- 01.09.2015, 10:58:18
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Chronisch entzündliche Darmerkrankungen (CED) – das Versorgungsmodell der Zukunft

Alpbach/Wien (OTS) - Bis zu 80.000 Österreicher leiden an chronisch
entzündlichen Darmerkrankungen (CED) wie Morbus Crohn oder Colitis
ulcerosa. Beide Erkrankungen sind durch eine Überreaktion des
Immunsystems entlang des Magen-Darm-Trakts gekennzeichnet. Der Verein
Darm Plus setzt sich vor allem für eine weitreichende
Bewusstseinsbildung für CED und eine Verbesserung der medizinischen
Versorgung in diesem Bereich ein. Vor diesem Hintergrund fand eine
hochkarätige Expertenrunde im Rahmen der Gipfelgespräche auf der
Schafalm in Alpbach statt, die sich aus Fachexperten und - für die
Versorgungsstruktur relevanten - Stakeholdern zusammensetzte. Im
Mittelpunkt standen sowohl Awareness und Früherkennung als auch die
aktuelle Versorgungslage und die Bedürfnisse der Betroffenen.
Frau S. ist 48 Jahre alt und erhielt vor zehn Jahren die Diagnose
Morbus Crohn. Die Symptome, u.a. Unwohlsein und Durchfall, begannen
bereits vor 30 Jahren und wurden immer schlimmer. Sie verlor massiv
an Gewicht und kollabierte fast täglich. Eine chronisch entzündliche
Darmerkrankung wurde seitens der behandelnden Ärzte stets
ausgeschlossen. Erst als ihr Zustand Frau S. ins Spital führte, wurde
der konkrete Verdacht auf eine chronische Erkrankung ausgesprochen.
Ganze 20 Jahre nach Auftreten der ersten Symptome wurde letztlich die
Diagnose Morbus Crohn gestellt. Seither kämpft Frau S. nicht nur mit
den bürokratischen Hürden des Systems, sondern findet sich auch immer
wieder in unannehmbaren Situationen für Menschen, die an einer
solchen Erkrankung leiden. So musste sie etwa - obwohl sie aufgrund
doppelter Immunsuppression große Menschenansammlungen meiden soll -
mehrmals stundenlang in Wartezimmern mit unzähligen anderen Kranken
verbringen.
Diese und viele andere Probleme von Betroffenen kann auch Ing. Evelyn
GROSS von der Österreichischen Morbus Crohn-Colitis ulcerosa
Vereinigung (ÖMCCV) bestätigen: "Die typischen Symptome dieser
Erkrankungen werden - trotz vergleichsweise einfacher
Diagnosestellung an Hand von speziellen Blutparametern oder einer
Koloskopie - oft nicht ernst genommen und Erkrankte nicht selten als
Hypochonder klassifiziert. Hinzu kommt das bei Familie und Freunden
oft enden wollende Verständnis, wenn Termine aufgrund der Erkrankung
kurzfristig abgesagt werden. Die Verfügbarkeit einer freien Toilette
in unmittelbarer Nähe wird unabdingbar, die Scham ein
lebensbestimmendes Schlagwort. Die Awareness gegenüber chronisch
entzündlichen Darmerkrankungen ist in den letzten Jahren zwar
gestiegen, dennoch ist noch Vieles zu tun - insbesondere im Bereich
der Früherkennung", so GROSS.
Case Manager als Begleiter für Betroffene
Seitens der Sozialversicherungsanstalt der gewerblichen Wirtschaft
begegnet man dem Problem mit sogenannten Case Managern. Diese haben
die Aufgabe, Patienten von der Diagnosestellung bis zur Therapie
durch das medizinische und bürokratische System zu begleiten: "Primär
kommunizieren wir das in Richtung der Ärzteschaft, natürlich sind bei
uns aber alle SVA Mitarbeiter, allen voran jene in den Call Centern,
diesbezüglich geschult. Ich rufe alle unsere Versicherten dazu auf,
sich bei Fragen an uns zu wenden. Zudem werden vor allem Anliegen von
chronisch Kranken rasch von den speziell ausgebildeten SVA Case
Managern und bei Bedarf in Unterstützung vom unserem Ombudsmann
zeitnahe wie unbürokratisch serviciert. Ab Ende 2016 startet die
Pilotphase für eine österreichweit einheitliche "Gesundheitshotline".
Ziel dabei ist es, Anrufern rund um die Uhr - mit einem "best point
of service" - bei der Orientierung im Gesundheitswesen zu
unterstützen und über die Dringlichkeit einer Behandlung zu
informieren. Die unterstützt vor allem die Betroffenen, dass sie noch
schneller an die zuständigen Case Manager gelangen", so Mag.
Alexander HERZOG, Obmann Stv. in der Sozialversicherungsanstalt der
gewerblichen Wirtschaft.
