TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" vom 2. September 2015 von Christian Jentsch "Krieg und Elend klopfen an unsere Tür"

Innsbruck (OTS) - Und plötzlich sind der Krieg und das Elend ganz nah. Hunderttausende Flüchtlinge aus den Bürgerkriegsländern des Nahen Ostens und den Elendsgebieten Afrikas haben sich nach Europa aufgemacht, um Tod, Folter, Hunger und Armut zu entfliehen. Europa ist angesichts der Flüchtlingswelle schwer überfordert. Die in Sonntagsreden stets gepriesene Solidarität innerhalb der Gemeinschaft erweist sich - wenn es etwa um die Verteilung der Flüchtlinge geht -wieder einmal als leere Phrase.
Doch eines ist klar: Es werden noch mehr Flüchtlinge nach Europa kommen. Und auch Stacheldraht und Mauern werden sie nicht aufhalten. Vor den Toren Europas sind ganze Regionen in Auflösung begriffen:
Weite Teile des Nahen Ostens drohen regelrecht zu implodieren, die Säulen der etablierten Ordnung zerbersten, Staaten wie Syrien oder auch der Irak bestehen längst nur noch auf dem Papier. Und die schwarze Fahne des Kalifats des Islamischen Staates wirft dunkle Schatten auf die Zukunft für Millionen von Menschen, die von einem blutigen Bürgerkrieg regelrecht überrollt wurden und nun Hals über Kopf das Weite suchen müssen. Die nackten Zahlen von rund 250.000 Toten und Millionen Vertriebenen im syrischen Bürgerkrieg sprechen eine klare Sprache. Nachdem die westliche Intervention im Irak in einem Desaster endete und ein in Trümmern liegendes ethnisch und religiös tief gespaltenes Land zurückließ und auch Libyen nach dem Sturz Gaddafis heute in Chaos und Krieg versinkt, hält sich der Westen nun in Syrien zurück. Und versucht über Verbündete seine Interessen bei der blutigen Neuaufteilung der Region zu wahren. Dabei werden ganze Regionen im Elend sich selbst überlassen, dabei wird das Monster mit dem Namen Islamischer Staat nur halbherzig bekämpft, dabei ließ man die Unterstützer der Terrormiliz lange Zeit gewähren und drückte beide Augen zu. Doch durch Wegducken und Ignorieren werden sich die blutigen Bürgerkriege im Nahen Osten nicht lösen lassen. Syrien wurde zum Schlachtfeld eines grausamen Stellvertreterkrieges, der die ganze Region in den Abgrund zu stürzen droht.
Die Kriege und das damit verbundene Elend haben Europa erreicht. Es ist höchst an der Zeit, endlich mit allen Kräften dem Irrsinn in Syrien den Kampf anzusagen. Es ist für Europa höchst an der Zeit, aus dem selbstgefälligen Tiefschlaf zu erwachen und sich aktiv an der Konfliktlösung zu beteiligen - mit dem Verteilen von Almosen wird nichts gelöst. Die aktuelle Flüchtlingskrise müsste vielen die Augen öffnen. Aber zugegeben: Die Hoffnung ist gering.

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