Wiener Zeitung - Leitartikel von Thomas Seifert: "Amerika, du hast es besser"

Ausgabe vom 24.7.15

Wien (OTS) - Hire and fire, Einstellen und Feuern, so lautet die Devise des US-Arbeitsmarkts - eine unschöne Praxis. Derzeit steht die Nadel am Arbeitsmarktindikator aber auf hire und nicht auf fire. In der vergangenen Woche wurden 255.000 neue Anträge auf Arbeitslosenunterstützung gestellt, so wenige wie seit November 1973 nicht mehr. Das heißt im Klartext: Es wurden in dieser Woche so wenige Mitarbeiter gekündigt wie seit 41,5 Jahren nicht mehr. Diese Zahl ist ein weiterer Mosaikstein im Bild einer sich immer besser entwickelnden US-Wirtschaft.

Zum Vergleich: In den USA (318,9 Millionen Einwohner) sind derzeit 8,3 Millionen Menschen arbeitslos gemeldet (Arbeitslosenrate: 5,3 Prozent), in der Eurozone (337,4 Millionen Einwohner) sind 17,73 Millionen arbeitslos (Arbeitslosenrate: 11,1 Prozent). Was den Arbeitsmarkt betrifft, kann man derzeit nur neidvoll über den Atlantik blicken.

US-Präsident Barack Obama wird mit seiner Obamacare-Gesundheitsreform als größter Sozialreformer seit Franklin D. Roosevelt in die US-Geschichtsbücher eingehen. Der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäube verschreibt Europa hingegen eine harte Austeritätskur. In den USA setzt man auf Wachstum und Innovation. Das Resultat: Silicon Valley boomt. In Kalifornien probt Elon Musk mit seinen Tesla-Fahrzeugen die Zukunft der E-Mobilität, während die deutschen Autobauer (mit Ausnahme von BMW) noch immer im Hydrokarbonschlaf schlummern.

Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Die USA könnten viel von Europa lernen, aber die EU eben auch einiges von den USA. So haben im März 2000 die europäischen Staats- und Regierungschefs auf einem Sondergipfel in Lissabon vollmundig ein Programm mit dem Ziel verabschiedet, die EU innerhalb von zehn Jahren, also bis 2010, zum wettbewerbsfähigsten und dynamischsten wissensgestützten Wirtschaftsraum der Welt zu machen. Doch dann kam leider, leider, die Wirtschaftskrise 2008 dazwischen. Europäische Banken (allen voran deutsche Institute) haben Fantastilliarden in schwindligen US-Immobiliengeschäften verzockt. Die Lehman-Pleite wuchs sich zur Eurokrise aus, und die europäische politische Klasse erwachte aus den tollen Wachstumsfantasien von Lissabon und wurde auf die Berliner Erbsenzählerrealität heruntergeholt. Wie sagte schon Johann Wolfgang von Goethe: Amerika, du hast es besser.

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