OÖNachrichten-Leitartikel: "Die Inszenierung eines Zweikampfs um Wien", von Christoph Kotanko

Ausgabe vom 8. Oktober 2015

Linz (OTS) - Ein politisches System wird manchmal binnen Sekunden bloßgelegt. Montagabend war ein solcher Moment:
Neos-Spitzenkandidatin Beate Meinl-Reisinger schilderte in der TV-"Elefantenrunde" das Los eines Jungunternehmers, der an Wiener Filz und Parteibuchwirtschaft scheitert.
Bürgermeister Häupl, generös: "Schicken S’ den zu mir!" Meinl-Reisinger reagiert empört: So sei Wiens SP-System. Häupl, ungnädig: "Dann schicken S’ ihn halt nicht." - Da war keinerlei Einsicht oder ein Versuch, der Sache auf den Grund zu gehen. Stattdessen: Gnade vor Recht, Fürsorge nach Gutsherrenart.
Auch das ist Wien. Es gibt nicht nur Barock und Wurstelprater und die ersten Plätze in den Rankings zur Lebensqualität. Seit Gründung der Ersten Republik herrschen im Rathaus Rote (Ständestaat und NS-Diktatur ausgenommen). Wiens SPÖ war einmal die größte Parteiorganisation der Welt. Kein Wunder, dass die Grenze zwischen Partei und Stadt, Polit-Interesse und Gemeinwohl verschwimmt.
Das bleibt auch ausländischen Beobachtern nicht verborgen: "Wo die Stadtverwaltung aufhört und die Partei anfängt, kann niemand mehr so genau sagen", schrieb diese Woche die liberale "Süddeutsche Zeitung". Die Partei besitzt ein riesiges Firmengeflecht, das mit der Stadtverwaltung gut im Geschäft ist. Und die Stadt schaltet teure Inserate in Boulevardblättern, die dann "zufällig" positiv über SP-Politiker berichten.
Gegen dieses System treten die Freiheitlichen, die ÖVP und die Neos an.
Die Grünen hat Häupl in der Tasche. Von der lauten Kritik der Ex-Opposition ist wenig geblieben: mitgefangen, mitgehangen.
Strache ist es nach dem Auftakt in Oberösterreich gelungen, die Gemeinderatswahl als Zweikampf zu inszenieren. Dass er wirklich Bürgermeister wird, glaubt der Blaue selbst nicht. Doch er wird von seinem hohen Ausgangsniveau (in Wien 26 Prozent, in Oberösterreich waren es nur 15) deutlich zulegen. Das hat er dem Missmut der "kleinen Leute" zu verdanken, die in den Außenbezirken über "die Ausländer" grummeln und die rapid wachsende Arbeitslosigkeit fürchten.
Häupl versucht erst gar nicht, wie Straches Gegner in anderen Ländern, den Rivalen nachzumachen. Seine Haltung ist frontal Anti-FP. Diese Unterscheidung ist die Chance des Titelverteidigers - wenn die Mobilisierung der schwankenden Wähler gelingt. Ob Häupl das schafft, wird der Sonntag zeigen.

Rückfragen & Kontakt:

Oberösterreichische Nachrichten
Chef vom Dienst
+43-732-7805-515

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PON0001