- 06.07.2015, 18:35:30
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WirtschaftsBlatt-Leitartikel: "Die EU am falschen Fuß erwischt"- von Wolfgang Tucek
Die EU trifft das Griechenland-Dilemma in einer kritischen Zeit. Nicht nur das Chaos an den Grenzen der Union haltet die Gemeinschaft bereits in Atem.
Utl.: Die EU trifft das Griechenland-Dilemma in einer kritischen
Zeit. Nicht nur das Chaos an den Grenzen der Union haltet die
Gemeinschaft bereits in Atem. =
Wien (OTS) - Die vergangenen zwei Wochen in Griechenland haben vor
Augen geführt, wie rasch das nur scheinbar stabile System der EU ins
Wanken geraten kann. Vieles deutet darauf hin, dass der Eurozone bald
ein Mitglied abhandenkommt. Dafür sorgte die Regierung in Athen mit
ihrem schwer durchschaubaren Spiel, das in einem hastig aufgesetzten
Referendum samt Ohrfeige für die Geldgeber gipfelte. Premier Alexis
Tsipras und Ex-Finanzminister Yanis Varoufakis haben bei der Werbung
für das Nein erfolgreich auf Propaganda gesetzt, statt ihre
Bevölkerung ehrlich zu informieren.
Geschlossene Banken, verzweifelte Rentner, die nur noch 120 Euro in
der Woche erhalten, Schlangen vor den Bankomaten, das drohende
Scheitern eines 340-Milliarden-Euro-Rettungsprogramms, die kaum
nachvollziehbare Fragestellung beim Referendum - an allem seien die
Geldgeber schuld, diese "Terroristen", die Griechenland einfach gern
demütigen. So trommelten Tsipras und Varoufakis. Und der EU - so sah
es aus - blieb nicht viel anderes übrig, als fassungslos zuzusehen.
Mit ihrem unberechenbaren Agieren haben die Syriza-Strategen sie am
falschen Fuß erwischt.
Denn die EU trifft das Griechenland-Dilemma in einer kritischen Zeit:
Ihre Nachbarschaftspolitik im Osten und Süden hat es nicht geschafft,
einen Ring von Freunden zu etablieren. Im Gegenteil: An den Grenzen
der EU herrscht Chaos. Libyen etwa liegt in Trümmern - ein
klassischer gescheiterter Staat, den Franzosen und Briten
mitherbeigebombt haben. Eine Folge ist der wachsende Ansturm
illegaler Migranten über das Mittelmeer, für den die EU mangels
Kooperation vieler Mitgliedstaaten keine Lösung findet.
Der wichtigste Ostpartner, die Ukraine, ist in langwierige
Kampfhandlungen in Grenzgebieten zu Russland verwickelt. Der dadurch
entfesselte Konflikt mit Moskau schadet nicht nur der Wirtschaft. Er
wirft auch die Frage der Energieversorgungssicherheit auf. Dann will
Großbritannien seine Beziehungen zur EU neu verhandeln. Und nicht
zuletzt springt die Konjunktur nur schleppend an, große Länder wie
Frankreich, aber auch Österreich zaudern bei Reformen für mehr
Wettbewerbsfähigkeit.
Immerhin glaubte die EU, die Finanz- und Wirtschaftskrise halbwegs
überstanden zu haben, da meldete sich die Griechenland-Krise mit
Wucht zurück. Sollte es zum Grexit kommen, wächst der EU die Fülle
der Probleme womöglich über den Kopf.
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