- 11.09.2015, 18:32:48
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OÖNachrichten-Leitartikel: "Warum Politik nicht wie Joghurt ist", von Gerald Mandlbauer
Ausgabe vom 12. September 2015
Utl.: Ausgabe vom 12. September 2015 =
Linz (OTS) - Wahlkampf ist auch, wenn sich die Journalisten über die
Inhaltsleere der politischen Auseinandersetzung beklagen, meinte
jüngst der Grüne Christoph Chorherr. "Sie ignorieren die Inhalte,
vereinfachen sie und blasen zugleich die personellen
Auseinandersetzungen auf." Ganz unrecht hat er damit vielleicht
nicht.
Wir Journalisten wiederum kicken den Ball zurück ins Feld der Politik
- und liegen auch nicht falsch damit. In Wahlkämpfen ist für die
prioritären Fragen wenig Platz, und es ist schon eine Ausnahme, wenn
im oberösterreichischen Wahlkampf ein Thema wie das Asyl dermaßen
bestimmend ist. Den üblicherweise dominieren Personifizierung,
Inszenierung und Oberflächlichkeit die heißen Phasen. Gesichter
treten an die Stelle von Programmen, die Regie reagiert auf jedes
Lüfterl. Politische Kommunikation lässt sich daher schlecht planen,
reagiert wird im Stundentakt. Vieles lässt sich mit dem Hausverstand
nicht erklären, wenn etwa Regierende sich verhalten, als stünden sie
in Opposition zu sich selbst, wenn es ihnen gelingt, den Leuten zu
vermitteln, dass sie künftig gegen das antreten werden, was sie zuvor
zu verantworten gehabt haben. Auch das ist Wahlkampf.
Parteien sind nicht Joghurt. Es ist ungleich schwieriger, sie zu
verkaufen. Das Produkt ist nicht unumstritten, weil es einer
öffentlichen Auseinandersetzung unterliegt, es wird vom Konkurrenten
schlecht gemacht, seine Wesenszüge und Eigenschaften verschwimmen,
bleibt nur der Kandidat als wichtigstes Unterscheidungsmerkmal. Diese
Amerikanisierung der Politik ist längst vollzogen.
Das Prinzip, Entscheidungen an einer Person festzumachen ("Sepp"),
ist in unserer Kindheit angelegt worden. Man bildet sich sein
Parteienurteil über ein Gesicht, was demokratisch nicht
unproblematisch ist. Der Spitzenkandidat verfügt über zu viel Gewicht
und Deutungshoheit, auch innerparteilich kann er mit seinen
Äußerungen Richtungen vorgeben, die Gremien können nur abnicken.
Dennoch werden Regie und Bewerbung künftig noch wichtiger werden,
weil die Politik auf eine Bevölkerung trifft, die immer weniger mit
Politik anzufangen weiß. Und an der Urne wird immer weniger aus
Tradition oder Überlegung entschieden, sondern aufgrund eines Gebräus
aus Wissen, Halbwissen, Gefühlen und Stimmungen. Dieses Gemisch wird
jetzt gemixt. Halten Sie sich daher an die Fakten, versuchen Sie es
wenigstens!
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