsdefizite
geht, dann brauchen wir dringend die Forschung, um weiterzukommen.
Ich sehe gerade bei der Gruppe der sozial benachteiligten ein großes
Verbesserungspotenzial. Die richtige Versorgungsebene und Verteilung
für alle, egal ob im urbanen oder ruralen Raum – das wünsche ich mir
für die Zukunft. Ein kritisches Auge sollte man auf die Über- und
Fehlversorgung werfen“, so Pilz abschließend.

Raum für Besserungen trotz Fortschritt

Es gibt allerdings nach wie vor zu wenige Rheumatologen vor allem im
niedergelassenen Bereich und lange Wartezeiten an den Ambulanzen.
Generell ist die Betreuung der Patienten aufwendig, da Rheumatoide
Arthritis eine chronische Erkrankung ist, die in Schüben verläuft,
Beeinträchtigungen in alle Lebensbereichen mit sich bringt. Das
Medikamentenmanagement ist komplex, da subkutane/iv Applikation der
Biologika. Bis dato sind ausschließlich parenterale Biologika bei
Rheumatoide Arthritis verfügbar. Beim Treat to target-Konzept ist das
Ziel die Remission (temporäre oder dauerhafte Nachlassen von
Krankheitssymptomen). Trotz vieler Therapien ist die Remissionsrate
noch immer zu niedrig (< 50% in Registern). Und es existieren noch
immer keine Marker, um die Wirksamkeit verschiedener Biologika
vorherzusagen (Trial and Error-Prinzip). Ein schnelles Abklären und
rasches Handeln verkürzt die Dauer einer nutzlosen Therapie.

Die Wichtigkeit der Reha, in der man drei bis 6 Wochen von einem
umfassenden ärztlichen Team betreut wird, bestehend aus Psychologen
und Diätologen, sollte weiter an Bedeutung gewinnen. Prim. Doz. Dr.
Valerie Nell-Duxneuner, Ärztliche Leiterin Klinikum Peterhof & Ludwig
Boltzmann Institut für Epidemiologie rheumatischer Erkrankungen,
dazu: „Wir müssen bei den Patienten flexibler und maßgeschneiderter
vorgehen, im Sinne einer personalisierten Rehabilitation. In den
letzten Jahren haben wir neben der stationären Rehab auch eine
vollkommen gleichwertige ambulante Rehab anzubieten. Das ist vor
allem interessant für berufstätige Patienten, die dadurch weiter im
Berufs- und Privatleben eingegliedert sein können. Für die Zukunft
müssen wir an einem viel leichteren Zugang für den Patienten zur
Therapie und mehr Bewilligungen für Patienten arbeiten. Um diese zu
identifizieren muss die Awareness auch unter den zuweisenden Ärzten
gesteigert werden.“

Viele Patienten leiden trotz Therapie noch immer unter täglichen
Schmerzen, Morgensteifigkeit, Müdigkeit. Die Betreuung durch
Gesundheitsberufe sollte von der Diagnose bis hin zur Therapie gehen.
Mag. Martin Schaffenrath, Vorsitzender-Stv. des Verbandsvorstandes im
Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungsträger,
artikuliert folgende Anliegen: „Anlässlich des World Arthritis Day’s
wünsche ich mir, dass den Patienten mehr Zeit im Arztgespräch
geschenkt und individuelle Therapiepläne mit umfassenden
Informationen erstellt werden. Die Gesundheitskompetenz und das
Wissen über die eigene Gesundheit halte ich für einen der wichtigsten
Faktoren in Bezug auf die Gesundheitserhaltung. Prävention und
Vorsorgemedizin ist der Schlüssel dafür und hier müssen wir seitens
der öffentlichen Träger noch mehr Geld in die Hand nehmen. Auch eine
schnellere und effizientere Wiedereingliederung in den Beruf nach der
Krankheit ist ein weiteres Ziel, das wir als Sozialversicherung
forcieren müssen.“

