Wittgenstein-Preis 2016 an Neurowissenschafter Peter Jonas

Sechs Spitzennachwuchsforscherinnen und -forscher in das prestigeträchtige START-Programm aufgenommen

Wien (OTS/FWF) - Staatssekretär Harald Mahrer und FWF-Interimspräsidentin Christine Mannhalter gaben heute im Rahmen einer gemeinsamen Pressekonferenz den diesjährigen Wittgenstein-Preisträger sowie die sechs, dieses Jahr in das START-Programm aufgenommenen Spitzennachwuchswissenschafterinnen und -wissenschafter bekannt. Bei der Pressekonferenz war neben den Ausgezeichneten auch der Vorsitzende der Internationalen START/Wittgenstein-Jury, Julius Rebek, anwesend.

„Ich gratuliere dem diesjährigen Wittgenstein-Preisträger Peter Jonas im Namen des FWF sehr herzlich zu seiner Auszeichnung“, so FWF-Interimspräsidentin Christine Mannhalter. „Auch den sechs neu in das START-Programm aufgenommenen Forscherinnen und Forschern möchte ich zu ihrem Erfolg gratulieren. Sie haben sich in einem höchst kompetitiven Umfeld und einem Hearing vor der internationalen Jury durchgesetzt – darauf können Sie zu Recht sehr stolz sein“, so Mannhalter, und weiter: „Sowohl Wittgenstein als auch START zeigen einmal mehr, wie stark Österreich in der Grundlagenforschung aufgestellt ist. Ich wünsche allen heute Ausgezeichneten viel Erfolg bei ihren Forschungsprojekten.“

Neben der Vorstellung der diesjährigen Preisträgerinnen und Preisträger präsentierte Christine Mannhalter die Ergebnisse der Evaluation der beiden Programme START und Wittgenstein, die von Fraunhofer ISI und der KMU Forschung Austria durchgeführt wurde. „Wir waren selbst überrascht, wie umfassend und deutlich sich die positiven Auswirkungen der beiden Programme sowohl in der quantitativen als auch der qualitativen Analyse zeigten. Gefreut haben wir uns auch über die sehr gute Bewertung des Programm-Managements“ berichtete Christine Mannhalter und erklärte weiter, dass seitens der Evaluatorinnen eine Fortsetzung der beiden Programme ohne Einschränkung empfohlen wurde.

Wittgenstein 2016

Peter Jonas ist einer der weltweit führenden Neurowissenschafter und besonders bekannt für seine Beiträge zum Verständnis der synaptischen Übertragung in neuronalen Mikroschaltkreisen. In seiner Forschung beschäftigt sich Peter Jonas mit der synaptischen Übertragung, d.h. er untersucht, wie Synapsen die Kommunikation zwischen Neuronen ermöglichen. Da das menschliche Gehirn über ungefähr 10 Milliarden Neurone und eine Trilliarde Synapsen verfügt, stellt das Verständnis der Funktionsweise dieser neuronalen Mikroschaltkreise eine der größten Herausforderungen in den Biowissenschaften des 21. Jahrhunderts dar. Die Förderung durch den Wittgenstein-Preis wird es Peter Jonas ermöglichen, einer weiteren besonders spannenden Frage in den Neurowissenschaften nachzugehen: Dem Zusammenhang zwischen Struktur und Funktion bei der synaptischen Signalübertragung. Zielsetzung ist es, strukturelle Änderungen bei der synaptischen Übertragung durch Kombination von optischer Stimulation und elektronenmikroskopischer Analyse nachzuweisen. Diese Untersuchungen werden zu einem präzisen molekular-strukturell-funktionellen Bild der Signalübertragung an exzitatorischen und inhibitorischen Synapsen führen. Mit einem interdisziplinären Ansatz möchte Peter Jonas, teilweise zusammen mit anderen Forschungsgruppen am IST Austria, eine der Grundfragen der Neurowissenschaften klären: Wie strukturelle Korrelate von synaptischer Übertragung und synaptischer Plastizität aussehen. 

Peter Jonas, geboren 1961, schloss das Medizinstudium an der Universität Gießen 1987 ab. Nach Anstellungen als Postdoc in Gießen und als wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Gruppe von Prof. Bert Sakmann (Nobelpreisträger für Physiologie und Medizin 1991) am Max-Planck-Institut für medizinische Forschung in Heidelberg wurde er zum außerordentlichen Professor an der Technischen Universität München berufen. Im Jahr 1995 wechselte Jonas als ordentlicher Professor und Abteilungsleiter an das Physiologische Institut der Universität Freiburg, bevor er 2010 am Institute of Science and Technology Austria (IST Austria) eine Professur antrat. Jonas war der erste Neurowissenschaftler am IST Austria und bildete somit den Beginn einer erfolgreichen Entwicklung eines neurowissenschaftlichen Schwerpunktes des Instituts. Er ist Mitglied der deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina und der Academia Europaea. Er wurde unter anderem mit dem Adolf-Fick-Preis und dem Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Preis ausgezeichnet und ist Mitglied der Redaktionskomitees der renommierten Fachzeitschriften Science und Neuron. Jonas ist zweifacher Preisträger des prestigeträchtigen und höchst kompetitiven ERC Advanced Grant, den er in den Jahren 2010 und 2016 erhielt.

Der Wittgenstein-Preis richtet sich an exzellente Forscherinnen und Forscher aller Fachdisziplinen, die herausragende Leistungen erbracht haben. Die mit 1,5 Mio. € dotierte Auszeichnung unterstützt die Forschung des Preisträgers und garantiert Freiheit und Flexibilität bei der Durchführung der Forschungsarbeiten. Den Wittgenstein-Preisträgerinnen und -Preisträgern wird damit eine außergewöhnliche Steigerung ihrer wissenschaftlichen Leistungen ermöglicht.

