- 24.07.2015, 19:30:01
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Wiener Zeitung - Leitartikel von Reinhard Göweil: "Traum und Wirklichkeit"
Ausgabe vom 25.7.15
Utl.: Ausgabe vom 25.7.15 =
Wien (OTS) - Wien ist erneut von einer Zeitschrift zu einer der
lebenswertesten Städte gekürt worden. Wien zählt zu den am
schnellsten wachsenden Hauptstädten Europas und kommt damit ganz gut
zurecht. Die Infrastruktur funktioniert, die Angebote ebenfalls, es
ist möglich, nachts durch die Stadt zu gehen, ohne ausgeraubt zu
werden. Skandale gibt es, sie halten sich im Vergleich mit anderen
europäischen Hauptstädten aber in Grenzen. Mafiaverstrickungen wie in
Rom? Ein Desaster wie der Flughafen Berlin? Gibt es nicht. Die
umliegenden Bezirke Niederösterreichs verdanken ihren Wohlstand einer
Hauptstadt, die im Großen und Ganzen toll funktioniert.
Die seit 1945 regierende SPÖ sollte also problemlos wiedergewählt
werden. Wird sie aber nicht, wenigstens nicht den aktuellen Umfragen
zufolge.
Das hat mehrere Ursachen. Erstens werden in Wien Irritationen zu
Skandalen hochgejazzt, siehe Mariahilfer Straße. Wenn der 13A im
Verkehr stecken bleibt, ist das Rathaus unfähig, was natürlich Unsinn
ist.
Zweitens ist die regierende SPÖ der unerschütterlichen Meinung, dass
sie alles super macht. Das stimmt über weite Strecken, hat die Partei
aber sehr träge gemacht. Heute lebt sie von den Umfragewerten des
Bürgermeisters, nicht von ihrer Lebendigkeit. Von gesellschaftlicher
Avantgarde ist wenig geblieben, es werden die (herzeigbaren)
Leistungen verwaltet.
Diese Verkrustung, die sich bei den oftmals familiären
Funktionärsverbindungen fortsetzt, kommt bei den Bürgern nicht gut
an. Das ist kein Privileg der Wiener SPÖ, es geht auch anderen
Parteien so. Doch die Wiener Sozialdemokratie steht auch mehr in der
Auslage als andere. Sie ist - neben den Gewerkschaften - das
Machtzentrum der Sozialdemokratie in Österreich. Man stelle sich das
politische Beben vor, sollte die ÖVP in Niederösterreich den
Landeshauptmann verlieren. So geht es der SPÖ in Wien.
Wenn also am 11. Oktober in Wien gewählt wird, geht es nicht um die
Qualität der Stadt Wien. Die ist unbestritten. Es geht darum, dass
sich diese Welt verdammt schnell wandelt, und einer Partei, die alt
ausschaut, wird weniger zugetraut, die Zukunft zu meistern. Vor allem
von Jungen, die mit dem glorreichen "roten Wien" wenig anfangen
können. Ob die SPÖ das Steuer noch herumreißen kann, hängt daher
nicht von den politischen Gegnern ab, sondern von ihr selbst.
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