WirtschaftsBlatt-Leitartikel: "Die EU am falschen Fuß erwischt"- von Wolfgang Tucek

Die EU trifft das Griechenland-Dilemma in einer kritischen Zeit. Nicht nur das Chaos an den Grenzen der Union haltet die Gemeinschaft bereits in Atem.

Wien (OTS) - Die vergangenen zwei Wochen in Griechenland haben vor Augen geführt, wie rasch das nur scheinbar stabile System der EU ins Wanken geraten kann. Vieles deutet darauf hin, dass der Eurozone bald ein Mitglied abhandenkommt. Dafür sorgte die Regierung in Athen mit ihrem schwer durchschaubaren Spiel, das in einem hastig aufgesetzten Referendum samt Ohrfeige für die Geldgeber gipfelte. Premier Alexis Tsipras und Ex-Finanzminister Yanis Varoufakis haben bei der Werbung für das Nein erfolgreich auf Propaganda gesetzt, statt ihre Bevölkerung ehrlich zu informieren.

Geschlossene Banken, verzweifelte Rentner, die nur noch 120 Euro in der Woche erhalten, Schlangen vor den Bankomaten, das drohende Scheitern eines 340-Milliarden-Euro-Rettungsprogramms, die kaum nachvollziehbare Fragestellung beim Referendum - an allem seien die Geldgeber schuld, diese "Terroristen", die Griechenland einfach gern demütigen. So trommelten Tsipras und Varoufakis. Und der EU - so sah es aus - blieb nicht viel anderes übrig, als fassungslos zuzusehen. Mit ihrem unberechenbaren Agieren haben die Syriza-Strategen sie am falschen Fuß erwischt.

Denn die EU trifft das Griechenland-Dilemma in einer kritischen Zeit:
Ihre Nachbarschaftspolitik im Osten und Süden hat es nicht geschafft, einen Ring von Freunden zu etablieren. Im Gegenteil: An den Grenzen der EU herrscht Chaos. Libyen etwa liegt in Trümmern - ein klassischer gescheiterter Staat, den Franzosen und Briten mitherbeigebombt haben. Eine Folge ist der wachsende Ansturm illegaler Migranten über das Mittelmeer, für den die EU mangels Kooperation vieler Mitgliedstaaten keine Lösung findet.

Der wichtigste Ostpartner, die Ukraine, ist in langwierige Kampfhandlungen in Grenzgebieten zu Russland verwickelt. Der dadurch entfesselte Konflikt mit Moskau schadet nicht nur der Wirtschaft. Er wirft auch die Frage der Energieversorgungssicherheit auf. Dann will Großbritannien seine Beziehungen zur EU neu verhandeln. Und nicht zuletzt springt die Konjunktur nur schleppend an, große Länder wie Frankreich, aber auch Österreich zaudern bei Reformen für mehr Wettbewerbsfähigkeit.

Immerhin glaubte die EU, die Finanz- und Wirtschaftskrise halbwegs überstanden zu haben, da meldete sich die Griechenland-Krise mit Wucht zurück. Sollte es zum Grexit kommen, wächst der EU die Fülle der Probleme womöglich über den Kopf.

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