Behandlung: damals und heute

Seit Einführung der Biologika stehen viele Behandlungsoptionen zur
Verfügung, die den Krankheitsverlauf beeinflussen und irreversible
Gelenksschäden verhindern können. Dem Therapieziel konnte damit sehr
nahe gekommen werden, allerdings erreichen nach wie vor nicht alle
Patienten dieses. Darüber hinaus bleiben PROs („Patient Reported
Outcomes“) hinzureichend adressiert, wie Schmerz, Fatigue und
Müdigkeit, die den Patienten im Alltag ebenso massiv beeinträchtigen.
Hinzukommt, dass Diskrepanzen zwischen klinischen Zielen und den
Bedürfnissen von Patienten bestehen. Die Bedeutsamkeit der raschen
Diagnose und Überweisung zum Facharzt ist ebenso wichtig wie die
Kommunikation zwischen Praktiker und Facharzt. Das bestätigt auch Dr.
Christoph Dachs, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für
Allgemeinmedizin: „Ich sehe es als wichtigste Aufgabe von uns
Allgemeinmedizinern, dass wir die Früherkennung und Erstdiagnostik
vornehmen. Für die manchmal nicht einfache Diagnose Rheuma spielt die
Zusammenarbeit mit den Rheumatologen eine wichtige Rolle. Wir haben
in Salzburg die eher gute Situation, dass wir im Gegensatz zu anderen
Bundesländern mehrere Rheumatologen oder spezifische Ambulanzen zur
Verfügung haben - auch am Land. Die Begleitung des Patienten ist im
Zeitalter von Polypharmazie eine wichtige Aufgabe der
Hausarztmedizin. Die Abstimmungsprozesse der medikamentösen Therapie
müssen aber immer in enger Kooperation mit dem Rheumatologen
erfolgen.“ Für die Zukunft wünscht Dachs sich verbesserte Strukturen
in der Zusammenarbeit im Fach- und im niedergelassenen Bereich und
Awareness nach Innen bei den Allgemeinmedizinern.

Unmet Need: Hausaufgaben für die Zukunft

Nach wie vor ist keine kurative oder präventive Therapie in Sicht.
Das heißt, dass Patienten mit einer chronischen und lebenslangen
Krankheit und Therapie umgehen müssen. Ein klarer Fokus für die
Zukunft muss auf die Betreuungsoptimierung gelegt werden. Die
Stärkung der Rolle der Patienten und deren persönlicher Therapieziele
(z.B. Schmerzfreiheit) ist genauso essenziell, wie der
Therapieentscheidungsprozess. Sogenannte Shared Decisions zwischen
Arzt und Patient ist eines der Grundprinzipien der EULAR-Leitlinien
und damit kann auch die Therapiecompliance verbessert werden. „Die
offenen Punkte sehe ich bei den Versorgungsdaten, die wir gerne mit
klinischen Daten kombinieren würden um spannende Fragestellungen zur
Versorgungssituation analysieren zu können. Im Bereich der Register
sind wir in Österreich auch noch im Anfangsstadium. Größere
Datenmengen und die Vernetzung verschiedener Datenquellen ist aus
meiner Sicht zielführend und eine klare Zukunftsaufgabe. Außerdem
sollte man an der Zusammenarbeit von Patienten, Rheumatologen und
Gesundheitspersonal weiter arbeiten, um eine noch engere Vernetzung
zum Wohle der Patienten zu erreichen“, postuliert Univ.-Prof. Dr.
Tanja Stamm, Leiterin des Instituts für Outcomes Research an der Med
Uni Wien.

Zukunftsperspektive: ein Blick nach vorne

In die nahe Zukunft geblickt ist zu erwarten ist, dass durch neue
Therapien mit alternativen Wirkansätzen und Darreichungsformen
bislang ungedeckte Bedürfnisse adressiert werden können. Neue
Therapieoptionen, neue Wirkmechanismen und Applikationsformen
(Tabletten, etc.) vergrößern die Möglichkeiten einer individuellen
Therapie. Dem stimmt auch Prim. Univ.-Prof. Dr. Josef Smolen, Leiter
der Universitätsklinik für Innere Medizin III an der Med Uni Wien,
zu: „Wir haben messen gelernt. Wir haben Instrumente entwickelt, die
bei der Messung des Endpunktes einer klinischen Studie und neuen
Therapie tatsächlich zwischen Scheinmedikament oder
Kontrollmedikament und besonders aktivem Medikament differenzieren
kann. Wir haben neue Medikamente entwickelt und gelernt mit den alten
Medikamenten besser umzugehen. Wir haben Biologika etabliert und vor
allem die TNF-Blocker waren damals ein dramatischer Fortschritt.“

Die Teilnehmer (in alphabetischer Reihenfolge):

-Dr. Christoph DACHS | Präsident der Österreichischen Gesellschaft
für Allgemeinmedizin
-Prim. Doz. Dr. Valerie NELL-DUXNEUNER | Ärztliche Leiterin Klinikum
Peterhof & Ludwig Boltzmann Institut für Epidemiologie rheumatischer
Erkrankungen
-Dr. Sigrid PILZ | Wiener Pflege- und Patientenanwältin
-Dr. Rudolf PUCHNER | niedergelassener Internist aus Wels
-Mag. Martin SCHAFFENRATH | Vorsitzender-Stv. des Verbandsvorstandes
im Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungsträger
-Prim. Univ.-Prof. Dr. Josef SMOLEN | Leiter der Universitätsklinik
für Innere Medizin III an der Med Uni Wien
-Univ.-Prof. Dr. Tanja STAMM  | Leiterin des Instituts für Outcomes
Research an der Med Uni Wien
-Walter Strobl  | Leiter Selbsthilfegruppe „Rheuma“ Burgenland
Österreichische Rheumaliga (ÖRL)
-Moderation: Robert RIEDL | PERI Group

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