- 08.08.2016, 12:48:02
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Offener Brief von Präsident Reisner, NÖ Ärztekammer, an Patientenanwalt Bachinger
Wien (OTS) - Sehr geehrter Herr Dr. Bachinger!
Am Donnerstag letzter Woche haben Sie im Ö1-Morgenjournal den
Vorschlag des SPÖ-Gesundheitssprechers Spindelberger zur Abschaffung
des Wahlarztsystems unterstützt. Sie haben ausgeführt, dass die
Kostenerstattung für Wahlärzte eine öffentliche Subventionierung für
die Wahlfreiheit jener ist, die es sich leisten können, einen
Wahlarzt aufzusuchen; jene, die es sich nicht leisten könnten, würden
in einen zweitklassigen kassenärztlichen Bereich abgedrängt.
Der von Ihnen unterstützte Vorschlag des SPÖ-Gesundheitssprechers
hat eine breite Ablehnung erfahren und wurde von der Frau
Gesundheitsministerin als Privatmeinung abgetan. Und dies aus guten
Gründen. Österreichweit sorgen Kassenärzte gemeinsam mit Wahlärzten
für die medizinische Versorgung im niedergelassenen Bereich. Die
Streichung der Kostenerstattung mit der Zwei-Klassen-Medizin zu
begründen, ist daher zynisch, weil dies gerade finanziell weniger gut
gestellte Patienten schlechter verkraften könnten. Weshalb gerade Sie
sich als Patientenanwalt dieser Einzelmeinung so vehement
anschließen, ist mir unerklärlich.
Aber damit nicht genug: Sie sahen sich auch noch veranlasst, die
österreichischen Kassenärzte als zweitklassig abzukanzeln. Damit
desavouieren Sie eine Berufsgruppe, die sich unermüdlich für jene
Menschen einsetzt, die Sie eigentlich vertreten sollten.
Ich war fast 20 Jahre als Wahlarzt tätig. Kein einziger Patient
hat sich „gezwungen“ gefühlt, meine Wahlarztordination aufzusuchen,
alle haben dies freiwillig getan. Seit einem Jahr bin ich als
Vertragsarzt in einer Gruppenpraxis tätig, die sich großer
Beliebtheit erfreut. Auch diese Ordination wird von allen Patienten
freiwillig aufgesucht. Ich habe meine medizinische Denkweise und
meine Arbeit inhaltlich in keiner Weise verändert. Ich kann
allerdings die Behandlungszeiten nicht wie in der Vergangenheit
anbieten. Mit welcher Begründung meinen Sie, dass ich nun seit einem
Jahr „zweitklassige“ Medizin anbiete?
Selbst wenn man Ihrer absurden Argumentation folgen würde: Warum
wollen Sie den Patienten – die SIE vorgeben zu vertreten – die
Möglichkeit der „erstklassigen“ Medizin nehmen?
Ich frage Sie weiter: Warum hacken Sie in der Öffentlichkeit
ständig auf der Ärzteschaft herum? Wir Ärztinnen und Ärzte sind die
einzigen, die Gesundheitsprobleme von Patienten lösen können. Es gibt
keine Alternativen – selbst Wunderheiler dürfen in Österreich nicht
praktizieren.
Und ich frage Sie: Warum hinterfragen Sie nicht
Organisationsstrukturen Ihres Dienstgebers? Warum kümmern Sie sich
nicht darum, dass in ganz Niederösterreich Wartezeiten auf
Planoperationen in allen Regionen durch Strukturänderungen
homogenisiert werden? Warum stört es Sie nicht, dass die Patienten,
die Sie vertreten sollten, in manchen Regionen 12 bis 16 Monate auf
eine Operation warten, auf dieselbe Operation in einer anderen Region
nur vier bis sechs Wochen?
Ihre unsachlichen und kreditschädigenden Anwürfe gegen
Leistungsträger unseres Gesundheitssystems lassen entweder auf
völlige Ahnungslosigkeit oder bewusste negative Stimmungsmache gegen
die Ärzteschaft und das bestehende Krankenversicherungssystem
schließen: Sie sollten wissen, dass Kassen- und Wahlärzte unter
Beachtung derselben hohen Qualitätsstandards tätig werden.
Wahlärzte und Kassenärzte in Österreich sind zu regelmäßigen
Fortbildungen verpflichtet. Würden Sie diesen Qualitätsanspruch auch
für Ihre Tätigkeit in Anspruch nehmen, wären auch Sie darüber
informiert, dass der überwiegende Anteil der österreichischen
Bevölkerung den Ihrer Meinung nach „zweitklassigen“ Kassenärztinnen
und Kassenärzten ein positives Urteil ausstellt.
Ebenso wäre Ihnen bekannt, dass sich die Ärztekammern in einem
ernsthaften Dialog über die Weiterentwicklung des Kassensystems
gemeinsam mit den Krankenversicherungsträgern befinden, und dass
beispielsweise in Niederösterreich bereits rund 100 Gruppenpraxen
etabliert wurden.
Von einem Patientenanwalt sollte man erwarten können, dass er sich
sachlich an Diskussionen über die Zukunft der Primärversorgung
beteiligt, sich tatsächlich um die Bedürfnisse der Patientinnen und
Patienten kümmert und nicht permanent Angriffe auf den ärztlichen
Berufsstand lanciert. Bedauerlicherweise beherzigen Sie dies nicht:
Ihre verbalen Entgleisungen führen unter den gegebenen – ohnehin
nicht einfachen – Rahmenbedingungen zu einer Polarisierung der
Diskussion über anstehende Gesundheitsthemen und behindern damit eine
konstruktive Lösung.
Ich fordere Sie daher zu einer verbalen Abrüstung und einer
besonnenen Ausübung Ihres Amtes auf und erwarte mir letztendlich auch
eine Entschuldigung für diese ungeheuerliche Desavouierung eines
ganzen Berufsstandes.
Mit freundlichen Grüßen
Dr. Christoph Reisner, MSc
Präsident der Ärztekammer für Niederösterreich
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