WirtschaftsBlatt-Leitartikel: "Peking kapituliert vor den Märkten" - von André Kühnlenz

Wien (OTS) - Kann sich noch jemand an das Plunge Protection Team erinnern? Die Legende geht so: Immer, wenn es an den Börsen brennt, kaufen in Amerika Regierungsbeamte, Währungshüter und Banker Aktien auf, um die Kursstürze an der Wall Street abzufedern. Und das mindestens seit dem Crash des Jahres 1987.

Was derzeit in China abläuft, übertrifft selbst die kühnsten Vorstellungen von Verschwörungstheoretikern. So heftig, wie die Pekinger Regierung derzeit auf dem Aktienmarkt eingreift, um den Crash aufzuhalten. Großaktionäre sind verdammt worden, sechs Monate lang keine Aktien zu verkaufen, in Shanghai und Shenzhen kann nur noch die Hälfte der gelisteten Unternehmen gehandelt werden, kreditfinanzierte Handelsgeschäfte wurden mit Geldspritzen erleichtert.

Bislang sieht es so aus, als würde Peking den Kampf gegen die Märkte aber verlieren. Dabei hat der Staat über Monate nur eines gepredigt:
kaufen, kaufen, kaufen. Die Hausse beginne erst, hieß es noch im April in einer Parteizeitung. Da waren die Kurse seit Sommer 2014 bereits um gut 100 Prozent gestiegen, Mitte Juni lag das Plus bei 150 Prozent. Seitdem ist die Hälfte der Kurszuwächse wieder verloren gegangen. Nun drohen Proteste aufgebrachter Privatanleger, die oft auf Pump Aktien gekauft haben und jetzt auf Schulden sitzen bleiben. Autokonzerne oder Luxusgüterproduzenten weltweit sollten sich auf eine scharfe Geschäftsflaute einstellen. Die Kfz-Verkäufe litten ohnehin bereits unter dem Börsenboom, weil Vermögende lieber Aktien als Autos kauften.

Selbst wenn Chinas Führung den Kurssturz aufhalten kann, dürfte doch ihr Drang nach mehr Marktwirtschaft damit erlahmen und die Öffnung des Finanzsystem sich hinauszögern. So oder so kapituliert Peking also vor den Märkten.

Für die Investitionen droht vorerst wenig Gefahr. Dafür spielt die Börse eine viel zu geringe Rolle in der Unternehmensfinanzierung. Risken zeichnen sich aber sehr wohl ab. Sollten die Börsenturbulenzen auf Schwellenländer wie Brasilien oder die Türkei übergreifen, kann Kapitalflucht die Weltwirtschaft noch kräftig durcheinanderwirbeln.

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