Anamnese ist essentiell
Dass das Zuhören und die Anamnese das wichtigste Tool für den
praktischen Arzt ist, weiß Dr. Christoph DACHS, Präsident der
Österreichischen Gesellschaft für Allgemeinmedizin: "Beschwerden im
Darmbereich sind in der Praxis etwas sehr Häufiges. Als
Reizdarmsyndrom werden diese aber erst klassifiziert, wenn alle
anderen Krankheiten ausgeschlossen sind. Im Alltag ist die Anamnese,
also das direkte Gespräch mit dem Patienten, entscheidend und der
wichtigste Baustein für eine rasche Diagnosestellung. Ich denke, hier
bedarf es zusätzlicher Awareness innerhalb der Ärzteschaft." "Bei
erfolgreicher Abklärung durch den Hausarzt ist jedoch die
Weiterleitung an ein CED-Spezialzentrum essentiell", so Univ.-Prof.
DI Dr. Harald VOGELSANG. Frühe Intervention kann den Therapieerfolg
entscheidend bestimmen. Auch Univ.-Prof. Dr. Herbert TILG betonte,
dass auf dem Spezialgebiet der CED langjährige Erfahrung und eine
gute Spezialausbildung unbedingt notwendig sind. Die Schaffung dieser
Zentren sei in den letzten 10 Jahren gut gelungen, die Awareness bei
den Hausärzten, den Apothekern und in der Bevölkerung muss allerdings
noch gestärkt werden.
Ausbau des CED-Pflegepersonals gewünscht
Die Gesprächsteilnehmer waren sich überwiegend einig hinsichtlich des
Ausbaus des fachlichen Pflegepersonals: "Aus unserer Sicht ist nicht
nur die Therapie, sondern auch die Therapiebegleitung essentiell.
Diese gibt dem Patienten Sicherheit und schafft Vertrauen. Im Rahmen
unserer Möglichkeiten möchten wir diese natürlich übernehmen.
Wohlbefinden wird schließlich primär dann aufrechterhalten, wenn die
Therapie weitergeht. Auf Grund der intensiven Erfahrungen ist unser
Wissen über den Umgang mit der Krankheit schon ein sehr gutes. Ich
selbst habe in meinem persönlichen Umfeld jemanden, der eine
chronisch entzündliche Krankheit hat und eine Dauertherapie erhält.
Als CED-Schwester könnte ich chronische Patienten eigentlich optimal
begleiten. Zur Weiterverschreibung eines Medikaments musste aber der
praktische Arzt kontaktiert werden, der die Krankheit verharmloste.
So etwas darf nicht passieren!", so DGKS Anita BEYER von darm plus
bzw. IVEPA, dem Interessensverband Endoskopiepersonal Austria. Dass
die Versorgung in all jenen Ländern deutlich besser ist, in denen das
CED Fachpersonal bereits gut etabliert ist, wurde übrigens seitens
des ÖMCCV bestätigt, der in der Europäischen Vereinigung für Morbus
Crohn und Colitis ulcerosa mitwirkt.
"In Tirol haben wir schon frühzeitig damit begonnen, Infusionen an
das entsprechende Fachpflegepersonal auszulagern. Dennoch bedaure ich
sehr, dass es uns bis heute nicht gelungen ist, diese Therapien zu
einer medizinischen Einzelleistung (MEL) im Sinne der
Leistungsorientierten Krankenhausfinanzierung (LKF) mit
entsprechender Vergütung für die Spitäler weiterzuentwickeln. Wenn
man vergleicht, wie rasch das im Bereich der Onkologie geschieht, so
wird aus meiner Sicht mit zweierlei Maß gemessen. Das ist
frustrierend und ich führe es auf die fehlende Wertschätzung des
Systems gegenüber chronischen Darmerkrankungen zurück", so
Univ.-Prof. Dr. Herbert TILG von der Med Uni Innsbruck. "In der
Steiermark ist es gelungen, Biologikainfusionen an den Tageskliniken
nahe der CED-Zentren zu verabreichen, was für die Patienten wegen
einer engmaschigen Kontrolle durch Spezialisten sicher von Vorteil
ist und auch dem internationalen Trend entspricht. Mehr
niedergelassene Gastroenterologen wären jedoch zur besseren Betreuung
von CED Patienten wünschenswert.", so Prof. HÖGENAUER von der Med Uni
Graz.
