„Menschen & Mächte“-Doku „Anklage Massenmord – 70 Jahre Nürnberger Prozess“ am 28. September um 22.30 Uhr in ORF 2

Danach: Stanley Kramers Gerichtsdrama „Das Urteil von Nürnberg“

Wien (OTS) - „Ich bekenne mich nicht schuldig!“ Arthur Seyß-Inquart leugnete jede Mitschuld an den Verbrechen des „Dritten Reiches“, genauso wie Ernst Kaltenbrunner, der zweite österreichische Angeklagte und alle anderen 20 Angeklagten im Hauptkriegsverbrecherprozess von Nürnberg. Mit seinen Urteilen machte das Nürnberger Tribunal Geschichte und wurde zu einem Meilenstein auf dem Weg zu Frieden und Menschenrechten. Zum 70. Jahrestag der Urteilsverkündung 1946 analysieren Robert Gokl und Gregor Stuhlpfarrer in der „Menschen & Mächte“-Dokumentation „Anklage Massenmord“ am Mittwoch, dem 28. September 2016, um 22.30 Uhr in ORF 2 die Umstände des Prozesses und seine Auswirkungen bis in die Gegenwart.

Um 23.30 Uhr folgt Stanley Kramers Gerichtsdrama „Das Urteil von Nürnberg“: In seiner Oscar-Rolle als Hans Rolfe verteidigt Maximilian Schell vier ehemalige NS-Richter (Spencer Tracy, Burt Lancaster, Kenneth MacKenna, Ray Teal) vor dem amerikanischen Militärgericht. Während sich drei von ihnen im Sinne der Anklage nicht schuldig fühlen, hüllt sich der vierte in Schweigen. Mit fortschreitender Prozessdauer werden die Verbrechen und schuldhaften Verstrickungen der NS-Zeit schmerzhaft in Erinnerung gerufen. In weiteren Rollen sind Marlene Dietrich, Judy Garland, Montgomery Clift und William Shatner zu sehen. ORF 2 zeigt eine restaurierte Fassung des 1961 entstandenen Spielfilms im Zweikanalton englisch und deutsch.

„Wir haben die Lektion von Nürnberg gelernt!“ Siegfried Ramler ist einer der letzten noch lebenden Zeitzeugen des Nürnberger Prozesses. Als Kind aus einer Wiener jüdischen Familie musste er 1938 in einem Kindertransport nach London flüchten. Nach Kriegsende war er Dolmetscher beim Nürnberger Prozess, heute lebt er in Hawaii. Erstmals im ORF erzählt er über seine Erlebnisse in Nürnberg von 1945 bis 1949: „Ich musste damals dabei sein und alles übersetzen. Heute macht mich das stolz, weil seit damals jeder Politiker die Prinzipien von Völkerrecht und Menschlichkeit beachten muss.“

Arthur Seyß-Inquart glaubte noch, niemals für seine Mitwirkung am „Anschluss“ und vor allem für seine Verbrechen als Reichskommissar der Niederlande zur Verantwortung gezogen zu werden. „An seinen Händen klebte zwar kein Blut, aber er war mitverantwortlich für die Deportation der Juden, für die Unterdrückung des Widerstandes, für die Erschießung von Geiseln und Ähnliches“, meint Andreas Mix, wissenschaftlicher Leiter des „Memorium Nürnberger Prozesse“, das heute in Nürnberg die Geschichte des Prozesses dokumentiert und aufarbeitet.

„Mein Vater hat mir die Hand zurückgerissen und gesagt: Das werden Gerichte entscheiden, Rudi!“ Rudolf Gelbard wurde von seinem Vater 1945 daran gehindert, Rache zu nehmen an den Wachmannschaften des KZ Theresienstadt. Als Fünfzehnjähriger war er dort von sowjetischen Truppen befreit worden. Ein Rechtsanwalt aus Oberösterreich wurde für Völkermord und Massenmord in den Konzentrationslagern verantwortlich gemacht: Ernst Kaltenbrunner, Chef des Reichssicherheitshauptamtes der SS. Kaltenbrunner aber lehnte jede Verantwortung ab: „Ich glaube, mich nicht schuldig gemacht zu haben.“ „Wie kleine Diebe haben auch diese Leute, die früher die absolute Macht hatten, versucht, ihr kleines Leben zu retten!“, meint Hans Kauffmann, der Sohn des Verteidigers von Ernst Kaltenbrunner.

„Mein Mann hat sich verpflichtet gefühlt, seine Kameraden, die man getötet hat, in Nürnberg zu rechtfertigen“, meint die Witwe des wichtigsten Zeugen der Anklage: Generalmajor der Wehrmacht Erwin Lahousen. Erwin Lahousens Zeugenaussagen belegen die Verantwortung der politischen und der militärischen Führung für die Verbrechen auf den Kriegsschauplätzen in ganz Europa. „Lahousen ist ein kleines Ruhmesblatt für Österreich! Österreich hat nicht nur Kriegsverbrecher für Nürnberg geliefert! Österreich hat auch einen Lahousen geliefert!“, meint der Zeitzeuge und Wissenschaftsjournalist Hellmut Butterweck.

Auf den Hauptkriegsverbrecherprozess folgen in Nürnberg zwölf Nachfolgeprozesse; parallel dazu werden in ganz Europa NS-Verbrecher vor Gericht gestellt. In Österreich folgt auf die Phase der Volksgerichtsprozesse eine Zeit der Verdrängung und des Vergessens. Gleichzeitig kommt es weltweit zu neuen Verbrechen: Vietnam, Afghanistan, Jugoslawien, Ruanda, Syrien. Die Überlebenden fordern Gerechtigkeit, die Täter werden nur selten verurteilt. Hellmut Butterweck: „Natürlich hofft man, dass die Weltgeschichte ein Weg aufwärts ist. Aber die Hoffnung von 1945, dass das jetzt schon so weit ist, war leider verfrüht.“

Aber ohne Nürnberger Prozess keine Erklärung der Menschenrechte, keine Gründung der UNO, kein Srebrenica- oder Ruanda-Tribunal. Und kein ständiger internationaler Strafgerichtshof in Den Haag, der seit 2002 die Prinzipien des Nürnberger Prozesses fortführt. Jurist und Rechtshistoriker Klaus Kastner: „Der Strafgerichtshof in Den Haag heute wäre nicht vorstellbar ohne die Entwicklungen in Nürnberg der Jahre 1945 bis 1949.“

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