OÖNachrichten-Leitartikel: "Warum Politik nicht wie Joghurt ist", von Gerald Mandlbauer

Ausgabe vom 12. September 2015

Linz (OTS) - Wahlkampf ist auch, wenn sich die Journalisten über die Inhaltsleere der politischen Auseinandersetzung beklagen, meinte jüngst der Grüne Christoph Chorherr. "Sie ignorieren die Inhalte, vereinfachen sie und blasen zugleich die personellen Auseinandersetzungen auf." Ganz unrecht hat er damit vielleicht nicht.
Wir Journalisten wiederum kicken den Ball zurück ins Feld der Politik - und liegen auch nicht falsch damit. In Wahlkämpfen ist für die prioritären Fragen wenig Platz, und es ist schon eine Ausnahme, wenn im oberösterreichischen Wahlkampf ein Thema wie das Asyl dermaßen bestimmend ist. Den üblicherweise dominieren Personifizierung, Inszenierung und Oberflächlichkeit die heißen Phasen. Gesichter treten an die Stelle von Programmen, die Regie reagiert auf jedes Lüfterl. Politische Kommunikation lässt sich daher schlecht planen, reagiert wird im Stundentakt. Vieles lässt sich mit dem Hausverstand nicht erklären, wenn etwa Regierende sich verhalten, als stünden sie in Opposition zu sich selbst, wenn es ihnen gelingt, den Leuten zu vermitteln, dass sie künftig gegen das antreten werden, was sie zuvor zu verantworten gehabt haben. Auch das ist Wahlkampf.
Parteien sind nicht Joghurt. Es ist ungleich schwieriger, sie zu verkaufen. Das Produkt ist nicht unumstritten, weil es einer öffentlichen Auseinandersetzung unterliegt, es wird vom Konkurrenten schlecht gemacht, seine Wesenszüge und Eigenschaften verschwimmen, bleibt nur der Kandidat als wichtigstes Unterscheidungsmerkmal. Diese Amerikanisierung der Politik ist längst vollzogen.
Das Prinzip, Entscheidungen an einer Person festzumachen ("Sepp"), ist in unserer Kindheit angelegt worden. Man bildet sich sein Parteienurteil über ein Gesicht, was demokratisch nicht unproblematisch ist. Der Spitzenkandidat verfügt über zu viel Gewicht und Deutungshoheit, auch innerparteilich kann er mit seinen Äußerungen Richtungen vorgeben, die Gremien können nur abnicken. Dennoch werden Regie und Bewerbung künftig noch wichtiger werden, weil die Politik auf eine Bevölkerung trifft, die immer weniger mit Politik anzufangen weiß. Und an der Urne wird immer weniger aus Tradition oder Überlegung entschieden, sondern aufgrund eines Gebräus aus Wissen, Halbwissen, Gefühlen und Stimmungen. Dieses Gemisch wird jetzt gemixt. Halten Sie sich daher an die Fakten, versuchen Sie es wenigstens!

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