• 07.06.2016, 11:09:02
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WK Wien: Wiener Industrie und Produktionswirtschaft verlieren weiter an Boden

Seit 2001: Umwidmung von Wiener Betriebsflächen im Ausmaß von 640 Fußballfeldern, 40 Prozent der Industriebetriebe aus Wien weg – Industrie kritisiert Lohnnebenkosten, Bürokratie

Utl.: Seit 2001: Umwidmung von Wiener Betriebsflächen im Ausmaß von
640 Fußballfeldern, 40 Prozent der Industriebetriebe aus Wien
weg – Industrie kritisiert Lohnnebenkosten, Bürokratie =

Wien (OTS) - „Die Wiener brauchen nicht nur Wohnungen, sondern auch
dringend Jobs. Nur wo sollen diese Jobs entstehen, wenn immer mehr
Betriebe aus Wien abwandern“, hält Walter Ruck, Präsident der
Wirtschaftskammer Wien, in einer gemeinsamen Pressekonferenz mit
Industrie-Obmann Stefan Ehrlich–Adám zur Entwicklung des
Wirtschaftsstandorts Wien fest. Besonders heftig kritisiert Ruck die
jahrzehntelang praktizierte Widmungspolitik der Stadt Wien unter dem
Motto Wohnbau ist mehr wert als der Wirtschaftsstandort. Eine Analyse
der WK Wien hat ergeben, dass in Wien seit 2001 rund 460 ha
Betriebsfläche zugunsten des Wohnbaus dauerhaft verloren ging. Um es
plakativ darzustellen: „Das sind 640 Fußballfelder weniger Fläche für
die Arbeitgeberbetriebe in der Wiener Produktion. Die Wiener
Widmungspolitik ist ein klassisches Eigentor und eine schweres Foul
am Wirtschaftsstandort. Es braucht einen Strategiewechsel, wir
befinden uns bereits in der Nachspielzeit“, sagt Ruck, der auch
darauf verweist, dass jeder Job in der Industrie, drei weitere Wiener
Arbeitsplätze sichert.

Wie dramatisch die Auswirkungen des Betriebsflächenschwundes in Wien
sind, zeigen die Zahlen zu angesiedelten Industrieunternehmen und den
Beschäftigten in der Industrie. 2001 waren noch 1.143
Industriebetriebe mit mehr als 69.000 Beschäftigen am Standort Wien
tätig. 15 Jahre später sind es nur noch knapp 700 Unternehmen mit
50.700 Beschäftigten. Seit 1992 sind überhaupt 6 von 10
Industriebetrieben aus Wien weg.

Umfrage unter Wiener Industrieunternehmen
Wien als Industriestandort polarisiert zunehmend. Sowohl die Vorteile
als auch die Nachteile haben in den vergangenen Jahren zugelegt. Das
zeigt die alle zwei Jahre durchgeführte Mitgliederbefragung der
Sparte Industrie Wien. Von Ende Jänner bis Mitte März hat dafür das
Gallup-Institut Manager aus 162 Industriebetrieben – rund ein Viertel
aller Wiener Industriebetriebe – telefonisch befragt.

Bei den Standort-Vorteilen zählt die gute internationale
Erreichbarkeit über den Flughafen zu den Spitzenreitern (2016: 69
Prozent, 2014: 65 Prozent). Trotz EU-Erweiterung wird die Nähe zu den
Ostmärkten noch wichtiger: Jene zu den EU-Staaten Mittel- und
Osteuropas wird von 68 Prozent als Standort-Vorteil betrachtet (2014:
62 Prozent), jene zu den Nicht-EU-Ländern im Osten von 54 Prozent
(2014: 44 Prozent). Gelobt wird die generell gute Infrastruktur
(2016: 67 Prozent, 2014: 59 Prozent) in Wien.

Generell leidet die Industrie an den hohen Lohnkosten (2016: 75
Prozent, 2014: 65 Prozent). Das ist allerdings ein österreichweites
Problem. An Wien kritisieren die Industriebetriebe vor allem ein
mangelndes Verständnis der Behörden für ihre Bedürfnisse (2016: 61
Prozent, 2014: 47 Prozent) und eine zu geringe Unterstützung durch
die regionale Wirtschaftspolitik (2016: 42 Prozent, 2014: 36
Prozent). Auf hohem Niveau stagniert der Frust über hohe
Betriebskosten und Abgaben (2016: 63 Prozent, 2014: 67 Prozent) und
der übersteigerten Bürokratie (2016: 63 Prozent, 2014: 72 Prozent).