Insgesamt wurden 22 Persönlichkeiten für den Wittgenstein-Preis 2016 nominiert. Der Entscheidungsvorschlag – basierend auf Fachgutachten ausländischer Expertinnen und Experten – wurde von der Internationalen START/Wittgenstein-Jury zusammengestellt. Die Jury setzt sich aus renommierten Wissenschafterinnen und Wissenschaftern aus dem europäischen und außereuropäischen Ausland zusammen, um eine bestmögliche Objektivierung der Entscheidung sicherzustellen. Die Jury tagte Ende letzter Woche unter der Vorsitzführung von Julius Rebek, Direktor des Skaggs Institute of Chemical Biology und Professor am Scripps Research Institute, USA.

„In the name of the jury I want to congratulate Peter Jonas of the Institute of Science and Technology Austria”, so Juryvorsitzender Julius Rebek, und weiter: „The Wittgenstein award is a tribute to his many contributions to neuroscience. He has developed experimental models and methods that changed our view of how nerve cells transmit information”.

START 2016

Neben dem Wittgenstein-Preis wurden 2016 sechs Spitzennachwuchsforscherinnen und -nachwuchsforscher aus 70 Bewerbungen mit der START-Förderung ausgezeichnet. Das START-Programm richtet sich an junge Spitzenforschende aller Fachdisziplinen, denen die Möglichkeit gegeben wird, auf längere Sicht und finanziell weitgehend abgesichert ihre Forschungen zu planen. START-Projektleiterinnen und -Projektleiter sollen sich durch den eigenverantwortlichen Aufbau bzw. Ausbau und Leitung einer Arbeitsgruppe für eine Führungsposition im Wissenschaftssystem qualifizieren. Die START-Projekte sind mit jeweils bis zu 1,2 Mio. € dotiert. 

Die im Jahr 2016 neu in das START-Programm aufgenommenen Wissenschafterinnen und Wissenschafter – in alphabetischer Reihenfolge – sind:

Christopher Campbell
Ursachen und Folgen der chromosomale Instabilität
Department für Chromosomenbiologie, Max F. Perutz Labarotories
Universität Wien
christopher.campbell@univie.ac.at

Michael Eichmair
Isoperimetrische Struktur von Anfangsdaten der Einstein-Gleichungen
Fakultät für Mathematik
Universität Wien
michael.eichmair@univie.ac.at

Harald Grobner
Spezielle L-Werte und p-adische L-Funktionen
Fakultät für Mathematik
Universität Wien
harald.grobner@univie.ac.at

Felix Höflmayer
Transformationen in der Südlevante zwischen Kollaps und Konsolidierung
Institut für Orientalische und Europäische Archäologie
Österreichische Akademie der Wissenschaften
Felix.Hoeflmayer@oeaw.ac.at

Nikolai Kiesel
Thermodynamik mit levitierter Optomechanik
Quantum Optics, Quantum Nanophysics, Quantum Information
Universität Wien
nikolai.kiesel@univie.ac.at

Tracy Northup
Quantenoptomechanik mit Nanokugeln und Ionen
Institut für Experimentalphysik
Universität Innsbruck
tracy.northup@uibk.ac.at

START-Programm-Evaluation

Das START-Programm, so die Evaluatorinnen, „addresses all the relevant elements needed to promote scientific excellence and help develop the careers of young researchers.“ Ein wesentliches Element der Evaluation war der Einsatz von Vergleichs- und Kontrollgruppen, um eine klare Einschätzung der Programmwirkungen vornehmen zu können. Die Evaluatorinnen kamen hier zum Schluss, dass (a) die Erwartungen der Geförderten an das Programm zu einem hohen Grad erfüllt wurden; (b) der wissenschaftliche Output der Geförderten kontinuierlich über die Zeit stieg, und das schneller, umfangreicher und sichtbarer als jener der Kontrollgruppe; (c) die Geförderten international besser vernetzt waren als die Kontrollgruppe und mehr in internationalen Netzwerken publizierten; (d) viele Geförderte die Erfahrung aus ihren Projekten für den Aufbau neuer Kooperationen sowie in der Projektakquisition nutzten, und sich die Mehrheit stark in der Wissenschaftskommunikation engagierte. 

Zu den Zielen des START-Programms gehört auch, die Etablierung der Geförderten im österreichischen Wissenschaftssystem zu ermöglichen. Konsequenterweise wird dies auch von den jungen Projektleiterinnen und Projektleitern bestätigt, die START als „das“ Karriereinstrument des FWF ansehen.

Wittgenstein-Preis-Evaluation

Die Evaluierung zeigte sehr eindrücklich, dass der FWF mit dem Wittgenstein-Preis in seinem Portfolio über ein Instrument verfügt, das prädestiniert ist, unkonventionelle Forschung der Spitzenklasse zu fördern. Laut den Evaluatorinnen trug der Preis maßgeblich dazu bei, (a) neue Methoden zu entwickeln, (b) interdisziplinäre Wege in der Forschung zu beschreiten, und (c) neue Richtungen in der Forschung einzuschlagen. 

Wittgenstein-Preisträgerinnen und -Preisträger nutzten ihre Förderungsmittel zum größten Teil, um Nachwuchswissenschafterinnen und Nachwuchswissenschafter in ihre Gruppen zu integrieren. So haben in den letzten Jahren über 100 Personen im Rahmen von Wittgenstein-Projekten ihren Ph.D. abgeschlossen, einige von ihnen nutzten die Arbeit in diesen Projekten als Sprungbrett für ihre wissenschaftlichen Karrieren.

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