Austrian Standards: Österreich benötigt „rot-weiß-rote Normungsstrategie von internationalem Format“

Fünf-Punkte-Programm für Österreichs Erfolg mit Normung

Wien (OTS) - Die Bedeutung der Teilnahme Österreichs an der europäischen Normung (CEN) und internationalen Normung (ISO) wird weiter steigen; schon jetzt sind über 90 Prozent aller österreichischen Standards europäischen und internationalen Ursprungs. „Was Österreich daher rasch braucht, ist eine rot-weiß-rote Normungsstrategie von internationalem Format“, erklärt der Präsident von Austrian Standards, Walter Barfuß, in der Jahresauftakt-Pressekonferenz von Austrian Standards am Mittwoch. „Nun wurde im Dezember 2015 zwar ein neues Normengesetz beschlossen, allein eine Normungsstrategie der Bundesregierung, wie sie im Regierungsübereinkommen angekündigt wurde, fehlt noch. Was das Normengesetz 2016 und seine Auswirkungen betrifft, ist noch zu klären, ob die Teilnahme Österreichs an der europäischen und internationalen Normung weiterhin möglich ist“, so Barfuß. Für Stefan Ehrlich-Adám, Vize-Präsident von Austrian Standards und Geschäftsführer der EVVA Sicherheitstechnologie GmbH muss Normung als Export- und Wirtschaftsmotor begriffen und in eine gesamthafte wirtschaftspolitische Strategie eingebettet werden. „Österreich wird in der Normung dann erfolgreich sein, wenn – so wie in den Strategien anderer Staaten – erkannt worden ist, dass Normung Flügel verleiht und keine Fessel ist“, so Elisabeth Stampfl-Blaha, Direktorin von Austrian Standards.

Insgesamt haben die intensiven Debatten im vergangenen Jahr den hohen Stellenwert von Normung unterstrichen. Allein die Tatsache, dass es während der Begutachtungsfrist zum Normengesetz-Entwurf beinahe so viele Stellungnahmen gab wie zur Steuerreform – rund 100, darunter sehr kritische aus der Wirtschaft, von internationaler Seite und aus verfassungsrechtlicher Sicht –, zeigt die wirtschaftliche, gesellschaftliche und politische Bedeutung des Themas. „Das politische Interesse an der Normung lässt sich auch daran ablesen, dass in der parlamentarischen Behandlung des Normengesetzes für jede im Nationalrat vertretene Partei ein Sitz im nunmehr 26-köpfigen Beirat vorgesehen wurde“, so Barfuß. Letztlich sind im Endspurt einige der Mängel im Gesetz behoben worden, viele Fragen sind aber offen. „Es wäre vermutlich effizienter gewesen, wenn man Austrian Standards als die für Normung verantwortliche Organisation in die Gespräche eingebunden hätte. So müssen grundlegende Fragen, wie jene, ob die Mitgliedschaft Österreichs bei CEN und ISO und damit die Teilnahme Österreichs an der europäischen und internationalen Normung nach wie vor möglich ist, erst jetzt, nach dem Beschluss des Gesetzes, geklärt werden“, legt der Präsident von Austrian Standards dar.

Fünf-Punkte-Programm „Wie Österreich mit und in der Normung erfolgreich sein kann“

Was es für Österreich braucht, um mit und in der Normung erfolgreich zu sein, erläuterten Stampfl-Blaha und Ehrlich-Adám in einem „Fünf-Punkte-Programm für Österreichs Erfolg in der Normung“.

1.Österreich wird nur dann ein erfolgreicher Mitspieler in der Normung sein, wenn das Trugbild der letzten Monate, bei Normen gehe es ausschließlich um den Baubereich, aufgelöst ist. Schließlich betreffen nur rund 3 000 aller österreichischen Normen im weitesten Sinn den Baubereich. Was die Gesamtzahl der Normen 2015 betrifft, so ist diese in etwa stabil. Es gab sogar einen Rückgang: auf 23 050 gegenüber 23 424 im Jahr davor. Die Konsolidierung des europäischen Normenwerks setzt sich damit wie schon in den letzten Jahren fort.

2.Österreich muss sich in die Lage versetzen, „in der richtigen Liga zu spielen“; das heißt, es muss gelingen, dass Österreich den Level in puncto Teilnahme an der europäischen und internationalen Normung hält und wie bisher unter den Top Ten bei der Mitgestaltung von Normen bleibt. Auch die Frage der Finanzierung der Normung spielt eine wichtige Rolle dabei, in welcher Liga Österreich spielt. Die Direktorin von Austrian Standards konnte berichten, dass das österreichische Normungssystem 2015, also in seiner bisherigen Form, zu 95 Prozent selbstfinanziert war. „2016 wird sich die Finanzierung jedenfalls sehr viel schwieriger gestalten, denn laut neuem Normengesetz darf Austrian Standards in Zukunft keine Teilnahmebeiträge mehr einheben – ohne, dass es dazu eine finanzielle Kompensation gibt“, erklärte Stampfl-Blaha.

3.Österreich wird dann erfolgreich sein, wenn erkannt worden ist, dass Normen die Basis für Rationalisierung und die Brücke für Innovationen in den Markt sind. Dazu gibt es schon zahlreiche Erfolgsbeispiele. Um nur zwei zu nennen: Das Land Oberösterreich hat dies etwa getan und eine beispielgebende Strategie im Bereich der besonders zukunftsweisenden Baunormen verfolgt. Es hat es geschafft, Standards optimal umzusetzen und an deren Weiterentwicklung mitzuwirken, inzwischen sogar auf europäischer Ebene. Das Polymer Competence Center Leoben wiederum hat mit der Montanuniversität Leoben und der Kunststoffrohrindustrie eine neue Prüfmethodik entwickelt, die Eingang in die Internationale Norm ISO 18489 gefunden hat. „Beide haben Normung als Chance begriffen und ergriffen; beide werden heute Abend gemeinsam mit weiteren Unternehmen und Organisationen mit dem ‚Living Standards Award 2016’ ausgezeichnet“, so die Direktorin von Austrian Standards „Es muss erkannt werden, dass Normung Flügel verleiht und keine Fessel ist“, so Stampfl-Blaha.

