- 09.07.2015, 18:30:01
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WirtschaftsBlatt-Leitartikel: "Peking kapituliert vor den Märkten" - von André Kühnlenz
Wien (OTS) - Kann sich noch jemand an das Plunge Protection Team
erinnern? Die Legende geht so: Immer, wenn es an den Börsen brennt,
kaufen in Amerika Regierungsbeamte, Währungshüter und Banker Aktien
auf, um die Kursstürze an der Wall Street abzufedern. Und das
mindestens seit dem Crash des Jahres 1987.
Was derzeit in China abläuft, übertrifft selbst die kühnsten
Vorstellungen von Verschwörungstheoretikern. So heftig, wie die
Pekinger Regierung derzeit auf dem Aktienmarkt eingreift, um den
Crash aufzuhalten. Großaktionäre sind verdammt worden, sechs Monate
lang keine Aktien zu verkaufen, in Shanghai und Shenzhen kann nur
noch die Hälfte der gelisteten Unternehmen gehandelt werden,
kreditfinanzierte Handelsgeschäfte wurden mit Geldspritzen
erleichtert.
Bislang sieht es so aus, als würde Peking den Kampf gegen die Märkte
aber verlieren. Dabei hat der Staat über Monate nur eines gepredigt:
kaufen, kaufen, kaufen. Die Hausse beginne erst, hieß es noch im
April in einer Parteizeitung. Da waren die Kurse seit Sommer 2014
bereits um gut 100 Prozent gestiegen, Mitte Juni lag das Plus bei 150
Prozent. Seitdem ist die Hälfte der Kurszuwächse wieder verloren
gegangen. Nun drohen Proteste aufgebrachter Privatanleger, die oft
auf Pump Aktien gekauft haben und jetzt auf Schulden sitzen bleiben.
Autokonzerne oder Luxusgüterproduzenten weltweit sollten sich auf
eine scharfe Geschäftsflaute einstellen. Die Kfz-Verkäufe litten
ohnehin bereits unter dem Börsenboom, weil Vermögende lieber Aktien
als Autos kauften.
Selbst wenn Chinas Führung den Kurssturz aufhalten kann, dürfte doch
ihr Drang nach mehr Marktwirtschaft damit erlahmen und die Öffnung
des Finanzsystem sich hinauszögern. So oder so kapituliert Peking
also vor den Märkten.
Für die Investitionen droht vorerst wenig Gefahr. Dafür spielt die
Börse eine viel zu geringe Rolle in der Unternehmensfinanzierung.
Risken zeichnen sich aber sehr wohl ab. Sollten die Börsenturbulenzen
auf Schwellenländer wie Brasilien oder die Türkei übergreifen, kann
Kapitalflucht die Weltwirtschaft noch kräftig durcheinanderwirbeln.
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