- 07.10.2015, 18:43:19
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OÖNachrichten-Leitartikel: "Die Inszenierung eines Zweikampfs um Wien", von Christoph Kotanko
Ausgabe vom 8. Oktober 2015
Utl.: Ausgabe vom 8. Oktober 2015 =
Linz (OTS) - Ein politisches System wird manchmal binnen Sekunden
bloßgelegt. Montagabend war ein solcher Moment:
Neos-Spitzenkandidatin Beate Meinl-Reisinger schilderte in der
TV-"Elefantenrunde" das Los eines Jungunternehmers, der an Wiener
Filz und Parteibuchwirtschaft scheitert.
Bürgermeister Häupl, generös: "Schicken S’ den zu mir!"
Meinl-Reisinger reagiert empört: So sei Wiens SP-System. Häupl,
ungnädig: "Dann schicken S’ ihn halt nicht." - Da war keinerlei
Einsicht oder ein Versuch, der Sache auf den Grund zu gehen.
Stattdessen: Gnade vor Recht, Fürsorge nach Gutsherrenart.
Auch das ist Wien. Es gibt nicht nur Barock und Wurstelprater und die
ersten Plätze in den Rankings zur Lebensqualität. Seit Gründung der
Ersten Republik herrschen im Rathaus Rote (Ständestaat und
NS-Diktatur ausgenommen). Wiens SPÖ war einmal die größte
Parteiorganisation der Welt. Kein Wunder, dass die Grenze zwischen
Partei und Stadt, Polit-Interesse und Gemeinwohl verschwimmt.
Das bleibt auch ausländischen Beobachtern nicht verborgen: "Wo die
Stadtverwaltung aufhört und die Partei anfängt, kann niemand mehr so
genau sagen", schrieb diese Woche die liberale "Süddeutsche Zeitung".
Die Partei besitzt ein riesiges Firmengeflecht, das mit der
Stadtverwaltung gut im Geschäft ist. Und die Stadt schaltet teure
Inserate in Boulevardblättern, die dann "zufällig" positiv über
SP-Politiker berichten.
Gegen dieses System treten die Freiheitlichen, die ÖVP und die Neos
an.
Die Grünen hat Häupl in der Tasche. Von der lauten Kritik der
Ex-Opposition ist wenig geblieben: mitgefangen, mitgehangen.
Strache ist es nach dem Auftakt in Oberösterreich gelungen, die
Gemeinderatswahl als Zweikampf zu inszenieren. Dass er wirklich
Bürgermeister wird, glaubt der Blaue selbst nicht. Doch er wird von
seinem hohen Ausgangsniveau (in Wien 26 Prozent, in Oberösterreich
waren es nur 15) deutlich zulegen. Das hat er dem Missmut der
"kleinen Leute" zu verdanken, die in den Außenbezirken über "die
Ausländer" grummeln und die rapid wachsende Arbeitslosigkeit
fürchten.
Häupl versucht erst gar nicht, wie Straches Gegner in anderen
Ländern, den Rivalen nachzumachen. Seine Haltung ist frontal Anti-FP.
Diese Unterscheidung ist die Chance des Titelverteidigers - wenn die
Mobilisierung der schwankenden Wähler gelingt. Ob Häupl das schafft,
wird der Sonntag zeigen.
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