• 18.04.2016, 09:08:49
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PRAEVENIRE Gesundheitsforum Seitenstetten: Psychische Gesundheit

Internationales Know-how für Bruck an der Mur

PRAEVENIRE Gesundheitsforum diskutiert Psychische
Gesundheit

Utl.: Internationales Know-how für Bruck an der Mur =

Wien (OTS) - Psychische Gesundheit beeinflusst unser Wohlbefinden,
unseren Arbeitsalltag und in Folge unser Gesundheitssystem. In
welcher Intensität und wie man dieser Herausforderung effizient
entgegenwirken kann, war einer der Themenschwerpunkte des PRAEVENIRE
Gesundheitsforum Seitenstetten. Zum Thema „Mental Health & Work“
trafen nationale und internationale Experten zusammen und verfolgten
ein einziges Ziel: Internationales Know-how und Erfahrungswerte
zusammenzutragen und daraus entsprechende Modelle für Österreich zu
erarbeiten. In wie weit diese im Anschluss im steirischen Bruck an
der Mur mit regionalen Partnern umgesetzt werden, obliegt dabei den
Gemeindevertretern selbst.

Die WHO definiert Gesundheit als „Zustand vollständigen körperlichen,
geistigen und sozialen Wohlbefindens und daher weit mehr als die
bloße Abwesenheit von Krankheit oder Gebrechen“. Gesund sein bedeutet
also nicht nur beschwerdefrei zu sein, sondern auch, sich körperlich
und geistig wohl zu fühlen. Der Stellenwert von psychischer
Gesundheit und dessen enormer Einfluss auf das Gesundheitssystem
wurde in einer Expertendiskussion, moderiert von Armin Fidler,
Vorsitzender des PRAEVENIRE Boards, beleuchtet. John Bowis, Mitglied
des europäischen Parlaments (EVP) und früherer Gesundheitsminister in
England, lenkt zu Beginn die Aufmerksamkeit auf die größten Mängel
des Gesundheitssystems im Bereich psychischer Erkrankungen:
„Patienten müssen in sämtliche verfügbare Einrichtungen und Services
der jeweiligen Gemeinde eingebettet sein, was sie in der Regel nicht
sind. Parallel sind die unterschiedlichen (öffentlichen)
Institutionen nur unzureichend miteinander vernetzt. Außerdem kämpfen
wir gegen die Ignoranz. Wir tendieren dazu, nicht ausreichend
zuzuhören und wegzuschauen“, so der Europapolitiker.

Christopher Prinz, Experte für Arbeitsmarktpolitik der OECD, sprach
Österreich anschließend ein gut dotiertes Gesundheitssystem, ein
starkes Sozialversicherungssystem, einen vergleichsweise gesunden
Arbeitsmarkt und ein gutes Schulsystem zu. „Dennoch haben wir in
keinem dieser Systeme einen Fokus auf psychische Probleme und deren
Auswirkungen. Ansetzen müssten wir bei Jugendlichen, Beschäftigten
und Arbeitslosen. In Australien etwa gibt es Programme für Primär-
und Sekundärschulen zur Förderung der psychischen Gesundheit. Bei der
Arbeitsmarktintegration Jugendlicher muss festgehalten werden, dass
jeder fünfte Arbeitnehmer mit psychischen Problemen konfrontiert ist.
Betroffene sind häufiger krank und haben in der Regel längere
Krankenstände. Bei Arbeitslosen wiederum sind psychische Probleme
besonders ausgeprägt. Das ist dem AMS zwar bewusst, es hat aber weder
Mittel noch Kompetenz um ausreichend zu helfen. In Dänemark setzt man
erfolgreich mit Caseworkern mit Psychologenausbildung an. Belgien
verwendet eigene Aktivierungsteams zur Betreuung Arbeitsloser mit
psychischen Problemen. Ansätze gibt es also viele. Genug zu tun auch.
Der Gedanke von PRAEVENIRE ist daher ein ausgesprochen sinnvoller“,
so Prinz.

Behandlung muss bedarfsgerecht und individuell erfolgen

Auf das breite Spektrum psychischer Erkrankungen wies anschließend
Michael Linden, Leiter der Forschungsgruppe Psychosomatische
Rehabilitation an der Charite Berlin, hin: „Allgemein gilt die
Meinung, dass der arbeitsbedingte Stress zunimmt. Dies ist mit
zunehmenden Flexibilitätsanforderungen, Arbeitsverdichtung und
computerkontrollierter Arbeit, bzw. Qualitätscontrolling, das den
Druck erhöht, richtig. Dennoch bleibt die Zahl der Menschen mit
psychischen Störungen gleich. Allerdings können psychisch Kranke die
modernen Arbeitsanforderungen nur mehr begrenzt erfüllen. Zu fordern
ist, auf den Personal Environment Fit zu achten. Nicht jeder
Arbeitnehmer kann alles. Strategischer Ansatz für die Zukunft muss
sein, leidensgerechte Arbeitsplätze oder sogenannte
„Toleranzarbeitsplätze“, die auch Menschen mit Leistungsminderung
eine Teilhabe am Berufsleben ermöglichen, zu schaffen bzw. zu
erhalten“, so Linden.