4.Österreich wird dann erfolgreich sein, wenn Normung in eine nationale wirtschaftspolitische Strategie und in Sektor- und Unternehmensstrategien zur Normung eingebettet ist. „Die Branchen werden sich selbst noch mehr mit den Normen in ihrem Fachbereich auseinandersetzen müssen. Das von Austrian Standards initiierte ‚Dialogforum Bau’ geht den richtigen Weg. In einer Art Open-Innovation-Prozess lassen die Anwender ihre Praxiserfahrung in die Weiterentwicklung der Standards einfließen“, erklärte Ehrlich-Adám. Weiteres Best-Practice-Beispiel ist OTIS, ebenfalls mit dem „Living Standards Award 2016“ prämiert. Das Unternehmen ist in allen für OTIS relevanten Normungskomitees auf europäischer und internationaler Ebene bei CEN und ISO vertreten und wendet die Normen beispielhaft an; das OTIS World Headquarter für Normungsstrategie ist in Wien. Ebenso die Stadt Wien, die Normung als wichtiges strategisches Instrument begreift und anwendet und dafür 2015 mit dem „Living Standards Award“ ausgezeichnet wurde.

5.Schließlich wird Österreich nur dann erfolgreich sein, wenn auch in Österreich Normung als Export- und Wachstumsmotor begriffen wird. In Deutschland wird gerade in einem breiten Dialog an einer Aktualisierung der Normungsstrategie gearbeitet, um Standardisierung als integralen Bestandteil der Wirtschafts- und Innovationspolitik weiter zu stärken. Die dänische Normungsstrategie 2015 trägt das Ziel schon in ihrem Titel: "Wachstum durch verstärkte Anwendung von Internationalen Normen". „Normung funktioniert generell und weltweit als nicht-staatliches System. Das hat sich bewährt. Diese Arbeit muss erfolgreich weitergeführt werden“, so Ehrlich-Adám.

„Elchtest für erfolgreiche Normungsstrategie“

„Diese fünf Punkte werden Maßstab dafür sein, ob Österreich mit einer Normungsstrategie auf dem richtigen Weg ist – ein Elchtest für eine Normungsstrategie“, betonte Stampfl-Blaha. Die dänische Normungsstrategie stützt sich auf die Erkenntnis, dass Unternehmen, die Normen anwenden, eine bis zu 25 Prozent höhere Wertsteigerung, eine bis zu 15 Prozent höhere Produktivität und einen bis zu 50 Prozent höheren Export aufweisen. In fünf Jahren sollten Unternehmen, die sich in der Normung sehr engagieren und ihre strategischen Ansätze auch weltweit einbringen, besonders gefördert werden. In fünf Jahren sollte eine österreichische Normungsstrategie wesentlich dazu beigetragen haben, die Wettbewerbsfähigkeit und Innovationskraft heimischer Unternehmen zu stärken. „Und es sollte 2021 allgemeines Kopfschütteln auslösen, wenn die Kraft von Normung für Österreichs Wirtschaft nicht erkannt und genützt wird“, betonte die Direktorin. Die notwendige Evaluierung einer österreichischen Normungsstrategie sollte 2020/2021 in einer gemeinsamen und transparenten Initiative unter Einbindung aller betroffenen Kräfte erfolgen, wie dies in anderen Bereichen auch schon gemacht wird.

Wichtige Projekte 2016

Zu wichtigen Vorhaben 2016 zählen u. a. die Fortsetzung des „Dialogforum Bau Österreich – gemeinsam für klare und einfache Bauregeln“, das gestern seinen erfolgreichen Auftakt hatte, sowie die Mitarbeit österreichischer Fachleute an internationalen Projekten für Smart Solutions im Bereich Smart Cities, Intelligente Transportsysteme (ITS) oder drahtlose Sensoren-Netzwerke für die Automobil-, Luftfahrtindustrie, das Schienenverkehrs- und Gebäudemanagement. Es geht aber auch um gefährliche Baustoffe, Cyber Security oder so einfache Dinge wie sichere Fahrradgepäckträger und Wickeltische. Darüber hinaus wird Austrian Standards die Informationsoffensive zu den Möglichkeiten, Standards mitzugestalten, fortsetzen.

Über Austrian Standards

Standards sind Normen und Regelwerke. Sie dienen dem Wohl und der Sicherheit aller, machen das Leben einfacher und sorgen dafür, dass eins verlässlich zum anderen passt. Standards stehen für Qualität und damit für Vertrauen in Produkte und Leistungen. Austrian Standards stellt seit 1920 als unabhängige und neutrale Plattform einen transparenten Normungsprozess in Österreich sicher.

Als das österreichische Mitglied von CEN, dem Europäischen Komitee für Normung, und ISO, der Internationalen Organisation für Normung, ermöglicht Austrian Standards allen, Normen mitzugestalten und macht Standards als sinnvolles, international anerkanntes Fachwissen leicht zugänglich und anwendbar.

Austrian Standards beschäftigt derzeit 113 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Standards sorgen in Österreich für ein Mehr an innovativer Wirtschaftsleistung in Höhe von rund 2,5 Mrd. Euro pro Jahr.
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