Offener Brief von Präsident Reisner, NÖ Ärztekammer, an Patientenanwalt Bachinger

Wien (OTS) - Sehr geehrter Herr Dr. Bachinger!

Am Donnerstag letzter Woche haben Sie im Ö1-Morgenjournal den Vorschlag des SPÖ-Gesundheitssprechers Spindelberger zur Abschaffung des Wahlarztsystems unterstützt. Sie haben ausgeführt, dass die Kostenerstattung für Wahlärzte eine öffentliche Subventionierung für die Wahlfreiheit jener ist, die es sich leisten können, einen Wahlarzt aufzusuchen; jene, die es sich nicht leisten könnten, würden in einen zweitklassigen kassenärztlichen Bereich abgedrängt.

Der von Ihnen unterstützte Vorschlag des SPÖ-Gesundheitssprechers hat eine breite Ablehnung erfahren und wurde von der Frau Gesundheitsministerin als Privatmeinung abgetan. Und dies aus guten Gründen. Österreichweit sorgen Kassenärzte gemeinsam mit Wahlärzten für die medizinische Versorgung im niedergelassenen Bereich. Die Streichung der Kostenerstattung mit der Zwei-Klassen-Medizin zu begründen, ist daher zynisch, weil dies gerade finanziell weniger gut gestellte Patienten schlechter verkraften könnten. Weshalb gerade Sie sich als Patientenanwalt dieser Einzelmeinung so vehement anschließen, ist mir unerklärlich.

Aber damit nicht genug: Sie sahen sich auch noch veranlasst, die österreichischen Kassenärzte als zweitklassig abzukanzeln. Damit desavouieren Sie eine Berufsgruppe, die sich unermüdlich für jene Menschen einsetzt, die Sie eigentlich vertreten sollten.

Ich war fast 20 Jahre als Wahlarzt tätig. Kein einziger Patient hat sich „gezwungen“ gefühlt, meine Wahlarztordination aufzusuchen, alle haben dies freiwillig getan. Seit einem Jahr bin ich als Vertragsarzt in einer Gruppenpraxis tätig, die sich großer Beliebtheit erfreut. Auch diese Ordination wird von allen Patienten freiwillig aufgesucht. Ich habe meine medizinische Denkweise und meine Arbeit inhaltlich in keiner Weise verändert. Ich kann allerdings die Behandlungszeiten nicht wie in der Vergangenheit anbieten. Mit welcher Begründung meinen Sie, dass ich nun seit einem Jahr „zweitklassige“ Medizin anbiete?

Selbst wenn man Ihrer absurden Argumentation folgen würde: Warum wollen Sie den Patienten – die SIE vorgeben zu vertreten – die Möglichkeit der „erstklassigen“ Medizin nehmen?

Ich frage Sie weiter: Warum hacken Sie in der Öffentlichkeit ständig auf der Ärzteschaft herum? Wir Ärztinnen und Ärzte sind die einzigen, die Gesundheitsprobleme von Patienten lösen können. Es gibt keine Alternativen – selbst Wunderheiler dürfen in Österreich nicht praktizieren.

Und ich frage Sie: Warum hinterfragen Sie nicht Organisationsstrukturen Ihres Dienstgebers? Warum kümmern Sie sich nicht darum, dass in ganz Niederösterreich Wartezeiten auf Planoperationen in allen Regionen durch Strukturänderungen homogenisiert werden? Warum stört es Sie nicht, dass die Patienten, die Sie vertreten sollten, in manchen Regionen 12 bis 16 Monate auf eine Operation warten, auf dieselbe Operation in einer anderen Region nur vier bis sechs Wochen?

Ihre unsachlichen und kreditschädigenden Anwürfe gegen Leistungsträger unseres Gesundheitssystems lassen entweder auf völlige Ahnungslosigkeit oder bewusste negative Stimmungsmache gegen die Ärzteschaft und das bestehende Krankenversicherungssystem schließen: Sie sollten wissen, dass Kassen- und Wahlärzte unter Beachtung derselben hohen Qualitätsstandards tätig werden.

Wahlärzte und Kassenärzte in Österreich sind zu regelmäßigen Fortbildungen verpflichtet. Würden Sie diesen Qualitätsanspruch auch für Ihre Tätigkeit in Anspruch nehmen, wären auch Sie darüber informiert, dass der überwiegende Anteil der österreichischen Bevölkerung den Ihrer Meinung nach „zweitklassigen“ Kassenärztinnen und Kassenärzten ein positives Urteil ausstellt.

Ebenso wäre Ihnen bekannt, dass sich die Ärztekammern in einem ernsthaften Dialog über die Weiterentwicklung des Kassensystems gemeinsam mit den Krankenversicherungsträgern befinden, und dass beispielsweise in Niederösterreich bereits rund 100 Gruppenpraxen etabliert wurden.

Von einem Patientenanwalt sollte man erwarten können, dass er sich sachlich an Diskussionen über die Zukunft der Primärversorgung beteiligt, sich tatsächlich um die Bedürfnisse der Patientinnen und Patienten kümmert und nicht permanent Angriffe auf den ärztlichen Berufsstand lanciert. Bedauerlicherweise beherzigen Sie dies nicht:
Ihre verbalen Entgleisungen führen unter den gegebenen – ohnehin nicht einfachen – Rahmenbedingungen zu einer Polarisierung der Diskussion über anstehende Gesundheitsthemen und behindern damit eine konstruktive Lösung.

Ich fordere Sie daher zu einer verbalen Abrüstung und einer besonnenen Ausübung Ihres Amtes auf und erwarte mir letztendlich auch eine Entschuldigung für diese ungeheuerliche Desavouierung eines ganzen Berufsstandes.

Mit freundlichen Grüßen
Dr. Christoph Reisner, MSc
Präsident der Ärztekammer für Niederösterreich

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