Situation in Wien
"In Wien sind wir in der glücklichen Lage, dass CED bereits in den
Landeszielsteuerungskatalog aufgenommen wurden. Seit Mitte Jänner
treffen wir uns regelmäßig im Rahmen einer Arbeitsgruppe, die der
Politik sozusagen vorgearbeitet und ein Schema von drei
Versorgungsebenen entwickelt hat. Sie setzt sich aus dem
entsprechenden Fachpflegepersonal, praktischen Ärzten,
niedergelassenen Internisten, Chirurgen, Selbsthilfegruppen sowie
Gesundheitsökonomen und weiteren Experten zusammen und entwickelte
ein Konzept für die zukünftige, bessere Patientenversorgung und
sektorenübergreifende Kooperation. Die primäre Versorgungsebene
umfasst Hausarzt, Gruppenpraxen und PHC. Hier werden Patienten mit
entsprechenden Beschwerden gescreent und bei Verdachtsdiagnose CED
zur weiteren Untersuchung an Spezialisten verwiesen. In der
sekundären Ebene wird die Möglichkeit zur endoskopischen Untersuchung
vorausgesetzt, was bei einem entsprechenden Facharzt oder einer
Spitalsambulanz gegeben ist. An dieser Stelle soll die definitive
Diagnosestellung und primäre Therapiefestlegung - etwa im Rahmen
einer Rescue-Therapie - erfolgen. Wünschen würde ich mir dringend
zusätzliche niedergelassene Gastroenterologen zur Diagnostik und
primären Versorgung dieser speziellen Patienten. Nach Diagnose soll
auf die höchste Ebene verwiesen werden, wo der Patient durch das
CED-Personal in einem Datensystem erfasst und von den
CED-Spezialärzten die bestmögliche Therapie vorgeschlagen wird. Mit
diesem Therapie- und Monitoring-Vorschlag wird er in der Regel in die
zweite Versorgungsebene entlassen. Entsprechend Form und Schweregrad
der Erkrankung kann dann das Prozedere aber variieren.
Zusammenfassend ist die schnellstmögliche Diagnose ebenso wichtig wie
die Verfügbarkeit der besten und neusten Therapien für alle
CED-Patienten", so Univ.-Prof. DI Dr. Harald VOGELSANG, Präsident von
darm plus.
"Wir müssen uns im Kollektiv bemühen, die bestmögliche Leistung für
die Patientinnen und Patienten zur Verfügung zu stellen. In diesem
Zusammenhang brauchen wir auch den Mut, unseren Leistungskatalog zu
evaluieren und jene Leistungen, die vielleicht nicht mehr beansprucht
werden zu streichen. Dadurch könnten wir letztendlich auch Mittel zur
Finanzierung der angesprochenen Maßnahmen generieren", schließt Mag.
Martin SCHAFFENRATH vom Hauptverband der Österreichischen
Sozialversicherungsträger ab. Einig war man sich, dass der
Föderalismus in Österreich eine effiziente Versorgung erschwert, sei
es bei Infusionszentren, CED-Schwestern oder bei Erstattungsfragen zu
Medikamenten.
Gesundheit & Politik. Gipfeltreffen auf der Schafalm
Im Rahmen der von PERI Group veranstalteten Hintergrundgespräche und
Expertendiskussionen werden in gewohnter Weise Positionen
präsentiert, Zusammenhänge hergestellt, Meinungen geteilt, Ideen
entwickelt und Lösungen ermöglicht. Ein offener Austausch und die
gemeinsame Entwicklung neuartiger Ansätze stehen dabei im
Vordergrund. "Die Kombination aus informeller Zurückgezogenheit im
"Tal der Denker" bei gleichzeitig vorhandener hochwertiger
Infrastruktur für Diskussionen und Workshops wird es erlauben, im
Rahmen der Gipfelgespräche auf der Schafalm auch klare inhaltliche
Fortschritte zu erarbeiten", so Mag. Hanns Kratzer.
Weitere Informationen: www.schafalm-gesundheit.at
Das Expertengespräch wurde unterstützt von Takeda Pharma Ges.m.b.H.,
www.takeda.at
Über die PERI Group
Die PERI Group ist ein umfassender Full-Service Dienstleister und
beschäftigt sich mit der Entwicklung, Betreuung und Umsetzung von
Projekten im österreichischen Gesundheitssektor. Sie ist eine Gruppe
von Unternehmen, die sich auf verschiedene Teilbereiche und
abgestimmte Dienstleistungen im Gesundheitsbereich spezialisieren.
Das breitgefächerte Portfolio deckt strategisches Networking und
Marketing- bzw. Vertriebsstrategien, die Aufbereitung von
medizinischen state-of-the-art Forschungsergebnissen zur Verwendung
in der Praxis sowie klassische Kommunikationskonzepte in Werbung und
PR ab. Durch das Zusammenlegen verschiedener Kompetenzen und das
"pooling" von langjähriger Erfahrung und Wissen, entwickelt die
Gruppe für Ihre Herausforderung individuell zugeschnittene
Lösungskonzepte. Zur PERI Group zählen: PERI Consulting GmbH, PERI
Human Relations GmbH, PERI Marketing & Sales Excellence GmbH, PERI
Business Development GmbH, PERI Change GmbH mit ihren Partnern Update
Europe und Welldone Werbung und PR GmbH. Weitere Infos unter
www.perigroup.at
Weitere Bilder zur Veranstaltung finden Sie unter:
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