Arbeitsfähigkeit muss erhalten werden

Psychische Erkrankungen spielen auch bei Leistungen zur medizinischen
Rehabilitation wie bei Erwerbsminderungsrenten eine große Rolle. Das
weiß Thomas Keck, Erster Direktor der Deutschen Rentenversicherung
Westfalen. Auch und besonders Menschen mit psychischen Erkrankungen
müssen möglichst lange und gesund im Erwerbsleben gehalten werden, da
diese tendenziell früher ausscheiden. „Zum langfristigen Erhalt der
Arbeitsfähigkeit gilt es, möglichst früh auf Betroffene zuzugehen,
durch rechtzeitige Präventionsleistungen einem Reha-Bedarf
vorzubeugen, durch individuelle Rehabilitation beim Verbleib im
Erwerbsleben zu unterstützen und sich frühzeitig mit den vor- und
nachbehandelnden Akteuren zu vernetzen. Case-Management gewinnt hier
zunehmend an Bedeutung. Wir haben einige Projektideen entwickelt:
Wird etwa ein Antrag auf Leistung einer medizinischen Reha abgelehnt
weil noch keine erhebliche Gefährdung oder Minderung der
Erwerbsfähigkeit vorliegt, könnte vorbeugend und abhängig von
gewissen Risikofaktoren eine Präventionsleistung angeboten werden.
Hat man einen Antrag auf Erwerbsminderungsrente gestellt, könnte man
künftig nach einem umfassenden Assessment in ein berufs- und
lebenslagenorientiertes Case-Management eingesteuert und durch ein
gezieltes Unterstützungskonzept wieder in den Arbeitsmarkt integriert
werden“, so Keck.

Sonderstellung Kinder- und Jugendliche: Strukturierte Therapie
notwendig

Mit einem interdisziplinären Team bietet Prim. Dr. Sonja Gobara,
Ärztliche Leiterin des Ambulatorium Sonnenschein vom
Sozialpädiatrischen Zentrum St. Pölten, Diagnose und multimodale
Therapien für Kinder und Jugendliche mit Entwicklungsstörungen,
Behinderungen und psychosozialen Auffälligkeiten in einem ambulanten
Setting. „Ein wesentlicher Teil unserer Arbeit besteht darin, die
Vernetzung mit dem psychosozialen Umfeld der Kinder – darunter
Schule, Elternhaus, etc. – zu forcieren. Damit reagieren wir auf den
sich ständig ändernden Versorgungsbedarf und den in Österreich
vorherrschenden Versorgungsmangel. Ein großer Teil der psychosozialen
Probleme von Kindern und Jugendlichen wird in der Laienversorgung
abgehandelt. In der Zukunft muss die Gesundheitskompetenz von Kindern
und Jugendlichen im Bereich psychischer Erkrankungen erhöht werden.
Daher fordere ich die Definition und Implementierung von
sektorenübergreifenden Versorgungspfaden vorzunehmen,
Beratungsstellen für Familien (First Point of Service) einzurichten
und kostenfreie Angebote zur Diagnostik sowie entsprechende
Transitionsprozesse zu schaffen. In Bruck/Mur würde ich die
Strukturen zur Etablierung eines Netzwerks entsprechender
Einrichtungen forcieren“, so Gobara.

Verantwortung von Arbeitgebern und Unternehmen gefordert

Dr. Eva Höltl, Leiterin des Gesundheitszentrums der Erste Bank, legte
anschließend dar, das sich der Umgang mit psychischen Erkrankungen in
einem Unternehmen auch wirtschaftlich auszahlen kann – etwa mit Hilfe
stufenweiser Reintegration nach langer oder schwerer Erkrankung.
„Besonders Psychische Erkrankungen werden medial oft
arbeitsplatzassoziiert dargestellt, wir finden aber alle Arten von
Krankheiten in Unternehmen, psychische und körperliche.
Krankheitsbedingte Leistungseinschränkungen können – müssen aber
nicht – tätigkeitsrelevant sein. Es ist eine große Herausforderung
für Unternehmen, ihre Mitarbeiter weitgehend entsprechend ihrer
Leistungsfähigkeit einzusetzen. Wer im Unternehmen hier welche Rolle
einnimmt, ist letztlich eine Frage der Professionalität. Klar sein
muss, dass Manager keine Experten für psychische Erkrankungen sind.
Aus meiner Sicht müssen wir uns auf die Faktoren Information und
Wiedereingliederung konzentrieren. Mit der Akzeptanz, dass wir im
Arbeitsprozess nicht nur gesunde Mitarbeiter vorfinden, und dem
Verständnis, dass gutes Management die Fähigkeiten und Möglichkeiten
jedes einzelnen Mitarbeiters weitgehend berücksichtigt, ist bereits
ein wesentlicher Schritt getan“, so Höltl.

Über Praevenire:

Von 13. bis 16. April findet im Benediktinerstift Seitenstetten die
Premiere des PRAEVENIRE Gesundheitsforum statt. Ziel des PRAEVENIRE
Gesundheitsforums ist es, vorhandenes Wissen in Zusammenarbeit mit
internationalen und nationalen Experten in Programme zu übersetzen,
deren Umsetzung einen direkten Nutzen für die Bevölkerung stiften.
Die Erfolgsindikatoren der Umsetzung werden gemeinsam von Experten
und den Vertretern der Gemeinde bestimmt. Die Umsetzung der Projekte
erfolgt in 4 österreichischen Gemeinden: Bruck an der Mur, Haslach,
Pöggstall und Satteins.

Bild(er) zu dieser Aussendung finden Sie im AOM / Originalbild-Service
sowie im OTS-Bildarchiv unter http://bild.ots.at

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