Betriebsverlagerungen
Wie die Stimmung am Industriestandort Wien ist, zeigen auch die
Abwanderungstendenzen. Die Zahlen sind wenig erfreulich: „34 der 162
befragten Unternehmen haben in den vergangenen Jahren zumindest
einzelne Betriebsteile verlagert. Das sind mehr als 20 Prozent – ein
sehr bedenklicher Wert“, sagt Ehrlich-Adám. Mit großem Abstand war
die Produktion am öftesten betroffen. Dass es hier keine reine
Kostensache ist, zeigt die Wahl des neuen Standorts. Mehr als die
Hälfte der Betriebe bleiben in Österreich. Die Mehrheit der aus Wien
abgesiedelten, aber in Österreich bleibenden Betriebe ging nach
Niederösterreich (56 Prozent). Wer mit seinem Betrieb ins Ausland
abwanderte, für den war Ungarn das bevorzugte Ziel (77 Prozent). Und
dieser Trend wird sich fortsetzen. Bei der Umfrage haben 28 Betriebe
angegeben, zumindest Betriebsteile absiedeln zu wollen. „Bei mir
läuten die Alarmglocken, weil heuer zum ersten Mal auch Forschungs-
und Entwicklungsabteilungen in größerem Ausmaß davon betroffen sein
dürften“, warnt Ehrlich-Adám.

Was wünscht sich die Wiener Industrie von der Stadtregierung? Hier
ist die Entbürokratisierung klar vorne, gefolgt von Verbesserungen
beim Verkehr. Den Industriebetrieben sind leistungsfähige
Hauptverkehrsrouten innerhalb Wiens wichtig, ebenso eine bessere
Straßen- und Schienenanbindung nach Norden und Osten. Das beinhaltet
unter anderem eine sechste Donauquerung im Bereich der Lobau und den
Lückenschluss in der S1-Nordost-Umfahrung. „Wichtig ist, dass die
Verkehrsplanung nicht an den Bundesländer-Grenzen aufhört“, betont
Ehrlich-Adám. „Nur durch ein verschränktes Konzept von Wien und
Niederösterreich lässt sich ein durchgängig flüssiger Verkehr
erreichen.“ Auf Platz drei bei den Wünschen an die Stadtregierung
liegt eine optimierte Wirtschaftspolitik. Das reicht von mehr
Unterstützung für die Industrie über wirtschaftsfreundlicheres Denken
und Handeln bis hin zur Standortförderung.

Problembeispiele Betriebsgebiete
Zurück zur Betriebsflächenproblematik, die vor allem den
produzierenden Sektor in Wien betrifft. Beispielhaft für Problemzonen
stehen die Betriebsgebiete Atzgersdorf und Hirschstetten. Atzgersdorf
hat ein historisch gewachsenes Betriebsgebiet mit alteingesessenen
Produktionsbetrieben, die immer wieder klare Erweiterungsabsichten
bekunden. Dennoch rückt die Stadt Wien bisher nicht von ihrem Plan
ab, die Betriebsfläche zu schrumpfen und für den Wohnbau zu widmen.
Die Konsequenz: Einige Betriebe sind wegen Perspektivenlosigkeit dort
bereits abgesiedelt, andere überlegen dies demnächst zu tun. Die
Hauptbeweggründe sind geringere Kosten außerhalb Wiens, keine
Probleme mit zugezogenen Anrainern, weniger Bürokratie und eine
positive Willkommenskultur gegenüber Unternehmern.
Ähnliches droht in Hirschstetten. Dort liegt umgeben von
Betriebsgebieten entlang der Ostbahn-Trasse ein rund 5 ha großes
Betriebsbaugrundstück mit Anschluss an die S2/A23. Das soll nun trotz
Nachfrage von Unternehmen in den nächsten Monaten im Gemeinderat in
Richtung Wohnbau umgewidmet werden. Dann entstehen dort in den
nächsten Jahren zwischen Produktionsbetrieben, hochfrequenter
Eisenbahntrasse und Autobahn Wohnungen. „Bei diesen Beispielen stellt
es mir die Nackenhaare auf. Nachhaltige und sinnvolle Stadtplanung
schaut anders aus“, ärgert sich Ruck und hofft noch auf eine positive
Kehrtwende in diesen beiden konkreten Fällen.

Lösungen für den Standort
Ruck fordert jedenfalls ein Durchbrechen der Negativspirale und einen
Neustart zum Wohle des Wirtschaftsstandorts. Konkrete Lösungsansätze
für den Betriebsflächenschwund haben die Experten der WK Wien bereits
erarbeitet:

- Zusätzlichen Betriebsflächen im Ausmaß von 230-330 ha für die
nächsten zehn Jahre sicherstellen
- Beendigung der aktuellen Umwidmungspolitik, die ausschließlich auf
Wohnen fokussiert
- Sicherung von Einzelstandorten und urbanen, kleinteiligen
Mischgebieten
- Attraktivierung bestehender (älterer) Betriebsgebiete
- Strategische Betriebsflächen sichern und Erweiterungen vorbereiten

Zwt.: Standortabkommen mit der Stadt
Dass sich etwas zum Positiven verändern könnte, zeigen Gespräche
zwischen Wirtschaftskammer und Stadt Wien. Gemeinsam arbeitet man an
einem Standortabkommen mit konkreten Projekten zur Belebung der
Wirtschaft. „Das Standortabkommen soll Startschuss und positives
Signal für mehr Unternehmertum in Wien sein. Bekommen wir diesen Deal
zusammen, wird das ein großer Wurf für die ganze Region“, sagt Ruck
und geht von einem unterschriftsreifen Abkommen im Herbst 2016 aus.

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