• 23.07.2015, 19:30:01
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Wiener Zeitung - Leitartikel von Thomas Seifert: "Amerika, du hast es besser"

Ausgabe vom 24.7.15

Utl.: Ausgabe vom 24.7.15 =

Wien (OTS) - Hire and fire, Einstellen und Feuern, so lautet die
Devise des US-Arbeitsmarkts - eine unschöne Praxis. Derzeit steht die
Nadel am Arbeitsmarktindikator aber auf hire und nicht auf fire. In
der vergangenen Woche wurden 255.000 neue Anträge auf
Arbeitslosenunterstützung gestellt, so wenige wie seit November 1973
nicht mehr. Das heißt im Klartext: Es wurden in dieser Woche so
wenige Mitarbeiter gekündigt wie seit 41,5 Jahren nicht mehr. Diese
Zahl ist ein weiterer Mosaikstein im Bild einer sich immer besser
entwickelnden US-Wirtschaft.

Zum Vergleich: In den USA (318,9 Millionen Einwohner) sind derzeit
8,3 Millionen Menschen arbeitslos gemeldet (Arbeitslosenrate: 5,3
Prozent), in der Eurozone (337,4 Millionen Einwohner) sind 17,73
Millionen arbeitslos (Arbeitslosenrate: 11,1 Prozent). Was den
Arbeitsmarkt betrifft, kann man derzeit nur neidvoll über den
Atlantik blicken.

US-Präsident Barack Obama wird mit seiner Obamacare-Gesundheitsreform
als größter Sozialreformer seit Franklin D. Roosevelt in die
US-Geschichtsbücher eingehen. Der deutsche Finanzminister Wolfgang
Schäube verschreibt Europa hingegen eine harte Austeritätskur. In den
USA setzt man auf Wachstum und Innovation. Das Resultat: Silicon
Valley boomt. In Kalifornien probt Elon Musk mit seinen
Tesla-Fahrzeugen die Zukunft der E-Mobilität, während die deutschen
Autobauer (mit Ausnahme von BMW) noch immer im Hydrokarbonschlaf
schlummern.

Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Die USA könnten viel von
Europa lernen, aber die EU eben auch einiges von den USA. So haben im
März 2000 die europäischen Staats- und Regierungschefs auf einem
Sondergipfel in Lissabon vollmundig ein Programm mit dem Ziel
verabschiedet, die EU innerhalb von zehn Jahren, also bis 2010, zum
wettbewerbsfähigsten und dynamischsten wissensgestützten
Wirtschaftsraum der Welt zu machen. Doch dann kam leider, leider, die
Wirtschaftskrise 2008 dazwischen. Europäische Banken (allen voran
deutsche Institute) haben Fantastilliarden in schwindligen
US-Immobiliengeschäften verzockt. Die Lehman-Pleite wuchs sich zur
Eurokrise aus, und die europäische politische Klasse erwachte aus den
tollen Wachstumsfantasien von Lissabon und wurde auf die Berliner
Erbsenzählerrealität heruntergeholt. Wie sagte schon Johann Wolfgang
von Goethe: Amerika, du hast es besser.

www.wienerzeitung.at/leitartikel

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