- 25.04.2016, 11:00:01
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Interventionelle Schlaganfalltherapie: eine Revolution in der Schlaganfallsbehandlung
Wien (OTS) - 25. April 2015. Jährlich erleiden rund 25.000
Österreicherinnen und Österreicher einen Schlaganfall. Gemeinsam mit
dem Herzinfarkt zählt er somit zu den häufigsten Todesursachen in
Österreich.
Der Schlaganfall äußert sich durch plötzliche Lähmungen, Gefühls-,
oder Sprachstörungen oder in schweren Fällen auch durch
Bewusstseinsstörungen. Die meisten PatientInnen erholen sich dank der
enorm verbesserten Therapiemöglichkeiten wieder, aber zwei Drittel
bleiben dennoch mäßig bis stark beeinträchtigt. Dies verursacht sehr
hohe Folgekosten, die in Europa ca. 26 Milliarden Euro pro Jahr
ausmachen.
„Als Risikofaktoren gelten Bluthochdruck, erhöhtes Cholesterin,
Übergewicht und das Rauchen. Männer haben grundsätzlich ein höheres
Schlaganfall-Risiko als Frauen und auch mit steigendem Alter kommt es
zu einem deutlichen Anstieg des Risikos. In 85% der Fälle wird der
Schlaganfall durch ein verstopftes Gehirngefäß verursacht“, so Prof.
Hannes Deutschmann, Abteilungsleiter der klinischen Abteilung für
Neuroradiologie, vaskuläre und interventionelle Radiologie an der
Universitätsklinik für Radiologie der Medizinische Universität Graz.
Verschlüsse der Hirnarterien als Hauptursache
Blutgerinnsel, sogenannte Thromben, stammen meist aus dem Herzen oder
lösen sich von Ablagerungen an einer verengten Halsschlagader, von wo
aus sie mit dem Blutstrom ins Gehirn verschleppt werden. Die
Blutgerinnsel führen dann im Gehirn zu einer Minderversorgung mit
Sauerstoff und in Folge zum Absterben des betreffenden Hirnareales.
Pro Stunde gehen so ca. 120 Millionen Gehirnzellen zugrunde. Die
rasche Wiederherstellung der Sauerstoffversorgung des Gehirns durch
Auflösung oder Entfernung des Gerinnsels ist dabei von größter
Wichtigkeit und führt zu einer deutlich verbesserten Lebensqualität
und geringeren Sterblichkeit der PatientInnen.
Schnelle Diagnose ist entscheidender Faktor
Primar Johannes Trenkler, Vorstand am Institut für Neuroradiologie
des Kepler Universitätsklinikums Linz, nennt vor allem vier Fragen,
die gestellt werden müssen und die für das Überleben des Patienten
und möglichst geringe Folgeschäden unabdingbar sind: „Liegt eine
Hirnblutung vor? Besteht ein akuter Gefäßverschluss, der behandelt
werden könnte? Ist bereits ein Hirninfarkt – also nicht mehr zu
rettendes Gewebe – sichtbar? Ist noch zu rettendes Hirngewebe
vorhanden?”. Mittels Computertomographie (CT) oder
Magnetresonanztomographie (MRT) kann man diese Fragen in kurzer Zeit
beantworten. Die Untersuchungsdauer beläuft sich auf maximal 20
Minuten, wobei jenes Verfahren(CT oder MR) eingesetzt werden sollte,
das am schnellsten verfügbar ist.
Revolution in der Behandlung
Die Behandlung von Schlaganfällen ändert sich zurzeit deutlich. Schon
sehr lange werden von interventionellen Neuro-Radiologinnen und
Neuro-Radiologen hochspezialisierte Verfahren über
Schlüsselloch-Eingriffe therapeutisch angewandt und immer wieder
weiterentwickelt. „Seit der Publikation von fünf randomisierten
multizentrisch kontrollierten Studien im ersten Halbjahr 2015 besteht
höchste Evidenz, dass die angiographische kathetergeführte
mechanische Thrombektomie die Standardtherapie für diese schwer
betroffenen Schlaganfallpatienten darstellt“, erklärt Univ.-Prof. Dr.
Elke R. Gizewski, Geschäftsführende Direktorin der Abteilung für
Radiologie an der Medizinischen Universität Innsbruck.
Wichtige Faktoren sind vor allem die Größe des Blutgerinnsels und der
Ort des Gefäßverschlusses, um zu entscheiden, ob das Gerinnsel noch
mittels eines über die Vene verabreichten Medikaments auflösbar ist
oder ob nur ein Eingriff auf dem Gefäßweg mit mechanischer Entfernung
des Thrombus noch helfen kann. Blutgerinnsel, die länger als 8 mm
sind, lassen sich medikamentös nicht mehr auflösen.
In diesen Fällen ist es notwendig, mit Hilfe spezieller
maschendrahtartiger Körbchen, den Thrombus aus dem Gefäß zu ziehen.
Es gibt allerdings auch Fälle, bei denen das abgestorbene
Gehirngebiet bereits zu groß ist für eine Behandlung oder bei denen
die Zeit vom Auftreten der ersten Schlaganfallzeichen bis zur
Diagnose in einem spezialisierten Zentrum zu lange war. In vielen
Fällen aber ist es möglich, durch rasche Diagnostik und Behandlung,
die PatientInnen vor schweren Folgeschäden zu bewahren.
Mittels Thrombektomie werden Wiedereröffnungsraten des verstopften
Gefäßes von 70 bis 90 Prozent erreicht und die Wahrscheinlichkeit,
den Schlaganfall nur mit minimalen neurologischen Ausfällen zu
überleben, ist gegenüber der medikamentösen Auflösung des
Blutgerinnsels um mehr als das Doppelte erhöht.
Versorgungslage in Österreich
Dieser technisch anspruchsvolle Eingriff wird in Österreich in
spezialisierten interventionellen Zentren überwiegend von Radiologen
durchgeführt, wobei die meisten Zentren auf eine schon langjährige
Expertise in der Behandlung von anderen Hirngefäßerkrankungen
(Aneurysmen, Gefäßmissbildungen) mittels Kathetertechnik
zurückgreifen können.
In Österreich existieren derzeit 11 solcher Zentren in guter
geographischer Verteilung, in welchen die interventionelle
Schlaganfalltherapie routinemäßig durchgeführt werden kann. Neben
einer entsprechenden Geräteausstattung, bedarf es eines
interdisziplinären Teams aus Neurologen, interventionell tätigen
Radiologen bzw. Neuroradiologen, Anästhesisten oder
Intensivmedizinern und Neurochirurgen für die optimale und rasche
Behandlung dieser schwer betroffenen Schlaganfallpatienten. Diese
Zentren müssen in der Lage sein, die interventionelle
Schlaganfalltherapie sieben Tage die Woche rund um die Uhr
durchführen zu können; das bedeutet mindestens fünf Radiologen bzw.
Neuroradiologen mit Expertise in der Durchführung der mechanischen
Thrombektomie pro Zentrum.
„Die Anforderungen an den durchführenden interventionellen Radiologen
sind sehr hoch und erfordern eine langjährige Expertise auf dem
Gebiet der interventionellen Radiologie. Komplexe Eingriffe dieser
Art sollten daher nur von sehr erfahrenen interventionellen
Radiologen durchgeführt werden, die tagtäglich mit komplexen Fällen
wie diesen konfrontiert sind“, erläutert Ass. Prof. PD Dr. Florian
Wolf, Stv. Leiter der Abteilung für Kardiovaskuläre und
Interventionelle Radiologie an der Medizinischen Universität Wien.
Ausbildung als Schlüssel zu bestmöglicher Versorgung
Für eine kontinuierliche Versorgung in bestmöglicher Qualität ist
eine entsprechende Ausbildung unumgänglich. Die Fachgesellschaften
ÖGIR (Österreichische Gesellschaft für interventionelle Radiologie)
und ÖGNR (Österreichische Gesellschaft für Neuroradiologie) haben
dafür ein entsprechendes Modul- und Stufenkonzept aufgesetzt, welches
unter anderem die Qualifizierung zur Durchführung der
interventionellen Schlaganfallbehandlung regelt. In diesem Konzept
sind auch Voraussetzungen und Struktur von zertifizierten
Ausbildungszentren festgelegt.
Fachgesellschaften empfehlen neue Methode
Österreichische neurologische und radiologische Fachgesellschaften
haben sich in einer gemeinsamen Stellungnahme den internationalen
Richtlinien zur Durchführung der mechanischen Thrombektomie beim
Schlaganfall angeschlossen und empfehlen, ausgewählte
Schlaganfallpatienten nach diesen Kriterien zu behandeln. Die
Fachgesellschaften sehen es ferner als ihre Aufgabe, gemeinsam mit
Gesundheitsbehörden bzw. -anbietern die interventionellen Zentren
strukturell und qualitativ weiter zu entwickeln, um allen
Schlaganfall-PatientInnen, die diese möglicherweise lebensrettende
Behandlung brauchen, auch versorgen zu können.
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